Als Spartaner verkleidetes Kind auf einem von der griechischen Neonazi-Partei Chrysi Avgi organisierten Aufmarsch am Denkmal für die Thermopylen-Schlacht in Griechenland. Die Schlacht ist auch zentraler Gründungsmythos der Identitären. Bild vom 25.08.2012.  Foto: Stefania Mizara / Le Pictorium

»Zwischen der ewigen Vergangenheit und der ewigen kommenden Zukunft«

Das instrumentelle Verhältnis der Identitären zur Geschichte

732. 1571. 1683. Bei der »Identitären Bewegung« finden sich viele Bezüge zu historischen Ereignissen. Einige der Daten hatte auch der Christchurch-Attentäter auf seine Waffen gezeichnet. Über die Funktionalisierung von Geschichte durch die Identitären als extrem rechte Legitimationsideologie.

von Vera Henßler

Ein kurzer Auszug dieses Artikel erschien bereits als Beitrag in unserem Rundbrief monitor Nr. 82 vom Juli 2018.

Es ist dunkel, doch die Bühne auf dem 425 Meter hohen Leopoldsberg ist vom Feuerschein dutzender Fackeln einigermaßen beleuchtet. In der Ferne funkeln die Lichter Wiens. Martin Sellner betritt die Bühne. Es ist der 9. September 2017 – die »Identitäre Bewegung Österreich« (IBÖ) hat anlässlich der Schlacht am benachbarten Kahlenberg im Jahr 1683 zum »Gedenkzug zur Erinnerung an die Befreiung Wiens und die Verteidigung Europas« mobilisiert. Die Schlacht leitete das Ende der zweiten Belagerung Wiens durch das Osmanische Reich ein. Immer wieder wird Sellner in seiner Rede auf die scheinbar ungebrochene Linie zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sprechen kommen. Die Zukunft, die in den Händen dieser »letzten Jugend ohne Migrationshintergrund« liege. Es mangelt nicht an Pathos. Sellner spricht an diesem Abend nicht zu Menschen, zu Individuen, er spricht zu mythischen Gestalten, wenn er betont: »Jeder einzelne von uns ist Jahrtausende alt. Und so wie wir heute hier stehen, auf diesem historischen Ort, auf diesem Boden, auf dem unsere Vorfahren gekämpft haben sind wir die Schnittstelle, zwischen der ewigen Vergangenheit und der ewigen kommenden Zukunft unserer Identität und unserer Tradition. Und bis jetzt hat jedes Kettenglied standgehalten in dieser Generationenfolge, hat standgehalten, hat abgewehrt und hat das Erbe, nämlich unser Land, wie einen Schatz an die nächste Generation weitergegeben. Werden wir standhalten?« Standhalten wogegen? Es folgt ein Endzeitszenario, dass sich derzeit in Österreich abspielen würde, Vergewaltigungen, Morde, »ein unsichtbarer Krieg. Ein Krieg ohne Uniformen, aber ein Krieg mit Opfern und die Opfer sind alle auf unserer Seite.« Schließlich wird die Gemeinschaft der rund 150 DemonstrantInnen, die sich an diesem Abend versammelt haben, auf den Kampf eingeschworen: »Werden wir, als die entscheidende Generation, die heute die Aufgabe hat, die heute die Wache hat, werden wir zulassen, dass unter unseren Augen Wien fällt?« Nein! – ruft die Menge. »Werden wir zulassen, dass unter unserer Wache, unter unserer Pflicht und Verantwortung Österreich untergeht? Nein!«

Die Szene, die sich an diesem Abend am Rande Wiens abspielt, verdeutlicht nahezu prototypisch die Funktion ausgewählter historischer Ereignisse für die identitäre Selbstverortung und ihre politische Agenda. In einem seiner jüngsten Vlogs schreitet Martin Sellner durch das prunkvolle Heeresgeschichtliche Museum in Wien und präsentiert seine »Lieblingsstücke«. Über einem monumentalen Gemälde, auf dem die Schlacht um Wien zu sehen ist, hängt eine Sturmsense, von der Sellner begeistert zu berichten weiß: »Es ist eine Waffe der Verteidigung, es ist eine Waffe des einfachen Mannes, geschmiedet aus der Sense und drückt damit eine echte Verteidigungsbereitschaft der Wiener aus. Die erste identitäre Gruppe in Wien, wir, hat sogar die Sturmsense als Logo gehabt.« Die Zutaten zur Erzählung sind stimmig. Gut 30 Jahre nach der zweiten Belagerung Wiens besiegte die kaiserliche Armee, die von Prinz Eugen von Savoyen befehligt wurde, die Osmanen bei Belgrad, die sich daraufhin aus der Region zurückzogen. Auch Prinz Eugen wird von den Identitären popkulturell gewürdigt: Ein Aufkleber der IB fordert: Prinz Eugen, Leonidas, Karl Martell – do it again! Antike, Mittelalter, Frühe Neuzeit – verschiedene Epochen, verschiedene Regionen, verschiedene Heeresführer und ganz unterschiedliche kriegerische Auseinandersetzungen dienen den Identitären hier als Referenz.

