Szene aus dem Set des Films Metropolis (1926)  Foto: Horst von Harbou / Wikipedia Commons

Extrem rechte Perspektiven auf Künstliche Intelligenz – Teil 2

Die Veröffentlichung von ChatGPT hat Ende 2022 einen Hype um Künstliche Intelligenz (KI) ausgelöst. KI-Technologie wird mittlerweile von vielen Menschen genutzt, sie findet sich in Suchmaschinen, dem Finanzwesen, der Personalführung, dem Bildungssektor, der Medizin und auch der Kriegsführung wieder. Die vorliegende Ausgabe widmet sich dem gesellschaftlichen Diskurs über die Chancen und Risiken von KI sowie den Perspektiven der extrem rechten Medienlandschaft.

Von Dana Fuchs und Vera Henßler

Niedergang der Demokratie und Verlust des Realen

Zwar dominieren in der Jungen Freiheit Artikel, die KI trotz aller Risiken zuerst als wirtschaftliche Chance begreifen, vereinzelt gibt es jedoch auch Stimmen, die gesamtgesellschaftliche Auswirkungen im Blick haben. Hierzu zählt der Beitrag »Technik die entgeistert« von Felix Dirsch. Der Autor äußert die These, dass die fortschreitende Digitalisierung, die Entwicklung intelligenter Maschinen und eine Verlagerung des Politischen ins Virtuelle letztlich zum Ende von Demokratie und Liberalismus führen werden. (15/2025)

Dieser Aspekt treibt auch Martin Lichtmesz (bürgerlich: Semlitsch) um. Für die Sezession kommentiert er hin und wieder aktuelle Debatten rund um KI, wenn auch zähneknirschend, da ihm das Thema »in der Regel schlechte Laune« bereite und ihm »normalerweise physisch schlecht« werde von »KI-Produkten in Wort und Bild«. Lichtmesz Ausführungen stehen stellvertretend für die rar gesäten Stimmen in der extremen Rechten, die generative KI ablehnen. Diese Welt sei geradezu dämonisch, da »die Imitation der Wirklichkeit […] bereits jetzt einen äußerst verstörenden Grad erreicht« habe. (sezession.de, 22.04.2024) Hinzu komme die Entwertung der Kunst durch »eine Mega-Inflation von Bildern, Worten und Tönen, hinter denen kein Mensch, kein Schöpfer mehr steht«. Den künstlich generierten Bildern aus »greller Überperfektion« fehle »das Element der Anstrengung, des Leidens, des tatsächlichen Könnens«, weil sie »errechnete, maschinelle Serienprodukte sind, selbst wenn sie von einem Gestalter individuell modelliert werden«.

Kunst und Propaganda

Eine Gegenposition vertritt Alexander ›Malenki‹ Kleine, dessen Firma Tannwald Media die weit verbreiteten Memes des Social-Media-Accounts Wilhelm Kachel verantwortet. Ihre Ästhetik erinnert an NS-Propaganda: Blonde, stereotyp aussehende junge Frauen und muskulöse Männer, dazu ein plakativer Slogan. Neben Wilhelm Kachel steckt Tannwald Media auch hinter dem noch recht jungen KI-Projekt Grimbart Studio, das Comichefte und KI-generierte kurze Filmchen zu historischen Narrativen verbreitet, und das offensichtlich mit Erfolg: Das 2025 begonnene Projekt hat auf Instagram mit 30.000 Follower*innen bereits jetzt mehr Zuspruch als Wilhelm Kachel. Die von Grimbart porträtierten Helden, so die Selbstdarstellung, seien »Menschen aus Fleisch und Blut, die Mut, Treue und Tatkraft verkörpern. Damit machen wir Vergangenheit greifbar und eröffnen neue Perspektiven für Gegenwart und Zukunft.«

Dieser Ansatz wird prominent auch von der Identitären Bewegung, aus deren Reihen Kleine kommt, für mobilisierende Zwecke verfolgt.[1] Kleine hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Im Bundestagswahlkampf 2025 produzierte Tannwald Media KI-Wahlwerbung für die AfD.

