Mythos München

Bei einem Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest im Jahr 1980 starben 13 Menschen, über 200 wurden verletzt. Der Bombenleger hatte zumindest zeitweise einer Neonazigruppe nahe gestanden. Viel mehr ist bis heute nicht bekannt. Für viele BRD-Linke war das ausreichend, um einen weiteren Beleg für eine »Faschisierung« des Staates zu sehen. Ein skeptischer Blick zurück auf die Münchner Melange aus Indizienketten, analytischen Fehldeutungen, auf Geheimdienste und linke Geschichtsmythen.

Seit über 30 Jahren gilt es bei Linken als feststehende Tatsache, dass der Bombenanschlag beim Münchener Oktoberfest 1980 von organisierten Neonazis verübt wurde. Bei objektiver Betrachtung sind aber Bedenken gegen diese Sichtweise anzumelden. Auch für Linke und Antifaschist_innen stellt sich die Frage, ob die bisherige Geschichtsschreibung in dieser Sache so haltbar ist.

Der Anschlag

Zum Anschlag vom 26. September 1980 gibt es wenige unbestreitbare Fakten. Gundolf Köhler war (Mit-) Täter, das lässt sich ohne vernünftigen Zweifel behaupten. Der damals 21-jährige kam beim Anschlag selbst ums Leben und es ist sehr wahrscheinlich, dass er bereits am Bau der Bombe zumindest beteiligt war. Doch alles weitere ist spekulativ. Es lässt sich nicht feststellen, ob die Explosion der Bombe Köhlers Absicht, ein Versehen oder die planmäßige Tat von Dritten war. Die Anwesenheit von Mittätern ist relativ wahrscheinlich, aber keineswegs sicher.

Der Verdacht gegen die Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) steht und fällt mit der Verbindung zwischen Köhler und der WSG. Diese Verbindung war 1980 von der Generalbundesanwaltschaft (GBA) vorschnell öffentlich als »Mitgliedschaft« bezeichnet worden, was bei näherer Untersuchung so nicht haltbar war. Köhler hatte 1976/77 an zwei bis drei Übungen der WSG teilgenommen, vermutlich als Anwärter, und sich dann wieder von dieser abgewandt. Nachdem aber einmal der Verdacht gegen die WSG in der Welt war, wurden in den folgenden Jahren in den Medien diverse Indizien zu seiner Untermauerung veröffentlicht. Diese Indizien sind nicht stichhaltig. Sei es das bis heute oft reproduzierte Foto aus der WSG-Zeitschrift Kommando von 1979, auf dem angeblich – aber unzutreffend – Köhler identifiziert wird, seien es »Selbstbeschuldigungen« von zeitweiligen WSG-Mitgliedern wie Ulrich Behle 1980 oder Stefan Wagner 1982, die sich bei genauer Analyse als falsch erweisen, oder auch aktuell die im Fernsehmagazin »kontrovers« [1] beschriebene Verbindung zwischen Hoffmann und italienischen Neofaschisten, die im Prinzip schon 1980 bekannt war.

Wenn Köhler seit Mai 1977 nichts mehr mit der WSG Hoffmann zu tun hatte, wovon auszugehen ist, bleiben keine belastbaren Hinweise auf eine Verbindung der WSG zum Anschlag in München übrig. Damit fällt der Versuch einer Eingrenzung des möglichen Täterkreises wieder auf Köhler und dessen direktes Umfeld zurück. Ein Motiv für den Anschlag, wenn er denn so geplant gewesen sein sollte, ist aus dem Persönlichkeitsprofil Köhlers nicht schlüssig abzuleiten. [2] Sicher ist zwar, dass Köhler als Jugendlicher in den Jahren 1976 bis 1978 rechtsradikal, wenn nicht gar neonazistisch war. Es lassen sich jedoch in der Folgezeit weder eine politische Radikalisierung noch eine organisatorische Einbindung Köhlers belegen, im Gegenteil: In den Jahren 1979/80 überwiegen die Hinweise auf eine Entfernung vom neonazistischen Milieu. Dem entgegen stehende Veröffentlichungen beruhen durchweg auf den Aussagen eines einzelnen Zeugen, dessen Glaubwürdigkeit fraglich ist. Eine allgemeine Sozialphobie oder selbstzerstörerische Neigungen sind für Köhler nicht in auffälligem Maße nachweisbar, also bleiben seine vermutlich auch 1980 noch rechte Orientierung und seine praktische Fähigkeit, Sprengsätze zu bauen, weiter die naheliegendsten Ansätze. Doch um daraus eine organisierte Gruppentat abzuleiten, bedarf es einer militanten neonazistischen Gruppe in Köhlers Umfeld, wofür es keine Indizien gibt.