Mythos und Wiedergeburt

Die historischen Anleihen der Identitären lassen sich als politische Mythen begreifen. Demnach dienen historische Ereignisse einem politischen Zweck wie der Herstellung kollektiver Handlungsfähigkeit und Identität. Politische Mythen sind diskursive Gebilde, die eine wirksame Aura erzeugen und damit nicht in erster Linie kognitive, sondern emotional-affektive Potenziale entfalten. (Speth 2000) Diese hohe Affektivität findet sich auch insgesamt bei der sogenannten Neuen Rechten und ihrer Vorstellung »des Eigenen«, das nie genauer gefasst wird, sondern immer im Ungefähren bleibt. Auch wenn politische Mythen in der Regel Narrative sind, werden diese nicht zwangsläufig ausbuchstabiert, sondern auch über politische Ikonographie vermittelt. Der Ideengehalt des politischen Handelns wird in ein Bildprogramm umgesetzt: »Das Entweder-oder, die plakative Gegenüberstellung, die Benennung des Gegners, die Dualisierung in Freund und Feind, die Moralisierung von Handlungsalternativen, die Emotionalisierung von Entscheidungen und überhaupt die Reduktion politisch komplexer Sachverhalte lassen sich durch ikonische Gestaltung besser und wirkungsvoller ins Werk setzen als durch umständliche Erzählungen.« (Speth 2000:124) Dies trifft auch auf die IB zu, die insgesamt nur wenige programmatische Texte vorzuweisen hat, sondern ihre Inhalte vor allem über Bildsprache und Parolen vermittelt.[1]

Eine Ausnahme ist das von der IBÖ im Jahr 2013 herausgegebene Magazin »Identitäre Generation«, von dem allerdings anders als geplant nur eine einzige Ausgabe erschienen ist. Im Editorial schreibt Patrick Lenart, der zeitweilig gemeinsam mit Martin Sellner die IBÖ leitete, die erste Ausgabe mit dem Titel »Aufbruch« solle »grundlegende Kenntnisse des identitären Weltbildes vermitteln«. Der enthaltene Aufsatz »Die Neugeburt des Mythos« benennt den Mythos mit seinem Wahrheits-, Geltungs- und Bedeutungsanspruch als irrationalen Kern der »Identitären Bewegung«, weshalb an dieser Stelle etwas detaillierter auf diesen Text eingegangen werden soll. Zunächst werden die zwei Antipoden Mythos und Aufklärung beschrieben. Der Mythos entziehe sich allem Rationalen, der Wissenschaft sowie der »nihilistischen Tendenz der Gleichgültigkeit und Gleichmacherei«. Er sei Basis jeder »ethnokulturellen Identität« und gebe dieser »unauslöschbare Bedeutung« in einer »kosmischen Weltsicht«. Die eigene Scholle reicht hier als Referenz wahrlich nicht aus, unter der kosmischen Weltsicht macht es der Autor nicht. Weiter: Die französische Revolution, »auf die beispiellose Massaker, darunter der erste gezielte Genozid der Weltgeschichte (…) folgte«, habe den mythischen Teil, »das Irrationale«, die »tiefe Sinnsuche« verbannt und alle Verbindungen zur Vergangenheit gekappt – sie könne als »Todfeind« des Mythos gelten. Die Aufklärung habe durch die Zerstörung des Mythos den Staat dem internationalen Kapitalismus ausgeliefert, der aus den Völkern »Konsumsklaven« mache und jedes »organische Gemeinschaftsgefühl« vernichte. Die menschliche Existenz der Gegenwart erscheint dem anonym bleibenden Autor sinnentleert und gleichgültig: »Unter den spaßverzerrten Masken [auf jeder Party] steckt oft nackte Verzweiflung, totale Entfremdung und Wurzellosigkeit.« Ein neuer Mythos müsse her, der mit Hilfe seiner mobilisierenden Kräfte das Potenzial entfalten könne, eine neue Ordnung aus dem Alten zu schaffen: »Erst aus dem Mythos und unter Berufung auf ihn kann eine herrschende Ordnung, als widernatürlich und illegitim durchschaut und in einer gesunden Revolte beseitigt werden. Eine Revolte, welche die alte, gerechte Ordnung wiederherstellen und jene stürzen will, die nicht den gemeinsamen Mythos, und damit dem Volk, sondern sich selbst dienen.« In Rückgriff auf den faschistischen Theoretiker und Mystiker Julius Evola, (von dem sich im identitären Webshop »Phalanx Europa« Poster mit Zitatfragmenten erwerben lassen), wird schließlich der europäische Mythos beschrieben, den es über einen »mythischen Aktivismus« neu zu schaffen gelte: »Der identitäre Aufbruch und seine Vorkämpfer werden den neuen europäischen Mythos zeugen, und in jedem Land eine Front der Patrioten organisieren, die alle Grabenkämpfe beendet und sich gemeinsam unseren Feinden stellt.«

Diese Deutung des Mythos geht auf den französischen Autor Georges Sorel[2] zurück. Zentrale Theoreme in Sorels kulturpessimistischen Schriften, wonach die »Dekadenz« zu einer Passivität des Bürgertums sowie zur Vernichtung allen Glaubens geführt hätten, finden sich sowohl in der »Neuen Rechten« als auch bei den Identitären wieder. In seinem 1906 erschienenen Aufsatz »Über die Gewalt« beschrieb Sorel die mobilisierenden Potenziale von sozialen Mythen am Beispiel des Arbeitskampfes streikender Arbeiter: »Die Menschen, die an den großen sozialen Bewegungen teilnehmen, stellen sich ihre bevorstehende Handlung in Gestalt von Schlachtbildern vor, die den Triumph ihrer Sache sichern. (…) Der Generalstreik der Syndikalisten und Marx‘ katastrophenhafte Revolution sind Mythen.« (Sorel 1969:30f.) Mythen zielen bei Sorel auf emotionale Willensbildung ab, sie dienen als »Instrumente im politischen Kampf«, die sich aufgrund ihrer Entrücktheit jeglicher Kritik oder Argumentation verwehren. (Vgl. Lenk 1997:35) Vernunft und politischer Wille werden als Gegensätze markiert. Begleitet wird der Mythos bei Sorel durch eine »Apologie der Gewalt« (so lautete auch ein Artikel Sorels aus dem Jahr 1908) und der Opferbereitschaft. Insbesondere im italienischen Faschismus war der Sorel‘sche Mythenbegriff prägend. In seiner Rede vor dem Marsch auf Rom verwies Mussolini, der sich selbst als Anhänger des kurz zuvor verstorbenen Sorels bezeichnete, auf die treibende Kraft des Mythos: »Wir haben einen Mythus geschaffen, der Mythus ist ein Glaube, ein edler Enthusiasmus, er braucht keine Realität zu sein, er ist Antrieb und eine Hoffnung, Glaube und Mut. Unser Mythus ist die Nation, die große Nation, die wir zu einer konkreten Realität machen wollen.« (Zitiert nach: Lenk 1997:37)

