Krise und Dystopie in der extrem rechten Publizistik – Teil 2
Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Umbrüche – etwa durch die Wiederwahl Trumps und das Erstarken autoritärer Tendenzen weltweit – die Gesellschaft sieht sich mit immer weiter eskalierenden Krisendynamiken konfrontiert. Diese Situation nutzt die extreme Rechte konsequent für ihre Zwecke. Die vorliegende magazine-Ausgabe untersucht Krisennarrative und Dystopien in aktuellen extrem rechten Periodika und zeigt auf, wie sich das publizistische Milieu auf Krisenfälle vorbereitet.
Von Kilian Behrens, Mika Pérez Duarte, Dana Fuchs, Vera Henßler, Patrick Schwarz
Teil 1 des Artikels »Krise und Dystopie in der extrem rechten Publizistik« ist hier nachzulesen. Der Artikel erscheint im Rahmen der apabiz-Publikationsreihe magazine. Diese nimmt rechte Periodika unter die Lupe, beleuchtet zentrale Diskurse und schafft damit eine Grundlage für die argumentative Auseinandersetzung.
Kriegsszenarien und Survivalismus
Konkreter werden einzelne Zeitschriften mit Blick auf notwendige Zivilschutzmaßnahmen oder individuelle Vorbereitungen. Die eigene Krisenvorsorge, so der Tenor, sei unverzichtbar für das Überleben. Als positives Beispiel wird die Prepper-Szene benannt, die insgesamt zwar heterogen ist, jedoch auch einen Kern an militanten Akteuren aufweist. Obwohl sich die extrem rechte Prepperszene seit Jahren vernetzt, Waffen hortet und neben Waffenfunden auch gewalttätige Pläne für »Tag X«-Szenarien öffentlich geworden sind, sehen die Zuerst!-Stammautoren Hartmut Lieger, Christian Schöps und Ludwig Kranzler kein Problem, sondern eine »pauschale Verteufelung der privaten Krisenvorsorge als »Tag-X«-Fanatismus«. (03/2025) In einem Leitartikel befassen sie sich mit der Frage »Ist Deutschland krisenfest?« und konstatieren eine wachsende Unzufriedenheit, die »schlimmstenfalls in gewalttätige Unruhen umschlagen [kann]. In solchen Fällen kann es zu Vandalismus und Plünderungen und zu Personenschäden mit Verletzten und Toten kommen.« Wem gegenüber sich dieser Frust entladen könnte lassen die Autoren aus, als verursachende Faktoren werden hingegen Regierungsmaßnahmen oder die Migration benannt. Folgt man den Ausführungen wird deutlich, dass nicht zuerst die oft thematisierte mangelhafte Finanzierung von Militär und Zivilschutz der Krisenbewältigung im Weg stünde, sondern die »ethnische Fragmentierung Deutschlands durch die außereuropäische Massenzuwanderung«, denn diese »zerstört die kulturellen Gemeinschaftskräfte, ohne die es keine solidarische Krisenbewältigung geben kann«. Solidarität gibt es für die Autoren nur bei ethnischer Zusammengehörigkeit, also für das eigene völkische Kollektiv. Der Artikel diskutiert anhand der Richtlinien der im Jahr 2016 aktualisierten staatlichen Krisenpläne und -maßnahmen (»Konzeption Zivile Verteidigung«) drei Szenarien. Die Vorbereitung auf Krisen und Kriege durch die deutschen Behörden sei so mangelhaft, dass deutsche Männer individuell für ihre Familien vorsorgen müssten. Die Politik löse die Probleme des Heimatschutzes nicht oder nur schleppend, das Land stehe ohne ausreichende Verteidigung dar, sollten Bedrohungen von außen wie digitale Angriffe oder Kriege ausbrechen. Staatliche Zivilschutz-Maßnahmen seien nicht nur unzureichend, sondern auch ein »Ablenkungsmanöver«, indem falsche Prioritäten gesetzt würden. Die Unterstützung von Demokratie-Initiativen und Gleichstellungspolitiken werden zynisch kommentiert: »Die Wirkung des 100-Milliarden-Euro-Sondervermögens ist gänzlich verpufft, weil der Modernisierungsbedarf der Bundeswehr so groß ist und sie wegen der Waffenspenden an die Ukraine materiell völlig ausgeblutet wurde. Von der ›Kriegstüchtigkeit‹, die Verteidigungsminister Boris Pistorius fordert, ist sie Lichtjahre entfernt. Dem SPD-Politiker ist es wichtiger, die Armee randgruppenfreundlich zu machen.« Zuerst! moniert seit vielen Jahren, dass der Wehretat zu gering ausfällt, eine Position, die nicht zuletzt wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine auch von vielen demokratischen Parteien vertreten wird. Auch nach der Anhebung des Wehretats und den geplanten Mehrausgaben für die kommenden Jahre mit dem größten Rüstungshaushalt seit 1967 bis zum Jahr 2029[1] ist diese Kritik weiterhin zu vernehmen. Zuerst! kommentiert in diesem Kontext lediglich, dass die Regierung weitere Schulden aufnimmt und die Zustände der Kasernen so desolat seien, dass die hohen Investitionen kaum Wirkung zeigen werden.