Die Terrorserie neonazistischer Gruppen in der Zeit 1977 bis 1982 ist fast vollständig aufgeklärt worden. Weder das Profil der Täter [3] noch der Taten passt zu dem Münchener Anschlag. Die rechten Anschläge richteten sich durchweg gegen ideologisch nachvollziehbare Angriffsziele wie Linke, sog. »Ausländer«, Polizisten, Gerichtsgebäude etc., die Täter mit starkem moralischen Antrieb sahen sich als politische Soldaten im einsamen »Kampf für Deutschland«. Die Distanzierungen der Neonazis von dem Münchener Anschlag als Bombe »gegen das Volk« sind als glaubwürdig einzuschätzen. Nicht nur Karl-Heinz Hoffmann, sondern auch der selbst militant organisierte Neonazi Walter Kexel 1980 äußerte sich dementsprechend.

Wer weiterhin einen organisierten neonazistischen Hintergrund des Münchener Anschlags nachweisen möchte, steht vor dem Problem, eine hinreichend isolierte und fanatisierte Neonazi-Gruppe ausfindig zu machen, deren Existenz nicht einmal denjenigen Neonazis bekannt war, die in späteren Jahren aus der Szene ausstiegen und darüber berichteten. Eine solche Hypothese ist zwar kaum zu widerlegen, aber doch sehr viel unwahrscheinlicher als andere Erklärungsmodelle, etwa das einer Einzeltat beziehungsweise aus einem persönlichen Umfeld heraus entstandenen Kleinstgruppentat ohne ideologischen Unterbau. Oder eben die bei Anschlägen dieser Größenordnung ohnehin naheliegende Vermutung einer Verwicklung von Geheimdiensten oder vergleichbaren Gruppen.

Was ist aus der Erkenntnis, dass Hoffmann ziemlich sicher nicht verwickelt war und die Mittäterschaft (bekannter) Neonazi-Gruppen zumindest sehr fraglich ist, zu schließen? Sicher nicht, dass es keinen Sinn mehr hätte, die Neonazi-Spur zu verfolgen. Die hier dargelegten Zweifel sind nur einer von verschiedenen möglichen Zugängen zu dem Thema. Die Nachverfolgung der fehlerhaften Ermittlungen ist ein anderer, und es steht zu hoffen, dass der Münchener Rechtsanwalt Werner Dietrich in den nun endlich vom LKA Bayern bereitgestellten Spurenakten neue Hinweise finden kann. Auch öffentlicher politischer Druck, wie er aktuell durch den Spielfilm »Der blinde Fleck« [4] erzeugt wird, kann helfen, Bewegung in die Sache zu bringen. Dies hat auch Hoffmann selbst erkannt, der seit etwa zwei Jahren versucht, öffentlich die eigene Rehabilitierung zu betreiben. Dazu macht Hoffmann, der unverändert rechtsradikal ist, »Bündnisangebote« an Linke, die aber nicht allzu ernst genommen werden sollten. Hoffmann hat zur Klärung des Falls nichts beizutragen als rechte Verschwörungstheorien.

Die Dimension des Unheils

Für Linke stellt sich die Frage, ob es möglicherweise rund um den Münchener Anschlag eine Mythenbildung aufzuarbeiten gibt. Dazu ein paar stichpunktartige Überlegungen.

