Foto: Dietmar Rabich, Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0

Die Renaissance der Quelle

Lange Zeit fristete die zeitgenössische Quelle in Darstellungen, Berichterstattungen und Analysen zur extremen Rechten eher ein Schattendasein. Ein Blick auf aktuelle Veröffentlichungen zeigt, dass sich dies zumindest punktuell zu ändern scheint.

Von Vera Henßler

Mittlerweile vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über die extreme Rechte berichtet wird. Nur selten werden hierfür gedruckte Quellen herangezogen. Dabei ermöglicht die Analyse extrem rechter Quellen vielerlei, etwa Rückschlüsse auf ideologische Bezüge, historische Anleihen oder personelle Netzwerke. Richtig kontextualisiert geben sie nicht nur Auskunft über politische Ziele und Strategien, Kontinuitäten und Brüche, sondern auch über das Verhältnis zu Staat und Gesellschaft. Die akteurszentrierte Rechtsextremismusforschung, die mittels empirischer Quellenanalysen auf die konkreten Akteur*innen und ihre Handlungen schaut, so Gideon Botsch, war in Deutschland lange marginalisiert, es dominierten extremismustheoretische und soziologische Ansätze.[1] Über 40 Jahre nach Erscheinen des Standardwerks »Entstehung und Entwicklung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik« von Peter Dudek und Hans-Gerd Jaschke, in dem eine Vielzahl gedruckter Dokumente zu finden ist, wurden zuletzt gleich drei Projekte veröffentlicht, die sich mehr oder weniger dezidiert mit Quellen der extremen Rechten befassen.

Die akteurszentrierte Rechtsextremismusforschung, die mittels empirischer Quellenanalysen auf die konkreten Akteur*innen und ihre Handlungen schaut, so Gideon Botsch, war in Deutschland lange marginalisiert, es dominierten extremismustheoretische und soziologische Ansätze.

Die historische Rechtsextremismusforschung hat in den vergangenen Jahren starken Auftrieb erfahren, zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten sind erschienen. Im Zuge dessen veröffentlichten das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien nun eine kommentierte Online-Quellensammlung zur »radikalen Rechten in Deutschland von 1945 bis 2000«.

In fünf verschiedenen Themenbereichen (Gewalt, Ideologie und Publikationen, Organisation, Staat und Gesellschaft sowie Subkultur) werden derzeit 32 Quellen aus fünf Jahrzehnten dargestellt.[2] Dabei verzichtet die Sammlung auf einführende Texte, die einzelne Jahrzehnte charakterisieren oder die Relevanz der gewählten Themenfelder in einen Gesamtzusammenhang einordnen. Lediglich im Titel der kommentierten Quellen werden Themen angerissen, etwa Erinnerungsabwehr (»Die ›Holocaust international‹-Ausgabe der MUT aus dem Januar 1979«) oder Antisemitismus (»Hans-Dietrich Sanders Buch ›Die Auflösung aller Dinge‹«).

Während es sich bei einigen Quellen tatsächlich um breiter rezipierte Schlüsseltexte handelt, stehen andere eher exemplarisch für zentrale Ideologien und Aktivitäten. So nimmt der Kommentar zum »Informationsheft der Wiking-Jugend zum 14. Pfingsttreffen nationaler Jugend« die Quelle zum Ausgangspunkt, um das langjährige System der paramilitärischen und völkisch-nationalistischen Indoktrination von Kindern und Jugendlichen innerhalb der Neonaziorganisation darzustellen. Ein weiterer Kommentar analysiert anhand eines 1969 erschienenen Artikels von Gerhard Frey in dessen auflagenstarker Deutschen Nationalzeitung (DNZ) die rechte Agitation zum Thema Grundrechte und Meinungsfreiheit und damit ein bis heute wirksames Narrativ. Frey reagierte damals auf einen letztlich erfolglosen Antrag der Bundesregierung auf Grundrechtsverwirkung nach Artikel 18 GG gegen ihn als Herausgeber der DNZ. Den Kommentaren gelingt es so, von der konkreten Quelle ausgehend allgemeine Darstellungen vorzunehmen und Schlüsse zu ziehen, ohne den zeithistorischen Kontext der jeweiligen Quelle aus dem Blick zu verlieren.

Richtet man den Blick auf die perspektivische Verfügbarkeit staatlicher Quellen und die Frage, wie das öffentliche Aufarbeitungsinteresse gegenüber den Geheimschutzinteressen der Nachrichtendienste legislativ gestärkt werden könnte, sieht es allerdings weiterhin mau aus.

