»Deutschland treibt sich ab«

Organisierter ›Lebensschutz‹, christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus

AbtreibungsgegnerInnen drängen mit ihren Kampagnen immer stärker in die Öffentlichkeit. Zu ihrer größten Veranstaltung, dem »Marsch für das Leben« in Berlin, bringen sie mittlerweile bis zu 4.000 Menschen auf die Straße. Dabei können sie sich auf antidemokratische und antifeministische Diskurse berufen, die von einem breiten Spektrum verschiedener Gruppen bestimmt werden.

Unsere erste Begegnung mit der aktuellen »Lebensschutz«-Bewegung war 2008 beim »Marsch für das Leben« in Berlin. Wir standen als Beobachter_innen am Rand, ließen die damals nur knapp 1.000 Holzkreuz-TrägerInnen an uns vorüberziehen, als plötzlich ein Geistlicher ein Plastikmodell eines kleinen Embryos vor das Gesicht der Frau in unserer Gruppe hielt und sie damit »segnete« – ungefragt, ungewollt, überaus unangenehm. Als wir damals das erste Mal die Veranstaltung dokumentierten, war sie noch bedeutend kleiner als heute – und bedeutend unterhaltsamer, wenn wir an die Gruppe US-amerikanischer Bibeltreuer denken, die auf einer selbstgebauten Lure trompetend um den Neptunbrunnen auf dem Alexanderplatz zogen.

Doch die Anmaßung der Abtreibungsgegner­Innen [1] gegenüber den Frauen und ihren Körpern war von Anfang an, und ist es seit Jahrzehnten und Jahrhunderten, keine Groteske und kein aussterbendes Phänomen. Wir halten die offenbar zunehmende gesellschaftliche Reichweite dieser und anderer Veranstaltungen der Bewegung für beachtenswert. Nicht etwa, weil dort auch mal Neonazis zu sehen sind, was in der Vergangenheit immer wieder der Fall war, sondern weil hier haarsträubende antidemokratische und antifeministische Positionen formuliert werden. Einzelne VertreterInnen der extremen Rechten fühlen sich hier ebenso wohl wie Mitglieder evangelikaler und reaktionärer katholischer Gruppierungen wie etwa der Pius-Bruderschaft.

Explizite »Lebensschutz«-Organisationen

Kritik an und Agitation gegen Schwangerschaftsabbrüche finden wir in Deutschland in der organisierten Form der »Lebensschutz«-Bewegung seit den späten 1960er Jahren. Als »Lebensschutz«-Bewegung bezeichnen wir eine Vielzahl von Gruppen, die sich über dieses gemeinsame politische Anliegen definieren. Es ist eine »Ein-Punkt-Bewegung«, die sich überkonfessionell und überparteilich gibt. Die Ablehnung von Abtreibungen war von Anfang an eng verknüpft mit einem Kampf gegen den Feminismus und gegen die sexuelle Selbstbestimmung vor allem von Frauen und entspringt einem konservativen bis extrem rechten Weltbild.

Mit den Kämpfen und (Teil-)Erfolgen der feministischen Bewegung der 80er Jahre für die sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung geriet die Bewegung zur Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen in die Defensive. In den frühen 1990er Jahren wurden dann die Überschneidungen der »Lebensschützer« in die extreme Rechte bekannt. Die »Lebensschutz«-Gruppen waren als christliche FundamentalistInnen stigmatisiert und verstärkt auf ein gutes Image und die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit bedacht. Dies drückt sich heute in einer entradikalisierten Sprache und einer verstärkten Lobbyarbeit in politischen Eliten aus. Zudem hat die »Lebensschutz«-Bewegung de facto ihr Themenspek-trum ausgeweitet: Die Gruppen engagieren sich seit einigen Jahren nicht nur gegen Schwangerschaftsabbrüche, sondern auch gegen Präimplantationsdiagnostik (PID) und Pränataldiagnostik (PND) und die damit verbundenen Selektionseffekte sowie gegen die Sterbehilfe, die sie als »Euthanasie« bezeichnen.

»Märsche für das Leben« bundesweit

Ihre Inhalte bringen die »Lebensschützer« auf verschiedenen Wegen an die Menschen: Durch klassische Aktionen wie Demonstrationen, durch Informationsarbeit auf lokaler Ebene, in persönlichen Gesprächen oder durch professionelle Lobbyarbeit. Hierbei ist eine klare Aufteilung der Zielgruppen und Arbeitsbereiche unter den verschiedenen »Lebens­schutz«-Gruppen festzustellen.