In N.S. Heute lassen sich sehr detaillierte Handlungsanweisungen für eine individuelle Krisenvorsorge finden – vom Vorratslager bis zur Sicherung von Rückzugsorten. Frida Dentiak nimmt auf das sogenannte ›Grey Man-Konzept‹ Bezug, welches in Krisensituationen dazu rät, möglichst unauffällig zu sein. Mit drastischen Worten appelliert sie an den vermutlich eher männlichen Leser: »Deine Familie wird hungern, wenn Du jetzt nichts unternimmst.« (45/2025) Die Narrative von wehrhafter und tapferer Männlichkeit sind identisch mit den heroisierenden Soldatenerzählungen aus den Weltkriegen. Interessant ist, dass eine völkische Rollenverteilung von Mann und Frau nicht mit einbezogen wird. Selbst die Besorgung von Nahrungsmitteln ist hier Aufgabe des Mannes. Dentiak nennt vier Aspekte, die als Handlungsanleitung dienen. Dazu zählen erstens unauffällige Vorbereitungen: Ohne dass das eigene Umfeld etwas mitbekommt, soll ein sogenannter ›Grey Man‹ bereits »vor dem eigentlichen Chaos« einen Plan erstellt haben, wo es sauberes Trinkwasser gibt, Essen sowie (Tier-)Arztpraxen, Apotheken und Werkstätten. Zweitens soll ein sicherer Ort gefunden werden, etwa ein Wohnwagen oder eine »Hütte […] auf einem Freizeitgrundstück mit einem versteckten Lager und diversen Vorräten«. Drittens rät die Autorin dazu, kleineres Werkzeug dabei zu haben, sowie Dinge, mit denen Ablenkung geschaffen werden kann, wie das spontane Entzünden von Rauch. Zudem soll sich ein ›Grey Man‹ mehrmals auf seinen Wegen umziehen und niemals auffällig umsehen. Viertens wird empfohlen, unauffällige Kleidung und Rucksäcke ohne Marken oder große Aufdrucke zu verwenden. Der Artikel endet mit dem eindeutigen Appell: »Schütze Dich und Deine Familie – sei vorbereitet und lerne neue Fähigkeiten von Handwerk bis Selbstverteidigung!« Insgesamt propagiert N.S. Heute ein von Kriegen und Krisen dominiertes Weltbild. Dieses permanente Krisennarrativ schürt nicht nur Ängste, sondern dient vor allem der Mobilisierung, mit soldatischer Härte, wehrhafter Männlichkeit und einer großen Portion Preppertum und Survivalismus.