In Krautzone wirbt Kleine für den politischen Einsatz generativer KI[2] als praktischem Hilfsmittel für Alle mit wenigen Ressourcen. Gerade politische Inhalte müssten nicht ästhetisch hochwertig sein: »Politische Kommunikation ist keine Hochkultur, sondern Wegwerfkunst. Sie muss nicht museal sein, sie muss wirken. Propaganda lebt von Geschwindigkeit, Wiederholung und Omnipräsenz.« (01/2026) In diesem Sinne wirke KI als »Muskelprotz« und diene der »Steigerung der Produktivität«. Tannwald Media ist ein prägnantes Beispiel für den Einsatz generativer KI durch extrem rechte Medienaktivisten, wobei sowohl massentaugliche Propaganda (Wilhelm Kachel) als auch jugendkulturell verarbeitete, identitäre Erzählungen (Grimbart) verbreitet werden.

Das neonazistische Magazin N.S. Heute druckte indes ein Interview mit dem eher unbedeutenden Projekt Basierte Kunst, das ebenfalls Memes produziert. (43/2024) KI wird auch hier als legitimes und fortschrittliches Werkzeug künstlerischer Tätigkeit dargestellt, das die Arbeit erleichtere, neue Freiräume schaffe und dem politischen Aktivismus diene. Während Basierte Kunst seine Bilder als »Kunst 3.0« versteht, da sie auf eigenen Ideen, Entscheidungen und Vorgaben beruhten, sind sich viele Autoren der rechten Publizistik, egal ob Befürworter oder Gegner, darin einig, dass durch KI hergestellte Musik, Bilder oder Filme qualitativ meist nicht besonders anspruchsvoll sind.

Philip Stein, Volker Zierke und Michael Schäfer (Hydra Verlag) monieren im Podcast des auf faschistische Literatur spezialisierten Jungeuropa Verlags zum Thema »Kunst und KI«, dass die Menschen dadurch immer mehr verblödeten und die Künstler von morgen ›kaputt gemacht‹ würden.

Hannes Plenge bezeichnet die massenhafte Verbreitung solcher Inhalte in Krautzone als »Berieselung«, sieht die Entwicklung jedoch in einem größeren Zusammenhang: »Durch die KI wird lediglich ein Trend fortgesetzt, der schon lange anhält und den modernen Menschen in seiner ganzen Würdelosigkeit bloßstellt. Die Kunst ist tot, und KI ist lediglich die konsequente Fortführung dieser Entwicklung.« (01/2026) Dennoch hält Plenge es mit Sellner, denn der Nutzen der Technik für die politische Mobilisierung sei immens: »Solange wir als Vorreiter der KI-Revolution agieren und die neue Technologie in unserem eigenen Sinne zu nutzen wissen, ergeben sich schier ungeahnte Möglichkeiten.« Auch in N.S. Heute wird diese Perspektive vertreten. Andreas Hörnlein, regelmäßiger Autor der Rubrik Weltanschauung, hebt hervor, dass insbesondere in der Memekultur Rechte »keine andere Wahl« hätten als den Anschluss zu behalten, um die Jugend zu erreichen und »im Alltag sichtbare Propaganda zu schaffen«. (48/2025)

Wie sich die Rechte positionieren sollte, wurde in der Jungen Freiheit diskutiert. Der Auftakt kam von Julian Islinger, der in seinem Artikel »Das dröhnende Schweigen der Rechten zur KI« eine mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema beklagte. (28/2025) Zwar nutze die Rechte das Internet als »effektive Spielwiese«, um ihre Positionen »ohne Umwege und Zensur unter das Volk zu bringen«. Sie reflektiere dabei jedoch den Charakter von KI nicht, diese sei »ein schäbiger Dieb, ein betrügerischer Krämer, ein Instrument der Vermassung und darüber hinaus ohne jeden prometheischen oder transzendentalen Funken«.