Die Identitären greifen den faschistischen Mythosbegriff auf und erweitern ihn entsprechend der neurechten Trias: Im neurechten Denken sind neben der Nation auch die Region, vor allem aber Europa zentrale Bezugsgrößen. Ein neuer europäischer Mythos soll geschaffen werden. Faschismustheoretiker wie Roger Griffin, die den Faschismus in erster Linie aus ideologiekritischer Perspektive analysieren, sehen in dieser Palingenese, der Vorstellung einer nationalen Neugeburt, den »mythischen Kern« faschistischer Ideologie. »Dekadenz« und Liberalismus könnten demnach über die radikale Erneuerung der Nation als organisches Ganzes überwunden werden. In einem Interview mit dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung erläutert Griffin, dass dieser mythische Kern auch elementarer Bestandteil der »Neuen Rechten« ist. Griffins Verständnis faschistischer Ideologie zielt zudem darauf ab, die ambivalenten Beziehungen des Faschismus zu Konservatismus, Modernismus, Religion, Kapitalismus, Sozialismus, Technologie und Wissenschaft zu erhellen: »Diese Ambivalenzen bedeuten auch, dass Faschismus sich den simplen Kategorien von links und rechts, von reaktionär und revolutionär entzieht.« Entsprechungen dessen finden sich etwa im Begriff der »Konservativen Revolution«, der gleichzeitig auf Erhalt und radikale Erneuerung verweist, ebenso wie in dem IB-Slogan »Nicht links, nicht rechts, identitär!« Der Rassismus, die Ablehnung von »Multikulturalismus«, die Verachtung des aufgeklärten Humanismus als eine Art von Totalitarismus, die Verherrlichung einer mystischen kulturellen Hegemonie und ethnischer Wurzeln sowie die Sehnsucht nach einem Europa als Flickenteppich aus homogenen ethnischen Kulturen mache die »Neue Rechte«, so Griffin weiter, zu einer zutiefst anti-liberalen Kraft – mit den gleichen Feindbildern, die auch den Faschismus der Zwischenkriegszeit prägten.

Die Schlacht bei den Thermopylen

Der politische Mythos, der für die Identitären von fundamentaler Bedeutung ist, ist die Schlacht bei den Thermopylen 480 BC. In der IB-Propaganda finden sich unendlich viele Referenzen auf das Ereignis und dessen zentralen Protagonisten, den Heeresführer Leonidas, sowie auf die popkulturelle Verarbeitung dieses historischen Stoffes durch die Filmindustrie in Hollywood, den Film 300. Das Logo der IB, das griechische Lambda, zierte die Schilder der spartanischen Hopliten, schwerbewaffnete Kämpfer des antiken griechischen Heeres, das damals gegen die Perser in die Schlacht gezogen ist. Laut den Historien Herodots, dem ersten schriftlichen Bericht über die Ereignisse, verhinderte das zahlenmäßig weit unterlegene Heer der Griechen, darunter auch 300 Spartaner, zunächst das Durchdringen der persischen Krieger. Als es diesen über Umwege gelang, in das verteidigte Gebiet einzudringen, entschied der das Kommando innehabende Leonidas, dennoch die Stellung in dem engen Gebirgspass beizubehalten. Warum das Heer von Leonidas dort verharrte bis zur völligen Vernichtung und nicht den Rückzug antrat, ist historisch umstritten. Eine Deutung ist, dass Leonidas den Rückzug der Kämpfer im Hinterland ermöglichen wollte. Eine andere Deutung verweist auf interne Konflikte in Sparta. Demnach sei das kleine Heer um Leonidas praktisch verheizt worden und sollte nur solange standhalten, bis an anderer Stelle ein größeres Heer zusammengezogen werden konnte. (Albertz 2006:34f.)

Bereits bei Herodot, der seine Historien rund 50 Jahre nach der Schlacht verfasste, spielen Opferbereitschaft, Disziplin, Gehorsam und Ehre eine wesentliche Rolle in der Deutung der Ereignisse. Schon lange vor den Identitären wurden das antike Sparta im Allgemeinen und die Schlacht bei den Thermopylen im Besonderen zu politischen Mythen, mit deren Hilfe eine archaisch-männliche Form der Ehre aufgerufen wurde. Die Referenz auf die Schlacht forderte von den männlichen Rezipienten, das Heldentum der Thermopylenkämpfer anzuerkennen und ihm nachzufolgen – mit der Aussicht auf Ehre und Unsterblichkeit. (Vgl. Albertz 2006:22f.) Zur Zeit der französischen Revolution wurde das Ereignis erneut aufgegriffen. Die auf die Thermopylenschlacht referierenden Textzeilen aus Friedrich Schillers Gedicht »Der Spaziergang« (1785), »Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl«, haben der Schlacht zur Popularität verholfen. Schließlich gewann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das antike Sparta in Deutschland erneut an Aktualität, wie Anuschka Albertz in ihrer Analyse der Thermopylenrezeption darstellt. Ein kulturpessimistischer Ansatz war dabei prägend: Die Rede von der Degeneration und dem Ende der Kultur stand dem Wunsch nach einer Erneuerung der Menschheit durch die Antike gegenüber. Auf die Schlacht bei den Thermopylen wurde mehrfach prominent Bezug genommen. Im April 1933 hielt Gottfried Benn eine Radioansprache mit dem Titel »Der neue Staat und die Intellektuellen«, in der er zur Unterstützung des NS-Regimes aufrief: »Und so erhob sich diese Jugend von den gepflegten Abgründen und den Fetischen einer defaitistisch gewordenen Intelligenz […] und rüstete sich […] und opferte sich, wie das innere Gesetz es befahl, und wenn das historische Symbol der liberalen Ära ein Schloß mit Nippessachen war, die Tuilerien, und ein Ballspielhaus, das sie stürmten, für diese wurde es ein Paß: Thermopylae.« (Zitiert nach: Albertz 2006:274) Die Feindschaft gegenüber der Intelligenzja der liberalen Ära, die für die sogenannte »Konservative Revolution« der Weimarer Republik konstitutiv war, sticht in diesen Sätzen Benn‘s ins Auge. Die Symbolik der Französischen Revolution mit ihren Leitsätzen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als Referenz des liberalen und demokratischen Weimar wird der neuen nationalsozialistischen Ordnung, der Jugendlichkeit ihrer Akteure und ihrer Opferbereitschaft gegenübergestellt. Etwa zehn Jahre später verwendete Herman Göring in einer Ansprache anlässlich der unmittelbar bevorstehenden Niederlage in Stalingrad die Schlacht bei den Thermopylen, um einen Heldenmythos zu schaffen. In Russland, so Göring, stünde Deutschland »für ganz Europa auf äußerster Wacht«, so wie Leonidas mit seinen 300 Spartiaten. Auch »damals war es ein Ansturm von Horden, der sich hier am nordischen Menschen brach. (…) Es waren 300 Männer, meine Kameraden, Jahrtausende sind vergangen, und heute gilt jener Kampf und jenes Opfer dort noch so heroisch, immer noch als Beispiel höchsten Soldatentums.« (Michaelis 1973:96)