Wer sich für die Lektüre etwas Zeit nimmt, erfährt einiges über die verschiedenen Milieus, ihre zentralen Akteure sowie die Interaktion mit der meist bundesdeutschen Gesellschaft. Über ein Register lassen sich die Artikel nach Publikationen, Personen, Organisationen und Schlagwörtern durchsuchen. Obgleich sich die Sammlung an ein breit gefächertes Publikum richten soll, dürfte sie vor allem für Menschen mit fundierten Vorkenntnissen interessant sein, da eine übergeordnete Rahmung außerhalb der jeweiligen Quellentexte fehlt.

Hier kann womöglich eine weitere Veröffentlichung helfen: Nahezu zeitgleich erschien der umfassende Band »Deutschlands radikale Rechte 1945-2025« der Bundeszentrale für politische Bildung, der preiswert zu erwerben ist und im Gegensatz zum eingangs vorgestellten Online-Projekt auch die unmittelbare Gegenwart beleuchtet.[3] Zwar stellt das Buch keine Quellensammlung dar, sondern nimmt über chronologisch angeordnete Aufsätze eine Periodisierung der Geschichte der extremen Rechten vor. Über Faksimiles sind jedoch einzelne Dokumente abgebildet. Da diese nicht Ausgangspunkt der Erläuterungen, sondern vielmehr Ergänzungen sind, wurde hier wie so oft vor allem auf Fotos zurückgegriffen. Die Beiträge skizzieren die Entwicklungsphasen in der BRD (Nachkriegsjahre, Aufstieg der NPD, Zersplitterung und Radikalisierung sowie schließlich Selbstwirksamkeit und Etablierung), zwei weitere Aufsätze widmen sich der DDR, die in bisherigen Darstellungen meist weitestgehend fehlte.

Nach jahrelangem Vorlauf wurde außerdem das »Themenportal Rechte Gewalt« auf dem Archivportal D veröffentlicht.[4] Einst von der Ampelregierung als »Archiv zum Rechtsterrorismus« vorgesehen, bietet die Plattform des Bundesarchivs einen schlaglichtartigen Überblick über mehr als 200 Fälle zumeist tödlicher rechter Gewalt, basierend auf veröffentlichten Recherchen. Weitergehende Texte dokumentieren ausführlich sieben Fälle, darunter zwei Morde des NSU, und weisen vorhandene Quellenbestände in Form von Metadaten in verschiedenen Archiven nach. Das Portal ist das erste Projekt, das im Rahmen der staatlichen Aufarbeitung der Versäumnisse rund um die Ermittlungen im NSU-Komplex umgesetzt wurde. Parallel hat die Bundeszentrale für politische Bildung eine Machbarkeitsstudie zur Errichtung eines Erinnerungsortes publiziert und das Bundeskabinett Ende 2024 einen Gesetzesentwurf zur Errichtung einer Stiftung »Gedenken und Dokumentation NSU-Komplex« verabschiedet.

Richtet man den Blick auf die perspektivische Verfügbarkeit staatlicher Quellen und die Frage, wie das öffentliche Aufarbeitungsinteresse gegenüber den Geheimschutzinteressen der Nachrichtendienste legislativ gestärkt werden könnte, sieht es allerdings weiterhin mau aus. Auch nach vielen Jahren der Debatte scheint es bisher nur in Thüringen verbindliche Schritte in diese Richtung zu geben, indem eine Übernahme der Akten des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum NSU-Komplex durch das Landesarchiv auf den Weg gebracht wurde. Eine Demokratisierung der Abgabemechanismen geheimdienstlicher Quellen an die staatlichen Archive — etwa durch klarer gefasste Ausnahmeregelungen oder eine Stärkung archivischer Befugnisse gegenüber den abgebenden Behörden — ist weiterhin nicht erkennbar. Insofern bleibt die Renaissance der Quelle wohl begrenzt und die Überlieferung lückenhaft.

 


  1.  Vgl. Botsch, Gideon: Rechtsextremismus als politische Praxis. Umrisse akteurszentrierter Rechtsextremismusforschung, in: Christoph Kopke, Wolfgang Kühnel (Hrsg.): Demokratie, Freiheit und Sicherheit. Festschrift zum 65. Geburtstag von Hans-Gerd Jaschke, Berlin 2017, S. 131-146.
  2.  Darunter befinden sich auch einige Quellen aus dem Bestand des apabiz.
  3.  Vgl. dazu auch die Kurzrezension in dieser monitor-Ausgabe auf S. 8.
  4.  Vgl. dazu auch den Text »Zur staatlichen Historisierung rechter Gewalt« vom Dezember 2023, in: monitor Nr. 96.