Michael Wiesberg plädiert in der darauffolgenden Ausgabe für einen »differenzierten rechtskonservativen Umgang mit KI – jenseits von Verfallsdiagnosen, Technikverachtung und fruchtlosem Kulturpessimismus«. (29/2025) Wiesberg befasst sich seit Jahren mit dem Thema, unter anderem auch in der Sezession. In Reaktion auf Islingers »Polemik« verweist er in der JF auf mögliche Fortschritte durch KI. Dazu zähle etwa der Zugewinn von Ausdrucksmöglichkeiten für Menschen »ohne Zugang zu künstlerischer Bildung, mit körperlichen Einschränkungen oder aus ökonomisch benachteiligten Regionen«, also »Teilhabe, nicht Dekadenz«. Auch Felix Dirsch plädiert in der JF dafür, sich des Themas anzunehmen: »Keine relevante politische Strömung kann technische Mittel grundsätzlich vernachlässigen, auch Konservative nicht, die sich anfangs gern ablehnend verhalten, später aber öfter akzeptieren.« (47/2025)

KI als »woker Kulturkampf«

Selbst aus den Beiträgen zu Künstlicher Intelligenz ist das rechte Dauerthema vermeintlicher Meinungs- und Sprechverbote nicht wegzudenken. Diskutiert wird, wie KI-Chatbots Inhalte generieren oder blockieren, wobei sich eine ›linke Meinungsdiktatur‹ auf die Ergebnisse niederschlage. Reinhold Krug, regelmäßiger Autor der Zuerst! meint: »Politisch unerwünschte Ergebnisse – etwa zu Fragen der Zeitgeschichte, Biologie oder zu Corona – sollen um jeden Preis verhindert werden.« (03/2024) Laut Krug würden KI-Bildgeneratoren »Europäer« oder »weiße Menschen« ebenso wenig darstellen wie Abbildungen von NS-Architektur oder bestimmte Kriegsszenen aus dem Zweiten Weltkrieg, während »kommunistische Propaganda« uneingeschränkt möglich sei. Ergänzt wird dies durch Kai-Uwe Reiters Behauptung in Compact, dass Entwickler rechte Inhalte blockierten, da sich diese sonst als wahr erweisen und das aktuelle linke »Lügengebäude« aufgedeckt würde. (07/2025) Gil Barkei blickt in der Jungen Freiheit sorgenvoll auf den Programmierprozess, der die Ergebnisse zugunsten eines »woken Kulturkampfes« verzerre: »Aus Sicht rechtskonservativer Alternativmedien birgt das die Gefahr, die Roboter könnten noch linksliberal einseitiger als ihre menschlichen Übungsleiter werden. Denn was bekommt man wohl, wenn man eine KI mit Mainstreammaterial füttert? Richtig, eine Mainstream-KI!« (13/2014)

Selbst aus den Beiträgen zu Künstlicher Intelligenz ist das rechte Dauerthema vermeintlicher Meinungs- und Sprechverbote nicht wegzudenken.

Besonders deutlich zeigt sich die dogmatische Zuspitzung in inszenierten ›Interviews‹ mit Chatbots, die mit suggestiven, ideologisch aufgeladenen Fragen konfrontiert werden. Das neonazistische Magazin Volk in Bewegung druckte Auszüge eines ›Interviews‹ Ken Jebsens mit dem Sprachmodell Grok zu der Frage, über was nicht negativ berichtet werden dürfe. Die angebliche Antwort enthält zentrale extrem rechte Narrative wie Holocaust-Leugnung, Transgender-Debatten, Impfkampagnen, sowie Berichterstattung über Israel und verschwörungsideologisch aufgeladene historische Ereignisse. (05/2025) Bei unserem Versuch, die gleichen Fragen in weit verbreitete Sprachmodelle einzugeben, hat sich ein anderes Bild ergeben. ChatGPT, Gemini oder Grok verweisen nicht auf ›Verbotslisten‹ von Personen oder Themen, sondern auf allgemeine Richtlinien, insbesondere das Verbot von Gewaltaufrufen, Entmenschlichung oder Diskriminierung aufgrund verschiedener Merkmale. Kritik an politischen Akteur*innen oder der Darstellung historischer Ereignisse ist grundsätzlich möglich, solange sie diese Grenzen nicht überschreitet. Die Antworten aus dem Artikel wirken affirmativ und zielen stark auf extrem rechte Narrative ab. Sie erscheinen damit wie ein Ergebnis eines gezielten Prompt-Designs.

