Foto: Barbara Dietl/dietlb.de

Bewegungen bewahren

Was geht mich ein Positionspapier aus dem Verband deutscher Archivarinnen und Archivare an? Die Sache ist die: wem politischer Aktivismus in Theorie und vor allem Praxis am Herzen liegt, sollte sich Gedanken über dessen Archivierung machen!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Webseite der terzautonome Stattzeitung für Politik und Kultur in Düsseldorf und Umgebung.

Demo ist lange vorbei, Transparente, Flugblätter, Aktionsmaterial – ab in die Tonne. Alt-Aktivistin stirbt, ihr politisches Leben, von Frauenbewegung über Hausbesetzung bis hin zu Anti-AKW, Zeugnisse davon versammelt in muffigen und zehnmal mit umgezogenen Kartons im Keller – die Angehörigen kloppen sie in die Tonne. Eine politische Gruppe löst sich auf wegen der üblichen Unstimmigkeiten über das richtige Vorgehen, die Materialien jahrelanger agitatorischer Mühsal, Einblicke in die Gruppenstruktur, Protokolle, Stellungnahmen, Briefe – kommen in die Tonne.

Das sind regelrechte Splatterszenarien für Archivar*innen, sind sie doch mit der Bewahrung von Geschichte nicht nur für die nächste Generation sondern gleich für die Ewigkeit befasst. Aber fehlt der Repräsentation von Geschichte und dem Status Quo einer Gesellschaft wirklich was, wenn, sagen wir, der Protest gegen Dügida oder die Mobilisierung für das Klimacamp fehlen? Die Antwort ist, um den Cliff-Hanger vorwegzunehmen: Ja, sicher! Ein Blick auf die Funktionsweise von Archiven in Deutschland und den Gründungsgedanken Freier Archive kann das nur bestätigen.

Viele Archive, viele Regeln, viele Lücken

In Deutschland gibt es ein ausgetüfteltes Netz von Bundesarchiv, Staats- oder Landesarchiven sowie Stadt- und Kommunalarchiven, die ihren gesetzlichen Aufträgen folgen (wir sind hier ja in Deutschland) und mehr oder weniger klar definierte Zuständigkeitsbereiche haben. Erst in jüngerer Zeit ist der Fachwelt aufgegangen, dass bestimmte gesellschaftliche Bereiche, hauptsächlich solche, die sich staatlicher oder städtischer Kontrolle und Verwaltungsformen entziehen, nicht adäquat in oben genannten Archiven vertreten sind. Nämliche Archive kümmern sich schwerpunktmäßig um Organe des Staates und der Stadt, um Sachakten, um sogenanntes „amtliches Schriftgut“. „Nichtamtliches“ wird zu einem kärglichen Umfang gesammelt, und dabei handelt es sich dann auch um so illustre Zusammenschlüsse wie den Taubenzüchter*innen- und den Heimatverein.

Unterlagen aus einem linkspolitischen, alternativen Milieu finden kaum Eingang in handelsübliche Archive. Das hat vielerlei Gründe. Zum Ersten haben sie ja ihren fixen Zuständigkeitsbereich, und davon abzuweichen, ist eher nicht so angesagt. Zum Zweiten fehlt den dort angestellten Archivar*innen die Kenntnis von und der Zugang zu linken Milieus. Zum Dritten kommt es für viele Aktivist*innen und politische Gruppen gar nicht in Frage, ihre Materialien in ein Archiv in staatlicher oder städtischer Hand zu geben, wo sich ihre Kritik und ihr Widerstand doch gegen ebenjene richten. Zum Vierten setzt sich erst langsam die Ansicht durch, dass z. B. für Forscher*innen der Zeitgeschichte lebendiges nicht-amtliches Material weitaus ergiebiger sein kann als standardisierte Verwaltungspapiere. Weil Protagonist*innen aus den Neuen Sozialen Bewegungen das Dilemma vor vielen Jahrzehnten schon erkannten, haben sie ihre eigenen, unabhängigen Archive aufgebaut.