In Compact finden sich offene Schilderungen von Bürgerkriegsszenarien nur selten. Bereits 2018 schrieb Chefredakteur Jürgen Elsässer unter dem Titel »Kampf ums Abendland« über die von ihm ausgemachte Gefahr eines Religionskrieges zwischen Muslim*innen und Christ*innen, wobei erstere immer wieder als aggressive Invasor*innen dargestellt werden. Als Vergleichsfolien für das zu erwartende Ausmaß nennt er »die zwei dreißigjährigen Kriege […], die Deutschland und den Kontinent verwüstet haben: jenen von 1618 bis 1648 und den von 1914 bis 1945«. (01/2018) Für die nahe Zukunft prophezeit er »einen handfesten religiösen Zusammenstoß, für dessen Beilegung kein Westfälischer Friede in Sicht ist. Die islamische Intoleranz gegenüber den Ungläubigen im Abendland wurde durch unsere Großzügigkeit nicht etwa abgeschwächt, sondern angefacht.« Als (Un-)möglichkeit, den Bürgerkrieg noch zu verhindern macht Elsässer die Option aus, sich der Scharia zu unterwerfen. Dies ist für ihn selbstverständlich nur rhetorisches Mittel und keine wirkliche Option. Vielmehr setzt er auf widerständige Patriot*innen in Form der AfD: »Von Sachsen über Thüringen bis hinunter nach Bayern wäre eine blau-schwarze Mehrheit möglich.« Zudem brauche es ein »gutes Verhältnis zu Russland, dem ›dritten Rom‹ als Schutzmacht der Christen«. Illustriert wird der Artikel mit dem Bild eines dystopisch zerstörten Londons als Symbol für den Untergang der westeuropäischen Zivilisation. Ganz im Sinne einer faschistischen Wiedergeburtsvorstellung[2] hofft er auf einen Neuanfang: »Und wenn die marode EU an ihrer ganzen Planlosigkeit zerbricht, stehen die Chancen für eine Reconquista des Alten Kontinents gut. Im Osten geht die Sonne auf!« In eine ähnliche Kerbe schlägt die Compact-Spezial-Ausgabe Nr. 8 mit dem Titel »Asyl. Das Chaos. So kommt der Bürgerkrieg zu uns«.
Dystopische Belletristik
Insbesondere das neurechte Spektrum nutzt für die Verbreitung und Instrumentalisierung von Krisennarrativen bevorzugt die Belletristik. Hierzu zählen sowohl Werke des eigenen Milieus als auch Klassiker der dystopischen Literatur, die für die rechte Erzählung vereinnahmt werden. Ein zentrales Beispiel hierfür ist das 1953 erschienene Buch »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury, das in einer dystopischen Zukunft angesiedelt ist. In dieser Welt sind der Besitz sowie die Lektüre von Büchern streng verboten, um kritisches Denken oder auch nur die Lust am Lesen zu verhindern. Referenzen auf das Buch finden sich zahlreich. Es wird von extrem rechten Onlineshops vertrieben, ist Inspirationsquelle für eigene Veröffentlichungen wie »Das Buch im Haus nebenan« (Verlag antaios), Inhalt ganzer Vorträge (Götz Kubitschek in Wien, 2023), Namensgeber für Lesekreise (»Aktion 451«) oder gar einer Immobilie wie im Fall des »Haus Montag« in Pirna (Montag ist der Held in Bradburys Roman). Die rechte Rezeption des Buches ist ein prototypisches Beispiel dafür, wie sich die Szene spektrenübergreifend prominente Werke für die eigene Erzählung aneignet, wonach die Dystopie, zumindest für das eigene Milieu, nicht mehr in der fernen Zukunft liegt, sondern oft längst Wirklichkeit geworden ist. Die Lektüre belletristischer Texte wird somit zu einem dissidenten und bisweilen auch heroischen Akt, wobei das Kokettieren mit klassischen Werken gleichzeitig auch dem Anschluss an bildungsbürgerliche Milieus dient. Dass die politische Aneignung und ideologische Deutung dieser Werke in hohem Maße von der eigenen Agenda beeinflusst wird, verdeutlicht nicht zuletzt die Kulturpolitik der Trump-Administration: In verschiedenen republikanisch geführten Bundesstaaten wurde »Fahrenheit 451« neben vielen weiteren Büchern aus Bibliotheken und Schulen entfernt, da es Zensur und Rebellion gegen Autoritäten thematisiere und traditionelle Werte oder familiäre Strukturen angeblich in Frage stelle[3]