Instrumentalisierung diskriminierungskritischer Diskurse

Die Beiträge des Compact-Magazins ragen im Vergleich mit anderen extrem rechten Periodika heraus, da sie sich durch eine durchweg negative Sicht auf KI auszeichnen. Dabei wird KI selten isoliert betrachtet, sondern fast immer in größere ideologische Zusammenhänge eingebettet. Zentral sind Texte zum Thema Transhumanismus, also der Idee, menschliche Körper durch technologische Entwicklungen – etwa in den Bereichen Genetik, KI, Robotik oder Nanotechnologie – grundlegend zu verändern und in eine neue Daseinsform zu überführen.[3]

Compact greift dies regelmäßig auf und deutet gesellschaftliche Entwicklungen in diesem Sinne um: Impfungen, Leihmutterschaft oder Debatten über (Trans-)Gender werden als Teil eines angeblich elitär gesteuerten Projekts zur Veränderung der menschlichen Genetik interpretiert.[4] Auch wird über vermeintliche Chip-Implantate spekuliert.
Kontinuierlich stellt Compact Bezüge zur eigenen Themen-agenda her. So argumentiert Stammautor Federico Bischoff, dass der »CO2-Wahn« durch die enormen Energiemengen, die von KI-Anwendungen benötigt werden ein Ende finde, da eine Rückkehr zu fossilen Brennstoffen notwendig sei. Migration werde überflüssig, da Roboter Arbeitskräfte ersetzen könnten; auch verlören politische Gegner*innen aus den Themenbereichen Klima, Antifa oder Gender an Einfluss. Trotz dieser für das Compact-Milieu begrüßenswerten Entwicklungen bleibt das Fazit dystopisch: »Aber mit einem Chip im Kopf werden wir doch selbst zu Maschinen, oder? […] Statt der Machtübernahme durch den Islam droht uns künftig die Versklavung durch KI.« (03/2025)

Neben dem Motiv einer drohenden Islamisierung greift Compact auch diskriminierungskritische Diskurse auf und macht diese lächerlich, indem die Darstellung von KI als Lebewesen mit Forderungen nach Gleichberechtigung für marginalisierte Gruppen verglichen wird. In diesem Zusammenhang suggeriert Jonas Glaser in der Compact Spezial-Ausgabe zu Transhumanismus, dass die Zuschreibung von Bewusstsein grundsätzlich politisch motiviert sei. Diese Argumentation wird weiter zugespitzt, indem Parallelen zur Abtreibungsdebatte gezogen werden, um zu behaupten, dass Bewusstsein willkürlich zu- oder abgesprochen werden könne. »Man kann sich die künftigen Demo-Parolen der Antifa schon vorstellen: ‹Gleiche Rechte für alle! Kein Android ist illegal!›« Insgesamt zeigt sich, wie in Compact technologische und gesellschaftliche Debatten instrumentalisiert werden, um eigene ideologische Narrative zu stützen. Komplexe Themen werden dabei stark vereinfacht, miteinander verknüpft und häufig in zugespitzter oder widersprüchlicher Weise dargestellt.

Fazit

Die Analyse extrem rechter Medien zeigt, dass KI weniger als Technologie, sondern vielmehr als politisches und kulturelles Deutungsfeld fungiert. Die Vorstellungen von »Kulturkampf«, »Systemkritik« oder »Zivilisationsverfall« verdeutlichen, dass auch dieses Thema wenig überraschend instrumentalisiert und ideologisch eingebettet wird.