Auch heute lassen sich im neonazistischen Spektrum Beispiele für eine geschichtspolitische Funktionalisierung der Schlacht bei den Thermopylen finden, allen voran in Griechenland. Mit der Etablierung der faschistischen Partei Chrysi Avgi ab spätestens 2012 pilgerten zunehmend auch mehrere tausend Neonazis zum Aufmarsch der Partei anlässlich des Jahrestages der Schlacht. Mitunter wird die Schlacht auch von deutschen Neonazis rezipiert.[3] Der Verweis auf Görings Rede taugt sicherlich nur bedingt dazu, der IB eine direkte Bezugnahme auf die propagandistische Verwendung der Schlacht im NS zu unterstellen. Dies funktioniert schon deshalb nicht, weil die IB ihre Ursprünge in Frankreich hat. Dort wurde das Sparta-Motiv durch die Identitären bereits aufgegriffen, als es die IB in Deutschland und Österreich noch nicht gab und einige der heutigen Funktionäre noch in der Neonaziszene aktiv waren. Davon abgesehen hatte die Rezeption der politischen Ordnung des antiken Sparta in Frankreich in seiner Hochphase, zur Zeit der französischen Revolution, ohnehin eine gänzlich andere Funktion als später in Deutschland, wie Albertz in ihrem Buch betont. Während in Frankreich die Bezugnahme auf Sparta u.a. dazu diente, ein Erziehungsideal zu vermitteln, wonach Untertanen zu Bürgern mit Rechten und Pflichten wurden, stand in der deutschen Rezeption während der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus der restlose Einsatz des Individuums für Staat und Volkstum im Zentrum. (Vgl. Albertz 2006:270) Dennoch sind die Parallelen zur Legitimisierungsfunktion der Schlacht auf ideologiekritischer Ebene augenscheinlich. Sowohl Göring, als auch den neuen Nazis und der IB dient die Schlacht der Sinnstiftung und Konstituierung einer Gruppenidentität, deren prägenden Merkmale Opferbereitschaft, Männlichkeit und Kampf sind. Das Elitedenken und die Vorstellung, für einen höheren Zweck, nämlich die Verteidigung Europas, den Märtyrertod zu sterben, finden sich immer wieder. So schreibt Markus Willinger in seiner sentimental-theatralischen, und damit geradezu stilistisch prototypischen Schrift »Die identitäre Generation. Eine Kriegserklärung an die 68er«:»Wir wollen nicht sterben, und doch sind wir bereit, es zu tun. Für unsere Familie, unsere Heimat, für alles, was uns zu dem macht, was wir sind, und ohne das wir nicht mehr wir selbst sein könnten. Für unsere Identität.« (Willinger 2013:50)

Im identitären Webshop »Phalanx Europa« von Martin Sellner und Patrick Lenart findet sich das Zusammenspiel von Opferbereitschaft, Krieg und die Unterordnung des Einzelnen in das Kriegerkollektiv bis hin zum Tod ebenfalls. In der Erklärung für die Namensgebung hieß es: »Phalanx, Schlachtenreihe der Spartaner und Name für die beste identitäre Modemarke in Indoeuropa. In der Phalanx zu stehen heißt, sich voll auf seinen Nebenmann zu verlassen, nie aus der Reihe zu treten und sich niemals zurückzuziehen. Die Phalanx kämpft, steht und fällt wie ein Mann. In ihr vereint sich die heißeste Kampfeslust mit eiserner Disziplin. Nur der Triumph oder der Tod kann die Phalanx auflösen.« Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich faschistische Bewegungen auf den antiken, griechischen Begriff bezogen, was sich mitunter in der Namensgebung faschistischer Parteien (z.B. Falange Española) wiederspiegelt. »Phalanx Europa« ist angesichts der programmatischen Schwäche der »Identitären Bewegung« geradezu eine Fundgrube für die popkulturelle und ikonografische Aufbereitung ideologischer Versatzstücke. Neben diversen Bezügen zur »Konservativen Revolution« und weiteren nationalistisch bis faschistisch einzuordnenden Protagonisten aus Philosophie- und Literaturgeschichte, die sich in Form von Postern und Aufklebern im Webshop erwerben lassen, atmet in den Texten, die die Pullover oder T-Shirts bewerben, auch der Geist politischer Mythen. Zu erwerben ist etwa ein Hoodie mit dem Helm eines spartanischen Kriegers und der Schrift »European Spirit«. Im Text dazu heißt es: »Jeder von uns ist, wenn er sich [als] Nachfahre einer echten Tradition erkennt, Jahrtausende alt. Älter als jeder »Verhetzungs«-Paragraph, als jedes Antidiskriminierungsgesetz, älter als jedes EU-Parlament und älter als jedes Einwanderungsabkommen. Aus dem Alter dieser Tradition entspringt ein stärkeres Recht als das aller modernen Verträge, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden.« Der Rückgriff auf die Antike dient hier als Begründung eines Rechts, das als Gegenentwurf zur modernen Rechtsprechung gesetzt wird.