»Das Heerlager der Heiligen« ist ein weiteres und gerne rezipiertes Werk im extrem rechten Diskurs um Zuwanderung nach Europa. Das 1973 erstmals erschienene Buch des französischen Schriftstellers Jean Raspail wurde zuletzt 2015 in der 5. Auflage vom Verlag antaios erneut für den deutschen Markt herausgegeben, was angesichts des damaligen Höhepunkts der Migrationsdebatte zu zahlreichen Besprechungen in den Feuilletons geführt hat. Die Handlung erzählt von der Massenflucht einer Million verarmter und verwahrloster Inder nach Frankreich und den damit einhergehenden negativen Veränderungen der französischen Gesellschaft. Das Versäumnis der Herrschenden, Frankreich zu schützen, besiegelt dem Narrativ nach das Ende der christlichen Kultur. Der Bundesvorsitzende von Die Heimat, Peter Schreiber, einst Chefredakteur der Deutschen Stimme und nun Redakteur von Aufgewacht und Kommunalpolitiker der Freien Sachsen, sieht Europa heute an der »Schwelle einer Zäsur«, wie sie Jean Raspail beschrieben hat: »Unaufhaltsame Migrantenströme, medial verklärte Humanitätsrituale und politische Mantras über grenzenlose Solidarität verwandeln das Volk in eine austauschbare Größe – in ein Bevölkerungskonglomerat, das kaum mehr eine lebendige Gemeinschaft atmet.« (22/2025)

Die neonazistische Zeitschrift N.S. Heute publizierte über drei Ausgaben hinweg eine faschistisch-dystopische Reihe namens »Ethnostaat 2.0«. (38/39/40 2023/2024) Als regelmäßiger Autor der Zeitschrift entwirft Axel Schlimper, Liedermacher und einstiger Gebietsleiter der Europäischen Aktion in Thüringen darin ein abstruses Gedankenspiel über die politische Zukunft Europas: Im Jahr 2025 entbrennt ein innerdeutscher Bürgerkrieg zwischen Thüringen mit Höcke als Ministerpräsidenten und dem Rest von Deutschland. Angegriffen werden die thüringischen Grenzen auch von Migrant*innen und Antifaschist*innen. Putin stirbt auf einer Friedenskonferenz, in Israel kommt es zu einem Massensterben wahrscheinlich als Corona-Impfspätfolge. In Großbritannien eskaliert die Lage ebenfalls und in Osteuropa entsteht ein Krieg, der sich auf Gesamteuropa ausdehnt. Entweder aufgrund des Einsatzes verschiedener Mega-Waffen oder aufgrund klimatischer Veränderungen – niemand weiß es genau – kommt es in Deutschland zu Vulkanausbrüchen und wolkenbedingter Verdunkelung. Die Narration kulminiert in einer faschistischen Wiedergeburtsphantasie, in der nach dem Zusammenbruch ein naturverbundenes Leben in einem fiktiven Thüringen beginnt. Schlimpers Ausführungen beschränken sich jedoch nicht auf Fiktion. Unmittelbar vor der Ethnostaat 2.0-Serie propagiert er angesichts der Krisenlage in N.S. Heute die Wiederbelebung des Konzepts der »national befreiten Zonen«. (37/2023) Ziel sei es, sich in bestimmten Landkreisen zu konzentrieren, um so »gut vernetzt die Zukunft des deutschen Volkes wenigstens in einem Teil dieser Republik sichern zu können, anstatt bundesweit vereinzelt unterzugehen«. Die Auswahl der Gebiete basiert auf alten und wenig modernen Kriegsszenarien. So seien Berge zu empfehlen, da Meere im Krisenfall »Anlandungs- und Durchmarschgebiete seien, die keinerlei Schutz und Bewegungsraum für die ansässige Bevölkerung bieten«. Allerdings, so Schlimper weiter, sei hier mit Widerstand zu rechnen: »Kann so eine Entwicklung friedlich ablaufen? Theoretisch ja, aber höchstwahrscheinlich nicht. Es steht nicht zu vermuten, dass uns der Gegner erst mit viel Aufwand in Grund und Boden gebombt hat, um uns nun klammheimlich den Aufbau eines deutschen Volksstaates zu ermöglichen.« Unverblümt stellt sich der Autor mit seiner Utopie einer völkischen Artgemeinschaft hier in die Tradition des Nationalsozialismus.