Zentral ist eine Ambivalenz zwischen der Ablehnung moderner Technologien und ihrer praktischen Nutzung. KI wird als Bedrohung externalisiert (Zensur, Kontrollverlust, Transhumanismus), gleichzeitig jedoch als strategische Ressource begriffen, um die eigene Reichweite, Sichtbarkeit und politische Wirkung zu erhöhen. Der Vorteil generativer KI wird meist als wichtiger bewertet als kritische Aspekte, etwa dass KI »undeutsch« sei (N.S. Heute), durch Anwender fremder Systeme bereitgestellt werde (Krautzone) oder die Kunst zerstöre (Jungeuropa-Podcast). Sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf politischer Ebene drohe bei Verzicht bestenfalls die eigene Bedeutungslosigkeit, schlimmstenfalls die »Sklaverei« (Sellner).

Auffällig ist, dass der extrem rechte Diskurs über Künstliche Intelligenz in vielen Punkten sehr nah an breiteren gesellschaftlichen Debatten liegt. Sowohl in der öffentlichen als auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung werden ähnliche Schwerpunkte verhandelt: Die wirtschaftlichen Folgen der Technologie, die zunehmende Schwierigkeit zwischen wahren und synthetischen Informationen zu unterscheiden, der Vertrauensverlust in Medien sowie kulturelle Verschiebungen, etwa im Bereich von Kunst und Kreativarbeit. Auch die Sorge vor einer Überforderung demokratischer Öffentlichkeiten durch KI-generierte Inhalte stellt einen gemeinsamen Bezugspunkt dar. Trotz dieser thematischen Nähe unterscheiden sich die Schlussfolgerungen und politischen Zielsetzungen deutlich voneinander. Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, Regulierung oder Verstärkung bestehender Ungleichheiten durch KI werden in extrem rechten Diskursen meist ausgeblendet oder nicht als problematisch bewertet. Vielen Autoren geht es vor allem um die Durchsetzung eigener Narrative. Die Frage nach der inhaltlichen Richtigkeit von Informationen wird nicht gestellt. Stattdessen dominiert die Sorge, dass vermeintlich »linke« oder »woke« Inhalte an Sichtbarkeit gewinnen könnten. KI hat somit eine beschleunigende Funktion, die eine schnelle, massenhafte und »flutartige« Verbreitung von emotionalisierenden Inhalten kostengünstig und in Hochglanzqualität ermöglicht. In extrem rechten Diskursen geht es letztlich weniger um fundierte Informationen und reflektierte Diskussionen, sondern primär um die eigene Deutungshoheit.

Dass Künstliche Intelligenz demokratiegefährdendes Potenzial hat, ist unter Expert*innen unumstritten und wird durch die bereits sichtbaren Auswirkungen auf die Öffentlichkeit (automatisierte Desinformation, Deepfakes, gezielte Abwertung von Einzelpersonen) bestätigt. Zum Vertrauensverlust in die mediale Öffentlichkeit kommt die enorme Konzentration kommunikativer Macht bei wenigen Unternehmen und Akteur*innen. In einer Zeit des etablierten Autoritarismus ist mit einer weiteren Zunahme von Manipulation und Desinformation zu rechnen. Gleichzeitig bietet KI auch Potenziale zur Bekämpfung einiger dieser Probleme. So könnte sie künftig dabei helfen, generierte Inhalte automatisiert zu erkennen oder Desinformationen schneller zu widerlegen.[5] Technologische Lösungen brauchen jedoch verbindliche regulatorische Vorgaben und klare ethische Prämissen, die ihre Entwicklung und Anwendung wirksam begrenzen und steuern.