Europäische Identität

Die Frage, was die europäische Identität ausmacht, die die Identitären vorgeben zu verteidigen, ist nicht leicht zu beantworten. Grundsätzlich dient eine kollektive Identität der Konstituierung von Gemeinschaft. Wie politische Mythen basieren Erzählungen kollektiver Identität auf narrativen Strukturen. Ausgewählte Ereignisse verschmelzen zu einer Sequenz von Ereignissen und Handlungen. Die Schlacht bei den Thermopylen, Karl „der Hammer“ Martell, die Reconquista in Spanien, die Belagerung Wiens: Aus Sicht der Identitären sind dies alles Beispiele für die europäische Verteidigungsbereitschaft gegen den Eindringling. Eine spezifische Interpretation von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird schließlich mit entsprechenden Handlungskonsequenzen verbunden. Mit Rückblick auf Sellners Rede anlässlich der Kahlenberg-Schlacht liegen diese auf der Hand: Diese »letzte Generation« habe heute »die Wache«, es sei ihre historische Pflicht dafür Sorge zu tragen, dass Wien, dass Österreich, dass Europa nicht untergehe. Dabei bleiben Handlungsanweisungen dieser Art bei den Identitären grundsätzlich im Vagen. Zwar verweisen die entsprechenden Akteure immer wieder auf den Bereich der sogenannten Metapolitik, also den Diskurs, dessen Deutungshoheit es zu erringen gelte. Allerdings ließe sich eine Umsetzung der politischen Ziele der Identitären, nämlich der »Erhalt der ethno-kulturellen Identität« durch »Remigration«, und damit letztlich ein weitgehend »ethnisch reines« Europa sicherlich nicht diskursiv bewältigen. Aktion und auch Gewalt sind immanenter Bestandteil extrem rechter Ideologie.

Die Soziologen Bernard Forchtner und Klaus Eder unterscheiden die verschiedenen Narrative europäischer Identität nach Genres – die Erzählungen über Europas Geschichte lassen sich demnach entweder als Romanze, Tragödie, Komödie oder Ironie begreifen. (Forchtner/Eder 2017) Die entsprechenden Handlungsmuster, die darauf aufbauen, unterscheiden sich. Während das »tragische Europa« Erzählungen des Scheiterns einbettet und »das Böse« nicht bloß externalisiert, sondern innerhalb der eigenen Identität verortet, entspreche das »romantische Europa« einer Mission, die vom Helden zu bewältigen sei. Romantische Narrative enthalten keinerlei Ambivalenzen, sondern dienen vielmehr der Herstellung von Sicherheit, Stabilität und Ordnung. In die Zukunft gerichtet steht das Versprechen der Restauration eines goldenen Zeitalters. Die Identifikation des Gegners lässt dabei keine Zweifel zu. Das Genre der Romanze ermögliche »einen Bonding-Mechanismus, der eine Gefühlsstruktur basierend auf Eindeutigkeit, Sicherheit und Selbstgewissheit vermittelt, die wenig offen für andere Interpretationen – beziehungsweise anschlussfähig für andere Narrative – ist und damit gleichzeitig starke (kurzzeitige) Mobilisierungswellen zu erzeugen vermag.« (Forchtner/Eder 2017: 86)

Die Herausforderung für die Identitären besteht mitunter darin, ihre romantischen Narrative an die Rezipierenden anzupassen. Anders als bei nationalen Mythen verlangt die identitäre Trias von Region, Nation und Europa auch nach lokalen Begründungsmustern. In Berlin wäre mit der Schlacht am Kahlenberg kein Blumentopf zu gewinnen. Zu lokal ist das Ereignis – und zu wenig popkulturell aufbereitet, als dass es, wie die Schlacht bei den Thermopylen, auch über Österreich hinaus eine emotionale Bindungskraft entwickeln könnte. Die Versuche, rund um den 17. Juni mit Demonstrationen in Berlin die Geschichte des Arbeiteraufstandes 1953 in der DDR aufzugreifen und sich als Fürsprecher des »einfachen Volkes« gegen die Herrschenden zu inszenieren, blieben blass. In den gehaltenen Reden wurden kaum historische Bezüge zu 1953 hergestellt.

Im März 2017 hielt Sellner bei Pegida in Dresden eine Rede, und vermittelte darin ein entsprechend angepasstes identitäres Geschichtsbild, in dem nicht nur aktuelle politische Debatten ihren Platz fanden, sondern zumindest am Rande auch die ostdeutsche Wendebiografie adressiert wurde: »Identität, das ist das WIR in dem Satz: Wir haben damals Wien vor den Türken verteidigt. Das ist das WIR in dem Satz: Wir wurden damals von Karl Martell gerettet. Und es ist das WIR in dem Satz wenn ihr sagt: Wir haben damals die Wende geschafft, ganz egal wie alt ihr seid. Und wir werden sie wieder schaffen. WIR. Dieses generationenübergreifende WIR, das macht Identität aus.« Vor allem das Verhältnis zur Türkei spielte eine zentrale Rolle in Sellners Rede. Darin verweist Sellner nicht nur auf die zweite Türkenbelagerung Wiens (»Wenn IHR in den Osmanen-Macho-Eroberungsmodus hinein kippt, dann aktivieren WIR den 1683 Deus Vult Modus, unserer war immer schon stärker.«). Auch die Migrationspolitik macht er zum Thema. Die deutsche Bundesregierung könne sich, so Sellner, heute nicht über Erdogans Politik beschweren, denn sie habe ihn selbst ermächtigt. Gemeint ist nicht etwa der sogenannte Flüchtlingsdeal von 2016, sondern die frühe bundesdeutsche Anwerbepolitik zur Gewinnung von Arbeitskräften in der Türkei. Deutschland habe »die Erpressungsmaterialien von Erdogan importiert«. Die türkischen »Gastarbeiter« seien nicht nur Humankapital, sondern auch Teil des »großen Austausches«. Da das deutsche Wahlvolk zunehmend unbequem werde, würden diese nun durch türkischstämmige Wähler ersetzt.