Die wichtigste öffentliche Aktionsform der »Lebensschutz«-Bewegung sind die jährlich in mehreren Städten Deutschlands und Europas stattfindenden »Märsche für das Leben«. Hier proklamieren die Teilnehmenden öffentlich ihren Anspruch, »für eine Kultur des Lebens in Deutschland und Europa einzutreten« [2] und der »Opfer dieser ›Kultur des Todes‹« [3] zu gedenken. Neben einem überwiegend schweigend durchgeführten Aufzug, auf dem symbolisch weiße Holzkreuze für die »getöteten Kinder« mitgeführt werden, finden Kundgebungen und Gottesdienste statt.

Der Bundesverband Lebensrecht (BVL) (Profil) organisiert jährlich im September die zentrale Veranstaltung in Berlin, die 2013 bereits zum elften Mal [4] stattfand. Das gesamte Jahr bereitet der BVL unter seinem Vorsitzenden Martin Lohmann diesen Marsch vor – mit wachsendem Erfolg: der Protestzug ist kontinuierlich gewachsen, in Berlin zuletzt auf rund 4.000 Teilnehmende. Auch die internationale Beteiligung hat sich verstärkt, so waren bereits 2012 über 100 Jugendliche aus Polen angereist, erkennbar an polnischen Nationalfahnen und Papst-Wojtyla-Fan-T-Shirts. Das Publikum besteht teilweise aus Kindern und Jugendlichen: Oft waren es Kleinkinder die selbst gemalte Schilder gegen Abtreibung trugen oder von ihren Eltern vorgeschickt wurden, Flyer an Passant_innen und Gegendemonstrierende zu verteilen.

Der Marsch in Berlin ist aufwändig und sorgsam orchestriert, so wie der von 2012: Um 13 Uhr begann die ca. einstündige Auftakt-Kundgebung am Bundeskanzleramt, moderiert vom Vorsitzenden des veranstaltenden BVL, Martin Lohmann. Insgesamt zehn RednerInnen und zwei Musiker­Innen traten ans Mikrofon, um zum großen Teil von eigenen Erfahrungen zu berichten. Die Rhetorik von Gut und Böse führte in den Argumentationen zu der Selbststilisierung als Verkünder der »Wahrheit« – auch gegenüber denjenigen, die noch verblendet seien, wie z.B. die Gegendemonstrierenden. »Wir sagen Ja zum Leben, auch für jene, die das noch nicht verstehen, ich sage Euch: Die Wahrheit wird sich durchsetzen, die Wahrheit wird uns frei machen«, so Lohmann gleich zu Beginn der Auftaktkundgebung[5].

Anhand der Märsche wird die Kampagnenfähigkeit der »Lebens­schutz«-Bewegung, vor allem unter der Dachorganisation BVL, am deutlichsten. Liberale und reaktionäre Teile des Spektrums stehen unwidersprochen nebeneinander auf der Bühne und können ihre jeweiligen Botschaften verkünden. Märsche finden unter anderem in Berlin, München, Fulda, Münster (organisiert durch EuroProLife) und Freiburg (organisiert durch die Pius-Brüder) statt. In Annaberg-Buchholz organisiert der Kreisverband Erzgebirge der Christdemokraten für das Leben (CDL) seit 2010 jährlich Ende Mai einen »Schweigemarsch für das Leben«, der 2013 unter dem Motto »Abtreibung stoppen! Menschenwürde achten!« mit 300 Teilnehmenden stattfand. Bemerkenswert ist die maßgebliche Teilnahme von sächsischer CDU-Prominenz, wie dem CDU-Fraktionsvorsitzenden im Landtag, Steffen Flath.

Während der Märsche kommt es inzwischen regelmäßig zu Protesten von linken, (queer-)feministischen und antifaschistischen Gruppen. Diese Gegenmobilisierungen, die laut Kirsten Achtelik seit 2008 in Deutschland und Österreich durchgeführt werden, setzen »den Aktionen der Abtreibungsgegner_innen erstmals öffentlich Protest entgegen«, aber hätten auch »eine erneute Auseinandersetzung mit Abtreibung und reproduktiven Rechten angeregt«, die lange nicht mehr geführt wurde.[6]