Neoreaktion und Dark Enlightenment

Eine Strömung, die technischen Fortschritt gezielt mit antidemokratischen Ideen verknüpft, ist die sogenannte Neoreaktion oder auch Dark Enlightenment. Ihren Ursprung hat sie in den Schriften des Bloggers Curtis Yarvin, der unter dem Pseudonym Mencius Moldbug zwischen 2007 und 2016 den Blog Unqualified Reservations betrieb. In seinen Texten wendet sich der »Systemingenieur des Autoritären« (Deutschlandfunk 2025) gegen Egalitarismus und entwirft das Modell einer technokratischen Monarchie als Alternative zu den aus seiner Sicht korrupten und ineffizienten liberalen Demokratien. Diese, so Yarvins Argument, würden natürliche Hierarchien untergraben und damit technologischen wie gesellschaftlichen Fortschritt behindern.[6] Yarvin plädiert für eine Gesellschaft aus technokratisch organisierten Kleinststaaten, an deren Spitze jeweils ein nahezu allmächtiger CEO steht.

Zu den bekannten Sympathisanten von Yarvins Denken zählen J.D. Vance und Peter Thiel. Der unter Trump vollzogene Umbau des Staatsapparats lässt sich stellenweise wie aus dem Drehbuch Yarvins lesen.[7] Yarvins Ideen wurden von dem britischen Philosophen Nick Land aufgegriffen und weiterentwickelt. Land ist vor allem für die Idee des Akzelerationismus bekannt, also die Vorstellung, gesellschaftliche Verhältnisse durch Beschleunigung zu Fall zu bringen, hier zugunsten einer neuen Ära der Künstlichen Intelligenz.
Diese Ansätze werden durchaus rezipiert, dies verdeutlichen etwa die Einladung Yarvins durch die identitäre Wiener Hochschulgruppe »Aktion 451« für einen Vortragsabend oder das von Nils Wegner im Jungeuropa Verlag erschienene Buch zum Thema.[8] Wegner, der unter anderem für die Sezession über die US-amerikanische Alt-Right berichtet, gelangt darin zu dem Schluss, dass rechtslibertäres Denken für die Rechte keine Zukunft habe, da es letztlich liberal geprägt und somit gemeinschaftszersetzend sei.


  1.  Vgl. Vera Henßler: »Zwischen der ewigen Vergangenheit und der ewigen kommenden Zukunft«. Das instrumentelle Verhältnis der Identitären zur Geschichte. Online unter: apabiz.de [14.04.2026].
  2.  Generative KI bezeichnet eine Form des maschinellen Lernens bzw. einen Sammelbegriff für KI-basierte Systeme, die darauf trainiert sind, eigenständig neue Inhalte zu erzeugen. Im Unterschied zu herkömmlicher KI, die Daten vor allem analysiert oder kategorisiert, kann generative KI scheinbar professionelle und kreative Ergebnisse wie Texte, Bilder, Audio, Videos, Programmcode, 3D-Modelle oder Simulationen erstellen.
  3.  Vgl. zur Ideologie des Transhumanismus auch Mühlhoff, S. 73ff.
  4.  Vgl. zur rechten Rezeption des Transhumanismus: apabiz e.V. (Hrsg.): Queerfeindlichkeit in der extrem rechten Publizistik, magazine 12 (2024). Online unter: apabiz.de [14.04.2026].
  5.  Vgl. Pia Lamberty/Lea Frühwirth (2023): Informationsmanipulation als komplexe Herausforderung. Integratives Modell zum Umgang mit Desinformation. Online unter: cemas.io [14.04.2026].
  6.  Vgl. Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus, Stuttgart 2025, S. 106.
  7.  Dieser zeigte sich zuletzt allerdings enttäuscht von Trump, da dessen Machtfülle für einen echten Regimewechsel nicht ausreiche. Vgl. Matthias Dusini: Rechts-Blogger Curtis Yarvin in Wien, Begegnung mit einem düsteren Querdenker, in: Falter 09/2026. Online unter: www.falter.at [14.04.2026].
  8.  Nils Wegner: Neoreaktion und dunkle Aufklärung. Die rechtslibertäre Versuchung, Dresden 2024.