Der Soziologe Bernhard Giesen macht insgesamt fünf (historische) Diskurse aus, die für die Konstituierung einer europäischen Gemeinschaft relevant seien. Dazu gehört die Aneignung antiker griechischer Kultur ebenso wie die frühneuzeitliche Missionierung durch den Kolonialismus, in dem sich ein kulturell überlegenes Europa in der europäischen Selbstwahrnehmung festigte. Nicht zuletzt aufgrund der Aneignung des christlichen Erbes spielt auch der Islam eine signifikante Rolle, so Giesen: »Der Islam als politisch-militärische Bedrohung und monotheistische Alternative war über fast ein Jahrtausend hinweg der bedeutsame Andere Europas.« (Giesen 2002:74) Während die Schlacht bei den Thermopylen noch keine Vorlage für eine vermeintliche historische Kontinuität in der Abwehr des Islam bietet, den es zu diesem Zeitpunkt bekanntermaßen noch nicht gab, sieht das bei einer anderen Schlacht, die über tausend Jahre später stattgefunden hat, schon anders aus. Im Oktober 2012 besetzten einige dutzend Personen der französischen »Génération Identitaire« über mehrere Stunden das Dach einer in Bau befindlichen Moschee in Poitiers. Dabei entrollten sie ein Banner mit der Zahl 732. Im Jahr 732 hatte Karl Martell in Poitiers einen Sieg gegen die Mauren errungen. Im 7. Jahrhundert expandierte der Islam von der arabischen Halbinsel ausgehend in Richtung des persischen Reiches, nach Nordafrika und schließlich auch nach Europa. Zu Beginn des 8. Jahrhunderts wurde die iberische Halbinsel erobert. Bei einem weiteren Vorstoß in das damalige Frankenreich ereignete sich im Oktober 732 die Schlacht von Tours und Poitiers. Die neuzeitliche Rezeption, nach der die Schlacht für die Verhinderung der weiteren Ausdehnung des muslimischen Herrschaftsbereiches zentral war, ist in der aktuellen Geschichtsschreibung jedoch umstritten. Dennoch wird Karl Martell bis heute als »Retter des Abendlandes« stilisiert. 2013 titelt ein Artikel der Zeitung »Die Welt«: »Karl „der Hammer“ Martell – Retter des Abendlandes« und orakelt, dass ohne Martell »die Muslime vielleicht ganz Europa eingenommen« hätten. Die Analogisierung zur imaginierten »Islamisierung Europas« ist offensichtlich. Der Bezug auf die »Reconquista«, die christliche Rückeroberung der iberischen Halbinsel im Mittelalter, schließt daran unmittelbar an.