Ein ähnliches Szenario wie in Ethnostaat 2.0 bemüht der Roman »Hermann muss fallen« von Stefan Lizek, der bereits 2020 im Sturmzeichen Verlag erschienen ist und in Aufgewacht zur Lektüre empfohlen wird. Auch hier wird der Versuch unternommen, eine Region (Sachsen) für sich zu behaupten und dabei die größte Oppositionspartei (»Die Alternativen«) in eine schwache West- und eine »östliche, radikalere Partei« zu spalten. Ausgangspunkt der Story sind Regierungspläne, das Hermannsdenkmal als identitätsstiftendes Symbol in Ostwestfalen abzureißen und stattdessen ein islamisches »Zentrum für Toleranz« zu errichten. Dagegen wehrt sich das rechte Lager, »dessen Hauptdarsteller bereit sind, die zunehmend volksfeindlichen Tendenzen in der Politik und der gesteuerten Politik auch mit militanten Mitteln abzuwehren«. Im Roman sei »förmlich die Sehnsucht nach offenem Kampf seitens der Opposition zu spüren«, so Rezensent und Chefredakteur Jochen Stappenbeck. (01/02 2023)
Auch das Buch »Marla – Die Wunderheilerin« von Sascha von Aichfriede (Pseudonym) aus dem Deutsche Stimme Verlag entwirft eine mit dem Widerstandsnarrativ verknüpfte Dystopie. Dargestellt wird eine Welt ganz im Zeichen der Deindustrialisierung und »vollendeten linken Ökodiktatur der Klimaretter«, in der es keine Nationen mehr gibt sondern »nur noch 500 Millionen Menschen, unter denen keine Weißen zu finden sind«. Der Autor präzisiert seine politischen Hintergründe im Anhang damit, dass das »Handeln der globalistischen Regime« rassistisch sei, denn es ginge ihnen um die »Auslöschung der Rassenvielfalt«. Dagegen wehrt sich im Roman eine aufstrebende Bewegung mit der Titelheldin Marla an der Spitze. Rezensent Jochen Stappenbeck befindet dazu in Aufgewacht: »Für den jugendlichen Leser ist dies eine schöne Übung, seine real existierende Welt mit dieser Dystopie abzugleichen, Verrücktes von Normalem zu unterscheiden und nicht zuletzt die Bedrohung durch die scheinbar so lächerlich und harmlos daherkommenden Gender- und Klimadogmen zu erkennen.« (09/10 2023)
Wie relevant solche Fiktionen für eine militante, neonazistische Praxis sind, zeigt insbesondere das 1978 in den USA erschienene Buch »Turner Diaries«. Die Handlung folgt dem Protagonisten, der mit seiner Organisation einen rassistisch und antisemitisch motivierten Bürgerkrieg aus dem Untergrund heraus beginnt. Das Buch steht in einer langjährigen Tradition dystopischer Erzählungen, in denen die bewaffnete Selbstermächtigung des weißen Mannes im Mittelpunkt steht und gilt als Handlungsanleitung mit der Aufforderung, sich auch mit Waffengewalt zur Wehr zu setzen. Es ist eine wichtige Referenz im Rechtsterrorismus und wurde weltweit rezipiert und teilweise in Anschlägen nachempfunden. So ähnelt das Bombenattentat auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City von 1995 einer Szene aus dem Buch. Selbst bei der Uhrzeit des Anschlags orientierten sich die Täter an der Buchvorlage. Bei dem Attentat starben 168 Menschen.
Inklusive Solidarität als Gegenentwurf
Was bleibt angesichts dieser Düsternis und dem Hass, der in den extrem rechten Konzeptionen durchscheint, der Bunkermentalität und Entsolidarisierung mit den Schwächsten, den Aufrufen zum Kampf, die der gerne verwendeten Friedensrhetorik diametral gegenüberstehen? Dem »Endzeitfaschismus« der extremen Rechten gilt es, eine solidarische Perspektive entgegenzuhalten. Rechte Krisennarrative dienen der Konstruktion einer exklusiven Gemeinschaft, die sich bewusst von der vermeintlich bedrohten Masse abgrenzt. Vorsorge wird hier zum Mittel der Distinktion: Schutz erfährt nur, wer dazugehört – alle anderen bleiben außen vor.
Ein konstruktiver Umgang mit Krisen kann nur gelingen, wenn er gemeinschaftlich und inklusiv gestaltet wird. Immer wieder haben Menschen in bedrohlichen Situationen Netzwerke geschaffen, um sich gegenseitig zu unterstützen und füreinander da zu sein. Krisen beginnen nicht erst dann, wenn Wasserfilter zum Einsatz kommen. Sie sind bereits Realität – überall dort, wo Menschen in ihren Rechten, ihrer Sichtbarkeit oder ihrer Würde gefährdet sind. Von diesen Erfahrungen können wir lernen, welche Formen von Unterstützung, Selbstorganisation und Solidarität sinnvoll sein können.
- ↑ https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-06/bundeswehr-wehretat-ruestungsausgaben-verteidigung-nato
- ↑ Der Faschismusforscher Roger Griffin sieht die Palingenese, also die Nationale Wiedergeburt, als mythischen Kern des Faschismus. Die »dekadente Gesellschaft« werde demnach durch die Rückbesinnung auf eine glorifizierte, mythische Vergangenheit radikal erneuert.
- ↑ Vgl. dazu pen.org/book-bans [03.11.2025].