Devise: Selbstorganisation

Frauen konnten auf eine lange Tradition männlicher Geschichtsschreibung, auf das Verschweigen ihrer Anteile an Gesellschafts- und Kulturentwicklung zurückblicken. Sie waren darauf angewiesen, sich autonom Strukturen schaffen zu müssen, um die eigene Geschichte zu beherbergen und zu erzählen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Frauen- und Lesbenarchive den Anfang der selbstorganisierten Archive machten. Als erstes wurde 1973 das Spinnboden-Lesbenarchiv in Berlin aufgebaut, das noch heute existiert. Die Frauen-/ Lesben- und feministischen Archive sind gleichzeitig am besten organisiert, weil sie sich bereits in den 1980er Jahren zu einem Dachverband zusammengetan haben. Die meisten anderen Freien Archive gründeten sich erst ab Mitte der 1980er Jahre im Nachklang der erwachsen gewordenen 1968er, der Studierendenrevolte, der außerparlamentarischen Zusammenschlüsse, der Internationalismus-Aktionen, aber auch vor dem Hintergrund der entstehenden Öko-Bewegungen und Häuserkämpfe. Sie stehen informell miteinander in Kontakt und treffen sich jährlich zum „Workshop der Archive von unten“. Die Archive können dabei grob in zwei Herkunftszusammenhänge eingeteilt werden. Einerseits gibt es solche, die aus einer spezifischen politischen Gruppe oder einer Bewegung heraus entstanden sind. Sie dienten dann vor allem auch dazu, der zugehörigen Szene ein Gedächtnis und Rechercheort zu sein. Zweitens gibt es solche Archive, deren Gründer*innen zwar politisch aktiv waren, aber eine breitere Aufstellung mehrerer sozialer Bewegungen sammeln wollten. In diesen Archiven stehen dann mitunter solche Milieus im Regal nebeneinander, die sich „zu ihrer Zeit“ heftigst bekämpften (Stichwort K-Gruppen).

Trotz aller Unterschiede eines gemeinsam: kein Geld

In Deutschland gibt es rund 90 Freie Archive aus den unterschiedlichsten Milieus: Neben den schon genannten Frauen- und Lesbenarchiven existiert seit kurzem auch das Lili-Elbe-Archiv, das Trans-, Inter- und Queer-Geschichte sammelt – die Archive gehen also durchaus mit der Zeit. Aus dem Umfeld der Berliner Hausbesetzer*innen-Szene ist das Umbruch-Bildarchiv (mit dem kongenialen Slogan „Gegen die Unterbelichtung der Linken“) hervorgegangen, dessen Fotograf*innen seit über 30 Jahren berlin- und deutschlandweite Demos und sonstige Happenings dokumentieren. Die autonomen Szenen werden bereits ähnlich lange vom Archiv der Sozialen Bewegungen in der Roten Flora und vom Berliner Papiertiger gesammelt. Wer sich schon immer mal selbst miterlebten, verpassten oder nie verstandenen Szenen wie Visual Kei, Straight Edge, Gothic, Hacker- oder Sprayer*innen annähern wollte, kann das im Archiv der Jugendkulturen, ebenfalls in Berlin, machen. Das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz) dokumentiert rechte Szenen und den antifaschistischen Protest dagegen. Letzterem widmet sich auch das Archiv der Roten Hilfe in Göttingen. Im Archiv Aktiv in Hamburg sind gewaltfreie Bewegungen aus dem Ökologie- und Friedensmilieu zu finden, und welches Spektrum das erst seit 2001 bestehende Gorleben-Archiv abdeckt, ist selbsterklärend.

Auch die DDR-Oppositionsbewegungen haben einige Archive, etwa das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte, hervorgebracht. Einen Querschnitt durch all die genannten Archive bietet das Archiv für alternatives Schrifttum (afas) in Duisburg, das die bundesweit umfangreichste Sammlung zu den Neuen Sozialen Bewegungen aufgebaut hat. Die Archive unterscheiden sich in Umfang und Ausstattung stark. Natürlich werden Flugblätter, Plakate, Broschüren, Fanzines, Raubdrucke und Zeitschriften gesammelt, Papierkram halt, aber auch Fotos, Dias, Kassetten, Videos und, für Ausstellungen sehr beliebt: Buttons, Transpis, Shirts, sonstige Devotionalien von der Thälmann-Münze bis zum schmiedeeisernen Peacezeichen. Das, wodurch ein Archiv seinen Namen erst verdient, ist aber das inhaltsschwangere „echte“ Archivmaterial – nämlich das einzigartige, nicht vervielfältigte. Es ist das, was in der Kommunikation mit dem Innen und Außen so anfällt: Briefe, Manuskripte, handschriftliche Notizen, Protokolle … Diese Unterlagen sind äußerst spannend und aussagekräftig, weil sie in den meisten Fällen nie für eine Veröffentlichung gedacht waren und ganz differenzierte Einblicke in politische (und, zugegeben, oft auch private) Diskussionen geben.