Zwischen Metaphorik und Aktion

»Europa, Jugend, Reconquista« ist einer der zentralen Slogans der Identitären. Was es damit auf sich hat, erklärt Daniel Fiss, ehemals Aktivist der NPD-Jugendorganisation JN in Mecklenburg-Vorpommern und mittlerweile Kader der Identitären: »Der Begriff Reconquista (zu deutsch »Rückeroberung«) speist sich aus einer historischen Analogie, die uns als patriotische Jugend in die Erbfolge einer Ahnenreihe stellt, die einmal mehr das Schicksal Europas bestimmen wird und muss. (…) Unsere liberalistischen Widersacher versuchen heute unsere Bezugnahme zur »Reconquista« als Beweis für Militarismus und Legitimierung eines »Völkerschlachtens« anzuführen. Dabei geht es jedoch nicht um eine militaristische Verherrlichung der Vergangenheit, sondern um eine historische Kontinuitätslinie, die die metaphorische Verteidigungsbereitschaft unserer ethnokulturellen Identität zum Ausdruck bringen soll.«[4] Das Zitat ist aufschlussreich, zieht Fiss doch hier eine messerscharfe Grenze zwischen einer affirmativen Bezugnahme auf zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen, die lediglich Metaphorik sei, und einer politischen Praxis des aktiven Kampfes. Diese Trennlinie zwischen Ideengeschichte und politischer Praxis ist auch im Denken der »Neuen Rechten« relevant. Deren Vertretern diente diese scharfe Differenzierung nach 1945 dazu, ihr völkisch-nationalistisches Denken vom Verdacht der Nähe zur NS-Ideologie zu befreien. Armin Mohler, einer der Gründerväter des neurechten Denkens in Deutschland, begründete dies in seiner 1949 erschienenen Dissertation damit, dass sich die sogenannte »Konservative Revolution« der Weimarer Republik, auf die sich die »Neue Rechte« ideengeschichtlich bezieht, in der politischen Praxis nicht habe durchsetzen können. Nach Mohler seien die »Konservativen Revolutionäre« die »Trotzkisten des Nationalsozialismus« gewesen. In dieser Denktradition, deren ideengeschichtliches Verhältnis zum NS allerdings weniger durch Brüche als durch Nähe gekennzeichnet ist[5], sieht sich auch die »Identitäre Bewegung«. Diese künstliche Trennung wird mitunter bis zur Absurdität betrieben. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die rechte Rezeption des zuerst Anfang der 1960er Jahre erschienenen Buches »Für eine positive Kritik« des französischen Nationalrevolutionärs Dominique Venner, das in Philip Steins Jungeuropa-Verlag in deutscher Übersetzung erschienen ist. Das Buch gilt identitären Rezipienten als Abrechnung mit der sogenannten alten Rechten und ihren Methoden sowie als Plädoyer für eine europäische Perspektive.[6] In der Tat ist die Schrift, die Venner im Gefängnis schrieb, wo er eine Strafe wegen rechtsterroristischer Aktivitäten absaß, auch eine Reflexion seiner Zeit bei der »Organisation de l’armée secrète« (OAS). Die 1960 gegründete Terrororganisation versuchte mittels Bombenattentaten, unter anderem auf den damaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle, eine Unabhängigkeit der bis dato französischen Kolonie Algerien zu verhindern. Venners Absage an diejenigen, die methodische Fragen als »Karikatur des revolutionären Geistes« über die Zielsetzung stellen, sollte jedoch nicht als grundsätzliche Absage an Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele missverstanden werden. Denn so heißt es bei ihm auch: »Die verschwörerische Aktion und die kalkulierte Anwendung von Gewalt kann jedoch unabdingbar sein, wenn einer Nation keine anderen Mittel verbleiben, um zu ihrem Recht zu kommen. Und in diesem Fall zielt der Terrorismus darauf ab, die Menschen zur Beteiligung am Kampf zu ermuntern.« (Venner 2017:30) Dass der philosophische Gestus der IB keinesfalls als Beleg dafür dienen kann, dass sich die Identitären ausschließlich im Bereich der Metapolitik und des Diskurses bewegen, haben Martin Sellner und Walter Spatz in ihrem beim antaios-Verlag erschienenen Buch zu Heidegger selbst formuliert. In der Diskussion darum, inwiefern der Heidegger-Begriff der Gelassenheit heute noch »im Angesicht des millionenfachen Fremden« (Spatz/Sellner 2015:37) Berechtigung habe oder ob es nicht vielmehr darum gehen müsse, den Kampf aufzunehmen, kommen beide zu dem Ergebnis, dass es keinen Widerspruch zwischen Philosophie und Kampf gebe: »Unser ethnokulturelles Dasein ebenso wie eine echte Offenheit müssen erkämpft werden, gerade wenn und weil sie am höchsten Punkt in eine fragende, empfangende Offenheit münden. Wie der dornige Stiel zur Blüte, so sind der Kampf, die Härte und die Disziplin keine Widersprüche zu Gelassenheit und seinsgeschichtlicher Sinnsuche.« (Spatz/Sellner 2015:48) Letztendlich war ein Befeuern des rassistischen Diskurses schon immer dafür gut, den »Berufenen« von rechts die notwendige Legitimierung für ihr Handeln zu verschaffen.

Die politischen Mythen der Identitären stellen einen ideengeschichtlichen Modernisierungsversuch der extremen Rechten dar. Anders als im neonazistischen Spektrum standen Aktionen und Ereignisse wie sie bei den Identitären prägend sind, bei der »Neuen Rechten« bisher nicht im Fokus. Der »Erinnerungsort«[7] der »Neuen Rechten« war vielmehr die »Konservative Revolution« der Weimarer Republik mit ihren Ideologemen und den Biographien einzelner Autoren (Weiß 2015). Es bleibt, dass die Identitären mittels einer willkürlichen Aneignung historischer Ereignisse und einer mythischen Überhöhung, die sich jeglicher Kritik entzieht, eine scheinbar wasserdichte Abgrenzung zum »Anderen« im Allgemeinen und zum Islam im Besonderen vollziehen. Der Islam wird dabei zur überhistorischen Bedrohung stilisiert. Politische Diskontinuitäten und kulturelle Hybridisierungen werden ausgeblendet. Die auf diesem Geschichtsverständnis aufbauende Identität der Identitären, die zur grenzenlosen Selbstübersteigerung neigt, kennt keinerlei Brüche.

Literatur und Quellen

Albertz, Anuschka: Exemplarisches Heldentum. Die Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den Thermopylen von der Antike bis zur Gegenwart, München 2006.

Camus, Jean-Yves: Die Identitäre Bewegung oder die Konstruktion eines Mythos europäischer Ursprünge, in: Europäische Identität in der Krise? Europäische Identitätsforschung und Rechtspopulismusforschung im Dialog, Wiesbaden 2017, S. 233-248.

Evola, Julius: Revolte gegen die moderne Welt, Engerda 1997 (erstmals 1969).

Forchtner, Bernard; Eder, Klaus: Europa erzählen: Strukturen europäischer Identität, in: Gudrun Hentges, Christina Nottbohm, Hans-Wolfgang Platzer (Hrsg.), Europäische Identität in der Krise? Europäische Identitätsforschung und Rechtspopulismusforschung im Dialog, Wiesbaden 2017, S. 79-100.

Giesen, Bernard: Europäische Identität und transnationale Öffentlichkeit. Eine historische Perspektive, in: Hartmut Kaelble, Martin Kirsch, Alexander Schmidt-Gernig (Hrsg.): Transnationale Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert, Frankfurt/ New York 2002, S.67-84.

Göring, Hermann: »Appell an die deutsche Wehrmacht anlässlich des 10. Jahrestages der Machtergreifung«, abgedruckt in: Prof. Dr. Herbert Michaelis und Prof. Dr. Ernst Schraepler (Hrsg.), Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart, Berlin 1973, S.92-99.

Griffin, Roger: Interview – Der umstrittene Begriff des Faschismus, DISS-Journal 13 (2004), online unter: http://www.diss-duisburg.de/2004/12/der-umstrittene-begriff-des-faschismus/

Kauffmann, Heiko; Kellershohn, Helmut; Paul, Jobst: Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie, Münster 2005.