Die beunruhigende Grauzone zwischen Geheimdiensten und Neonazis gab auch 1980 Anlass zu begründeten Spekulationen, ohne dass »Stay Behind« und »Gladio« bekannt waren. Die in Italien 1969 bis 1974 verfolgte »Strategie der Spannung« und der kurz vor München erfolgte Bombenanschlag von Bologna wurden damals schon – selbst im Spiegel – als möglicherweise zusammenhängend diskutiert. Dennoch wurde diese staatsterroristische Spur von Linken zaghafter aufgegriffen als der Verdacht gegen die WSG Hoffmann. Es wäre noch herauszufinden, ob es dafür neben der durch die Generalbundesanwaltschaft unabsichtlich gelegten falschen Fährte noch weitere Gründe gab.

Die politische Situation in der Bundesrepublik war 1980 polarisiert. In der radikalen Linken war kurz zuvor die These von der »Faschisierung des Staates« diskutiert worden. Der »Deutsche Herbst« 1977 war alles andere als vorbei, linke Demonstrant_innen hörten am Straßenrand »euch sollte man vergasen«. Neonazis wurden von vielen Linken im größeren Zusammenhang einer antikommunistischen Staatsdoktrin gesehen. Die politische Stärke der Neonazis, ihre finanziellen Mittel und ihre militärische Schlagkraft wurden dabei überschätzt, die prahlerischen Selbsteinschätzungen der Neonazis manches Mal ungeprüft übernommen. Ein großer Anschlag mag daher emotional in das Bild der großen Bedrohung durch die Neonazis gepasst haben.

Es ist damals wie heute eine Gratwanderung, politische Ereignisse neu zu bewerten und insbesondere Neonazi-Aktionen objektiv zu diskutieren, dabei aber weder einer Verharmlosung noch einer Dämonisierung das Wort zu reden. In Bezug auf den Oktoberfest-Anschlag ist das in den vergangenen 30 Jahren am besten bereits 1984 dem bayerischen Journalisten Ulrich Chaussy gelungen. Sein 2014 neu aufgelegtes Buch zum Thema ist nach wie vor als Standardwerk anzusehen. [5] Fast alle anderen Veröffentlichungen leiden daran, unbedingt den Skandal zu suchen und deshalb Widersprüche beiseite zu schieben. Das gilt für Artikel in Zeitungen und Magazinen wie Spiegel und Stern ebenso wie für später erschienene Bücher [6] und diverse TV-Dokumentationen. Auch der genannte Spielfilm »Der blinde Fleck« kann sich dieser Effekthascherei leider teils nicht entziehen.

Die Ermittlungen zum Münchener Anschlag stehen objektiv betrachtet in etwa da, wo sie im November 1980 standen. Ein schwieriger neuer Anlauf, aber jede Aufklärung ist die Mühen wert.

Thomas Lecorte

Unser Gastautor Tomas Lecorte hat die Ermittlungen zum Oktoberfest-Anschlag eingehend untersucht. Sein ausführliches Fazit ist auf der Webseite www.lecorte.de zu finden (Oktoberfest-Attentat 1980: Eine Revision).

  1.  www.br.de/mediathek/video/sendungen/kontrovers/oktoberfest-attentat-geheimdienst-104.html
  2.  Vgl. dazu meinen Artikel »War Gundolf Köhler ein Neonazi?«, ak 586, 17.9.2013, und www.lecorte.de
  3.  Nur in absoluten Ausnahmefällen waren auch Frauen beteiligt, mir sind nur zwei Namen bekannt (Sibylle Vorderbrügge und Christine Hewicker).
  4.  Die Verfilmung der Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy als Politthriller ist seit dem 24. Januar 2014 in den Kinos.
  5.  5
    Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat, Ch. Links Verlag, 2014
  6.  Siehe z.B. Tobias von Heymann: Die Oktoberfest-Bombe, Nora-Verlag 2008