Nicht länger schweigen!

Rezension: Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek mit Christine Werner: Unser Schmerz ist unsere Kraft: Neonazis haben unsere Väter ermordet, Fischer Sauerländer, Frankfurt/Main 2025, 17,90 Euro.

von Caro Keller (NSU-Watch)

»Als Gamze und ich uns kennenlernten, beschlossen wir, nicht mehr länger zu schweigen, sondern an die Öffentlichkeit zu gehen«, schrieb Semiya Şimşek in ihrem ersten Buch »Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater« im Jahr 2013. Sie erinnert sich an die Zeit im Sommer 2006, kurz nach den letzten bekannten rassistischen Morden des NSU an Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat am 4. und 6. April. Angehörige der Ermordeten hatten Schweigemärsche in Kassel und Dortmund organisiert. Sie forderten, dass die Mörder endlich gestoppt werden und in Richtung eines rechten Motivs ermittelt wird. Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık sind beide 20 Jahre alt, als sie sich auf dem Schweigemarsch in Kassel kennenlernen. Der Mord an Semiyas Vater Enver Şimşek ist zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre her.

Wir lesen mit, wenn Gamze und Semiya die rassistischen Gerüchte über ihre Väter in der Presse lesen müssen, sind bei den Befragungen der Polizei dabei und erfahren, wie sie sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam beschließen, in die Öffentlichkeit zu gehen.

Fast 20 Jahre nach ihrem Kennenlernen sind beide immer noch Freundinnen und kämpfen weiter um Aufklärung und Gerechtigkeit. Nun haben sie sich entschieden, gemeinsam mit der Jugendbuchautorin Christine Werner ein Jugendbuch zu schreiben: »Unser Schmerz ist unsere Kraft. Neonazis haben unsere Väter ermordet«. Auf dem Cover des Buchs steht: »Gegen das Vergessen. Für eine Zukunft ohne Ausgrenzung«. Diese Perspektive durchzieht das ganze Buch.
Die Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 war für Antifaschist*innen eine Zäsur – auch weil wir die Angehörigen in ihrem Kampf um Aufklärung in den Jahren zuvor nicht wahrgenommen, geschweige denn unterstützt haben. Wir haben den Rassismus hinter der Mordserie nicht erkannt, unser Anteil an ihrer Aufklärung beginnt erst Ende 2011.

Diese Leerstelle macht das Buch implizit schon zu Beginn deutlich, denn es beginnt 2006 – mit dem Mord an Mehmet Kubaşık und eben dem Kennenlernen von Semiya und Gamze. Ab diesem Zeitpunkt begleiten wir Leser*innen die beiden. Das Buch wechselt zwischen den Sichtweisen der Protagonistinnen. Wer gerade spricht, ist an Illustrationen zu erkennen, die die Konterfeis der beiden zeigen. Eingestreut sind Chatverläufe zwischen ihnen, kurze Infotexte und QR-Codes, die zu weiteren Informationen führen.

Wir lesen mit, wenn Gamze und Semiya die rassistischen Gerüchte über ihre Väter in der Presse lesen müssen, sind bei den Befragungen der Polizei dabei und erfahren, wie sie sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam beschließen, in die Öffentlichkeit zu gehen. Schon am 24. Mai 2006 gaben Gamze und Semiya ein Interview bei stern TV, in der Hoffnung auf Hinweise aus der Bevölkerung, die zur Ergreifung der Täter führen könnten. Die Hoffnung wurde enttäuscht: »Es hat alles nichts gebracht. Überhaupt nichts. Es ist sieben Monate her, seit wir bei Günther Jauch im Fernsehstudio saßen und unsere Geschichte erzählt haben. Wir hatten so viel Hoffnung, dass sich dadurch etwas ändert. Dass die Polizei vorankommt, dass die Mörder gefunden werden, dass man uns glaubt. Und was ist passiert? Nichts.«

»Unser Schmerz ist unsere Kraft« ist ein sehr persönliches Buch, das nichts beschönigt, nichts auslässt und die Leser*innen dafür teilhaben lässt – ganz nah. Auch an den schönen Momenten: Fotos und Episoden erzählen von der Kindheit mit ihren Vätern, aber auch den Hochzeiten von Semiya und Gamze, bei denen sie ihre Väter schmerzlich vermissten.

Ab November 2011 änderte sich erneut alles, Gamze und Semiya erfahren nicht von der Polizei von der Selbstenttarnung des NSU, sondern aus ihrem privaten Umfeld. Wieder werden sie allein gelassen. Dennoch beschließen sie, weiter die Öffentlichkeit zu suchen. Gemeinsam halten sie bei der Gedenkfeier der Bundesregierung eine Rede, geben Interviews, sagen im NSU-Prozess und in Untersuchungsausschüssen aus. Und obwohl es ihnen versprochen wurde: Eine lückenlose Aufklärung des NSU-Komplexes gibt es bis heute nicht.

»Unser Schmerz ist unsere Kraft« ist ein sehr persönliches Buch, das nichts beschönigt, nichts auslässt und die Leser*innen dafür teilhaben lässt – ganz nah. Auch an den schönen Momenten: Fotos und Episoden erzählen von der Kindheit mit ihren Vätern, aber auch den Hochzeiten von Semiya und Gamze, bei denen sie ihre Väter schmerzlich vermissten.

Und große Teile der Gesellschaft beginnen zu vergessen. Das hat oft auch schlicht mit der verstrichenen Zeit zu tun. Viele Jugendliche waren noch nicht geboren oder Kleinkinder, als sich der NSU enttarnte. Auch deswegen spricht Gamze Kubaşık seit Jahren in Schulen und auch deswegen ist es wichtig, dass es nun dieses Buch zum NSU-Komplex gibt, das sich explizit an Jugendliche ab 14 Jahre richtet. »Unser Schmerz ist unsere Kraft« ist auch als Hörbuch erhältlich. Auf der Internetseite des Verlags kann zudem kostenloses Unterrichtsmaterial heruntergeladen werden.