Kein Schrei nach Liebe

Rezension: Stefan Wellgraf: Staatsfeinde. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren, Ch. Links, Berlin 2026, 28 Euro.

Von Kilian Behrens

Stefan Wellgraf, der als Soziologe an der Berliner Humboldt Universität arbeitet, widerspricht in seiner aktuellen Veröffentlichung Deutungen, wonach rechte Tendenzen in Ostdeutschland eine Folge der verinnerlichten autoritären DDR-Erziehung seien. Rechte Skinheads und Hooligans seien vielmehr aufgrund ihrer antiautoritären Haltung mit dem Staat in Konflikt geraten. Kern seiner Forschung sind die Fans des Ost-Berliner Fußballclubs Dynamo (BFC), an denen er exemplarisch die Entwicklung rechter Subkulturen in Ostdeutschland nachvollzieht. Wer auf eine überblicksartige Darstellung verschiedener Szenen gehofft hat, wird jedoch schnell enttäuscht. Hier verspricht der Titel des Buches mehr, als es einlöst.

Der BFC war DDR-Rekordmeister und Stasi-Club. Ab den 80er Jahren fanden sich auf den Stadionrängen vermehrt rechte Skinheads und Hooligans. Diese kamen, wie Wellgraf darstellt, sowohl aus Familien mit politischer Nähe zum Staatsapparat, als auch aus dem proletarisch geprägten Milieu im Prenzlauer Berg. In den 90ern ging es sportlich für den Verein in die Bedeutungslosigkeit. Gleichzeitig galten die prügelnden Anhänger in der Szene als »der härteste Mob in Deutschland«. Anhand von Interviews, Stasi-Akten und Archivmaterial zeichnet Wellgraf die Geschichte nach.

Der Autor, bisher kaum mit Veröffentlichungen zur extremen Rechten in Erscheinung getreten, legt sich mit einem nicht geringen Teil der Forschung an. Zu sehr sei diese durch die Perspektive westdeutscher Forscher*innen geprägt, inkl. unzulässiger Analogien zwischen Nationalsozialismus und DDR oder einer pathologisierenden Lesart, die rechte Phänomene als Reaktion auf psychische Störungen begreift. Ein Teil der Forschenden ist ihm zu nah an Deutungen des Verfassungsschutzes, andere labelt er mir nichts dir nichts als »linksalternativ«. Antifaschistischen Archiven attestiert er, neben der auch von ihm anerkannten Bedeutung für die zeithistorische Forschung, eine »ausgeprägte Sammelwut«.[1] Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Autor für das vorliegende Buch von dieser profitierte. Neben dem Archiv der Jugendkulturen recherchierte Wellgraf auch im apabiz.

Man muss nicht alles teilen was der Autor schreibt. Spannend ist dessen Kritik an Argumentationsmustern, wonach rechte Gewalt in Ostdeutschland in den 90ern die Folge einer autoritären staatlichen Erziehung oder ein »Schrei nach Liebe« aufgrund unterdrückter Gefühle gewesen seien, aber durchaus. Die vorgestellten Protagonisten passen schlicht nicht in entsprechende Schablonen. Anstatt als vermeintlichen Konformismus beschreibt Wellgraf den ostdeutschen Umgang mit Autoritäten als eigensinnig und betont im Fall der Skinheads und Hooligans deren antiautoritären Charakter im Hinblick auf den Staat. Sehr plastisch beschreibt er den DDR-Repressionsapparat inkl. der berüchtigten Jugendwerkhöfe. Drangsalierung und Folter dürften vorhandene rechte Tendenzen bei ansonsten eher subkulturell orientierten Skins und Hools verfestigt haben.

Anstatt als vermeintlichen Konformismus beschreibt Wellgraf den ostdeutschen Umgang mit Autoritäten als eigensinnig und betont im Fall der Skinheads und Hooligans deren antiautoritären Charakter im Hinblick auf den Staat.

Eine einfache Antwort auf die Frage des Ursprungs rechter Gewalt in Ostdeutschland liefert das Buch nicht. Auf Rassismus als Handlungsmotiv wird kaum eingegangen, aktuelle extrem rechte Entwicklungen bleiben außen vor. Es stellt sich die Frage, inwiefern sich die Erkenntnisse verallgemeinern lassen. Ob sich die Wahlerfolge der AfD beispielsweise in Thüringen mit biografischer Forschung zu einem verhältnismäßig kleinen und stark subkulturell geprägten Ostberliner Fußballverein erklären lassen, ist fraglich.

Ein historischer Fauxpas Wellgrafs sei an dieser Stelle noch erwähnt: Das Haus in Weitlingstraße 122 in Berlin-Lichtenberg, in dem die Nationale Alternative Anfang der 90er Jahre ihre Zentrale unterhielt und das in der Folge kurzzeitig zum Treffpunkt der bundesdeutschen Neonaziszene wurde, war nicht besetzt. Vielmehr existierte ein legales Nutzungsverhältnis. Nachdem Neonazis zuvor ein anderes Haus besetzt hatten, wurde ihnen dieses von der Wohnungsverwaltung als Ersatzobjekt angeboten. Hier trägt der ansonsten immer wieder Genauigkeit einfordernde Autor einen längst dekonstruierten Mythos weiter.

Obgleich Wellgraf rechte Gewalt nicht verharmlost, wird sie auch nicht wirklich greifbar. Opferperspektiven finden sich kaum wieder. Interessant wäre zudem die Herstellung von Bezügen zu nicht-rechten Subkulturen in der DDR gewesen.

Trotz der Repliken auf die Forschungsdebatten der letzten Jahrzehnte ist das Buch flüssig geschrieben. Kürzungen hätten dem 560-seitigen Text jedoch gut getan. Gelegentlich entsteht beim Lesen der unangenehme Eindruck einer Faszination des Autors für seine »Forschungsobjekte«, etwa wenn er bezüglich eines bierseligen Kneipenabends mit Alt-Hools von einer »gewisse[n] Aura« und einer »nicht ungemütliche[n] proletarische[n] Berliner Bodenständigkeit« schreibt. Obgleich Wellgraf rechte Gewalt nicht verharmlost, wird sie auch nicht wirklich greifbar. Opferperspektiven finden sich kaum wieder. Interessant wäre zudem die Herstellung von Bezügen zu nicht-rechten Subkulturen in der DDR gewesen. Denn nicht jede*r hob zwangsläufig den Arm zum Hitlergruß, um die eigene Ablehnung des Realsozialismus auszudrücken.

Wer gängige Argumentationsmuster zur extremen Rechten in Ostdeutschland hinterfragen will, für den ist dieses Buch empfehlenswert. Ein gewisses Faible für Fußball und Subkulturen sollte aber vorhanden sein.

 

Eine gekürzte Version dieser Rezension erschien zunächst im Rundbrief des apabiz monitor Nr. 102.

 

  1.  Das Zitat zu antifaschistischen Archiven stammt aus: Wellgraf, Stefan: Luftgebäude und Sammelwut. Konzeptionelle Probleme der Forschung zu rechten Bewegungen, in: Stefan Wellgraf/Christine Hentschel (Hrsg.): Rechtspopulismen der Gegenwart, Leipzig 2023, S. 37–56.