Korsch, Felix: Wehrhafter Rassismus. Materialien zu Vigilantismus und zum Widerstandsdiskurs der sozialen Bewegung von rechts, in: Friedrich Burschel (Hrsg.): Durchmarsch von rechts. Völkischer Aufbruch: Rassismus, Rechtspopulismus, Rechter Terror, Berlin 2017, S.60-99.

Lenk, Kurt; Meuter, Günter; Ricardo Otten, Henrique: Vordenker der Neuen Rechten, Frankfurt/ New York 1997.

Menzel, Felix: Medienrituale und politische Ikonen, Schnellroda 2009.

Quent, Matthias: Selbstjustiz im Namen des Volkes – Vigilantistischer Terrorismus. Online abrufbar unter: https://www.bpb.de/apuz/228868/vigilantistischer-terrorismus?p=all

Sellner, Martin; Spatz, Walter: Gelassen in den Widerstand – Ein Gespräch über Heidegger, Schnellroda 2015.

Sorel, Georges: Über die Gewalt, Frankfurt am Main 1969 (erstmals 1906).

Speth, Rudolf: Nation und Revolution. Politische Mythen im 19. Jahrhundert, Opladen 2000.

Sturm, Michael: Schicksal – Heldentum – Opfergang. Der Gebrauch von Geschichte durch die extreme Rechte, in: Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden 2015, S. 17-60.

Venner, Dominique: Für eine positive Kritik. Das Ende der alten Rechten, Dresden 2017.

Weiß, Volker: »Die konservative Revolution«. Geistiger Erinnerungsort der »Neuen Rechten«, in: Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden 2015, S. 101-120.

Willinger, Markus: Die Identitäre Generation. Eine Kriegserklärung an die 68er, London 2013.

  1.  Die entsprechenden Gedanken liefert u.a. Felix Menzel in seinem bereits 2009 beim Antaios-Verlag erschienenen Buch »Medienrituale und politische Ikonen«.
  2.  Georges Sorel (1847-1922) publizierte in Frankreich in Anlehnung an Theorien von Marx und Proudhon und wurde u. a. wegen seiner »pessimistischen Anthropologie« (Lenk 1997:24) zunehmend auch von der politischen Rechten rezipiert. Damit steht Sorel als zentrales Beispiel für das »Mäandern politischer Strömungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts«. (Lenk 1997:18) Verweise auf Sorels Schriften finden sich bei der »Neuen Rechten« immer wieder. So widmete Benedikt Kaiser, Autor der Zeitschrift Sezession, Sorel einen eigenen Artikel. Dessen Vermächtnis liege 1. in der Erkenntnis des Mythosbegriffes als Mobilisierungsfaktor, 2. im Prinzip der Unversöhnlichkeit und 3. in der Vermeidung reformistischer Bürgerlichkeit. Für Kaiser sind diese Faktoren heute aktueller denn je. Vgl. Benedikt Kaiser: Georges Sorel – Sozialer Mythos und Gewalt, in: Sezession Nr. 76, Februar 2017.
  3.  So zog der langjährige Neonazi-Funktionär Ralph Tegethoff in einer Rede während eines »Trauermarsches« in Remagen im November 2013 eine historische Linie, die bei der Thermopylenschlacht beginnt, sich 1944 fortsetzt, als »300« deutsche Marineartilleristen gegen die Alliierten in der Normandie kämpften und in der Gegenwart bei den 300 »volkstreuen« TeilnehmerInnen der Demonstration endet. (Sturm 2015:24)
  4.  Die Homepage »identitäre-generation.info«, der dieses Zitat entnommen ist, ist mittlerweile offline.
  5.  Zur Kritik dieses Ordnungsversuches von Mohler vgl. Breuer, Stefan: Die ‚Konservative Revolution‘ – Kritik eines Mythos, in: Politische Vierteljahresschrift, 1990/4, S 585-607; Sontheimer, Kurt: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des Deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, München 1992 (erstmals 1962); Kellershohn, Helmut: Zwischen Wissenschaft und Mythos. Einige Anmerkungen zu Armin Mohlers »Konservative Revolution«, in: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn, Jobst Paul, Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie, Münster 2005.
  6.  Venner war zuletzt wichtiger Bezugspunkt und auch Wegbegleiter der »Identitären Bewegung« sowie der »Neuen Rechten« insbesondere in Frankreich, aber auch in Österreich und Deutschland. Der Bloc Identitaire widmete »dem Soldaten, dem Kämpfer, dem Intellektuellen« einen Nachruf, erst wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 2013 war in der Sezession ein Interview mit Venner erschienen. Venner war in den 1950er und 1960er Jahren militanter Aktivist in der extremen Rechten Frankreichs und ab Mitte der 1960er Jahre zentrale Figur der in der Entstehung begriffenen »Nouvelle Droite«, bevor er sich vom politischen Aktivismus zurückzog und als Publizist und Historiker arbeitete. Im Mai 2013 erschoss sich Venner in der Pariser Kathedrale Notre Dame. In seinem Abschiedsbrief begründete er den Freitod mit der Notwendigkeit, aufrütteln zu wollen, »um uns aus der Lethargie zu reißen, die uns gefangen hält.« In dem anfangs erwähnten Text der IBÖ, »Die Neugeburt des Mythos«, wird Venner ausführlich zitiert. Darüber hinaus wird Venners Buch in diversen extrem rechten Publikationen rezipiert und besprochen, etwa im Buch »Kontrakultur« des Hallenser Identitären Mario Müller, in einem Vlog des ehemaligen sächsischen IB-Leiters Tony Gerber, im Arcadi-Magazin (online) oder auch im neonazistischen Magazin »N.S. Heute«, in dem der Rezensent allerdings die große Differenz zwischen Venners Schrift und den »alten Ideen« nicht so richtig zu erkennen vermag.
  7.  Zum Begriff des »Erinnerungsortes« für die extreme Rechte vgl. Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden 2015.