Trotz aller Unterschiede haben die meisten Freie Archive eines gemeinsam: sie haben seit jeher Finanzierungsschwierigkeiten! Das Thema Geld wird kontrovers diskutiert, weil es den meisten ja bei ihrer Gründung um eines ging:
Autonomie und die Bewahrung von Dokumenten, die von einem „alternativen Leben“ zeugen. Und das betraf auch die Arbeit: Diese sollte hierarchie­frei, kollektiv, nicht karriereorientiert sein und ohne die Geldscheffel-Logik auskommen. Daher finden einige Protagonist*innen es merkwürdig, nun nach einer öffentlichen Finanzierung der eigenen Arbeit zu rufen. Der Großteil der Freien Archivar*innen hat über die Jahrzehnte aber eine pragmatische Perspektive eingenommen und fordert „Staatsknete“ bei Beibehaltung der Autonomie der Freien Archive. Und genau hier setzt auch das oben genannte Positionspapier des Arbeitskreises Überlieferungen der Neuen Sozialen Bewegungen im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare an.
Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Verfasser*innen betonen, dass Protest-, Freiheits- und Emanzipationsbewegungen die deutsche Gesellschaft prägten und fortlaufend prägen. Demokratie sei „ohne Protest, Widerstand und Utopie nicht zu verteidigen [sie lebe] nicht allein von ihren Institutionen und Regeln, [sondern] auch vom begrenzten Regelbruch und dem Ausprobieren neuer Ideen.“ (Damit sind natürlich auch solche Gruppierungen gemeint, die die Demokratie als Staatsform ablehnen oder gar militant bekämpfen). Die Relevanz der Bewegungen finde sich jedoch nicht in den Bedingungen wieder, unter denen ihre Quellen gesichert werden. Damit ist folgendes Problem beschrieben: Seit Jahrzehnten hat sich unter der Hand das Modell etabliert, dass Freie Archive die – inzwischen – gewünschte Funktion einnehmen, sich um die Quellen der Sozialen Bewegungen zu kümmern. Ihre Bedeutung wird – inzwischen – sogar von gestandenen Archivar*innen aus den Staats- und Kommunalarchiven anerkannt. Eine monetäre Unterstützung der Freien Archive bleibt allerdings aus. Im Klartext heißt das, dass die gesellschaftliche Notwendigkeit gesehen wird, Staat und/oder Land sich aber darum drücken, finanzielle Verantwortung zu übernehmen. Mitarbeiter*innen in Freien Archiven arbeiten meist unter prekären Bedingungen, sind oft gänzlich unbezahlt, unterbezahlt und/ oder hangeln sich von Projekt zu Projekt. Diese Mängelverwaltungen und Unwägbarkeiten stehen in eklatantem Widerspruch zum Anspruch eines Archivs, Quellen dauerhaft zu bewahren und auch im Widerspruch zur zunehmenden Anerkennung und Nutzung durch Aktivist*innen, Forscher*innen, Medien und Museen.

Die Verfasser*innen des Positionspapiers diskutieren schlussendlich fünf Lösungen des Dilemmas. Eine knüpft an den Ist-Zustand an und stellt klar: Ja! Freie Archive sind am besten für die Bewahrung sozialer Bewegungen geeignet, sie sind mit den Szenen vertraut, die Hemmschwelle für Gruppen und Einzelpersonen, ihr Material wegzugeben, ist daher geringer. Also ist die „Absicherung der bestehenden und etablierten Freien Archive (…) durch eine dauerhafte institutionelle Förderung (die) optimale Lösung.“ Ein anderer Vorschlag bezieht sich auf diverse Notfallszenarien. So sei „zur Sicherung der Dokumente sozialer Bewegungen eine zentrale Auffanginstitution für gefährdete Archive, ein Archiv für Bewegungsgeschichte und Alternativkulturen zu schaffen.“ Insgesamt führe kein Weg daran vorbei, dass Kommunen, Länder und auch der Bund ranmüssen, um dieses kulturelle Erbe zu sichern und dauerhaft zugänglich zu halten.

Bei den Bemühungen sollten Freie Archive auch aus den Sozialen Bewegungen ideell unterstützt werden. Geschichte wiederholt sich (leider). Es ist immer überraschend, manchmal bitter, manchmal aber auch ermutigend, sich mit Sachen zu beschäftigen, die 10, 20 oder 30 Jahre zuvor gelaufen sind. Deswegen, an all you people out there: Das Internet weiß nicht alles, gebt eure Geschichte/n weiterhin in Freie Archive und nutzt sie zum Recherchieren, Lernen und Forschen!

Das Positionspapier „Zur Zukunft der Archive von Protest-, Freiheits- und Emanzipationsbewegungen“ ist kostenlos Online verfügbar oder im afas zu bestellen: http://afas-archiv.de