Ablehnung von Abtreibungen als umfassende Kulturkritik

Die Vielzahl an expliziten »Lebensschutz«-Organisationen ist gut verzahnt in breitere politische Netzwerke von christlichen Gruppen, von Parteien und Organisationen der Neuen Rechten. Wir zählen derzeit mindestens 60 explizite »Lebens­schutz«-Gruppen in Deutschland, meist als eingetragene Vereine und als gemeinnützig anerkannt, von denen geschätzt die Hälfte vor allem Informations- und Lobbyarbeit gegen Abtreibungen betreibt, die andere Hälfte bietet (persönliche oder telefonische) Schwangeren-Beratungen an ohne den Beratungsschein[7] auszustellen. Einige sind auch in beiden Feldern tätig. Nicht mitgezählt haben wir die Dutzenden Regionalgruppen großer Organisationen wie Kaleb. Die meisten Organisationen veröffentlichen keine Mitgliederzahlen, Zahlen über angestellte MitarbeiterInnen oder Angaben über ihr Vermögen und ihre Finanzquellen.

Die Abtreibungskritik dient den christlich-fundamentalistischen Gruppen – die nahezu ausschließlich den Kern der Aktiven stellen – immer als Ausgangspunkt für eine umfassende, generalisierende Kulturkritik an der heutigen postmodernen und individualisierten Gesellschaft. Am Thema »Lebensschutz« werden eine Vielzahl von gesellschaftlichen Diskursen zugespitzt, moralisiert und emotionalisiert. Von Anfang an war das Ziel der »Lebensschutz«-Bewegung nicht alleine darauf ausgerichtet, Schwangerschaftsabbrüche gesetzlich zu erschweren, zu verbieten oder moralisch zu verdammen. Näher betrachtet geht es ihnen um eine Kritik an einer als »unverantwortlich« apostrophierten liberalisierten Sexualmoral, an der Anmaßung des Menschen über die »Schöpfung« (sprich »Gottlosigkeit«), am fehlenden Schutz der »Schwächsten« der Gesellschaft, an Materialismus, Profitdenken und Egoismus, und, zumindest im deutschen Kontext, am demografischen Wandel und dem damit verknüpften, drohenden Verlust eines »christlichen Abendlandes«. Ihre propagierten »Problemanalysen« skizzieren einen pro-christlichen, anti-säkularen und anti-modernen Gesellschaftsentwurf.

Eike Sanders, Ulli Jentsch, Felix Hansen

Dieser Text ist ein Auszug aus dem im August im Unrast Verlag erscheinenden Buch:
Eike Sanders, Ulli Jentsch, Felix Hansen: »Deutschland treibt sich ab«. Organisierter ›Lebensschutz‹, christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus. Reihe unrast transparent – rechter rand, Band 12.

  1.  Wir verwenden im monitor den Gender_gap, wo eine Menge von all gender Menschen beschrieben wird. Bei den VertreterInnen der extremen Rechten und des christlichen Fundamentalismus benutzen wir das Binnen-I, da es in ihrem Selbstverständnis keine weiteren Geschlechter, sondern nur Männer und Frauen gibt. »Lebensschützer« oder »Lebensrechtler« ist die Selbstbezeichnung der Akteure, die wir ungegendert in Anführungszeichen übernehmen.
  2.  BVL: Berliner Erklärung zum Schutz des ungeborenen Lebens anlässlich des Marsches für das Leben am 21.9.2013, www.marsch-fuer-das-leben.de/berliner_erklaerung.php, 14.5.2014
  3.  EuroProLife: Gebetszug »1000 Kreuze für das Leben« in Münster/Westfalen, siehe europrolife.com/147-0-News.html, 14.5.2014
  4.  Der »Marsch für das Leben« fand in Berlin in den Jahren 2002, 2004, 2006 und seit 2008 jährlich statt, bis 2006 unter dem Namen »1000 Kreuze für das Leben«, siehe www.marsch-fuer-das-leben.de
  5.  Der gesamte Bericht siehe apabiz: Der »Marsch für das Leben« in Berlin unter www.blog.schattenbericht.de/2012/09/der-marsch-fur-das-leben-in-berlin, 14.5.2014
  6.  Achtelik, Kirsten: Gegen die »Märsche für das Leben« – eine Erfolgsgeschichte, in: Familienplanungszentrum Balance (Hg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum. Berlin 2012, S. 81-83.
  7.  Achtelik, Kirsten: Gegen die »Märsche für das Leben« – eine Erfolgsgeschichte, in: Familienplanungszentrum Balance (Hg.): Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter-)nationalen Raum. Berlin 2012, S. 81-83.