Foto: Rassismus-toetet-Leipzig.org

»Hoyerswerda als Vorbild«

Erinnerung an den Brandanschlag von Hünxe im Oktober 1991

Anfang der 1990er Jahre gab es eine große Anzahl von Anschlägen gegen Geflüchtete. Wir möchten an dieser Stelle an einen Brandanschlag erinnern, der damals wenig Beachtung bekam. Zwei Mädchen im Alter von sechs und acht Jahren erlitten schwerste Verbrennungen und leiden auch heute noch darunter.

In der Nacht zum 3. Oktober 1991 werden bei einem Brandanschlag auf eine Unterkunft für Geflüchtete im nordrheinwestfälischen Hünxe zwei Kinder verletzt. Die drei Täter, André C., Jens G. und Volker L. begeben sich, nachdem sie gemeinsam den »Tag der deutschen Einheit« gefeiert haben, mit selbst gebauten Brandsätzen zu einem Wohnheim, in dem Geflüchtete untergebracht sind. Ein Brandsatz zündet in einem Zimmer, in dem drei Kinder schlafen. Zwei Schwestern erleiden schwerste Brandverletzungen, die sechsjährige Mukades muss ins Krankenhaus nach Duisburg gebracht werden. Ihre achtjährige Schwester Zainab hat so schwere Verbrennungen, dass sie in eine Spezialklinik nach Hamburg geflogen wird. Die Familie war 1988 aus dem Libanon geflohen, um in Deutschland ein sicheres Leben zu suchen.

In Hünxe gab es schon länger eine Neonazi-Skinhead-Szene, in der sich auch die drei Täter bewegten. Einer der Täter, Volker L., zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt, hatte laut Medienberichten in seinem Zimmer eine Hakenkreuzfahne, NS-Propagandamaterial und ein Hitlerbild hängen. Im Rundbrief der Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene (HNG) schreibt sein Zellennachbar mehrfach über den Brandanschlag und fordert die LeserInnen auf, zum Prozess zu gehen, da ein »Schauprozess allererster Güte kommen dürfte“. Gegenüber der Polizei äußerten die Täter, dass ihnen Hoyerswerda »als Vorbild gedient« habe und sie »ein Zeichen setzen« wollten. Nach der Tat rufen Neonazis bei der Familie zu Hause an und bedrohen sie mit den Worten: »Diesmal seid ihr davongekommen, aber nächstes Mal passiert Euch Schlimmeres!«

Berichterstattung im SPIEGEL

Insgesamt gab es um den 3. Oktober 1991 über 20 gewalttätige Übergriffe gegen Geflüchtete, wie die taz am 4. Oktober meldet. Im Spiegel erscheint am 14. Oktober (Nr. 42/1991, online abrufbar) ein Artikel von Cordt Schnibben über den Anschlag in Hünxe. Aber nicht Empathie mit den Opfern ist ihm wichtig, sondern er beklagt die vermeintliche Ausgrenzung von deutschen Kindern in Hünxe durch »Asylanten« und den vierjährigen Bruder von Mukades und Zainab: »Die drei deutschen Jungen, die vor der alten Kirche von Hünxe Fussball spielen, können einem schon Leid tun. So schön sie auch flanken und schießen, immer läuft ein kleiner schwarzgelockter Zwerg in die Bahn, nimmt den Ball mit den Händen auf oder tritt dem Torwart in die Waden. (…) Nun wäre es eigentlich höchste Zeit, dem Kleinen was an die Ohren zu geben, aber die drei, mehr als doppelt so groß, flüchten fluchend vor Mohammed (…). Die Jugendlichen wissen, sie können dem Monster mit den leuchtenden Augen nichts tun. Sie haben Mohammed Saado vor sich, Mitglied der prominentesten Asylantenfamilie Deutschlands.«

»Das Asylrecht geht zu Lasten des deutschen Volkes«

Die Rhetorik des Artikels spiegelt wider, wie zu Beginn der 1990er Jahre der Diskurs um Flucht und Asyl auch in den deutschen Medien geführt wurde. Nicht zuletzt in Gesprächen mit Bürger_innen aus Hünxe nach dem Anschlag wird der normale rassistische Alltag in einem westdeutschen Dorf deutlich: Die Jungs seien eigentlich ganz in Ordnung und die Medienberichterstattung eine Lügerei. Zwei Wochen später wird im Stern ein Kriminaloberrat beim BKA zitiert: »Der Mißbrauch des Asylrechtes ist die Normalität. Das geht zu Lasten des deutschen Volkes.« Er rät Bürgern, »den Aufstand zu proben«. Drei Tage vor dem Anschlag in Hünxe hatten CDU, SPD und FDP im Stadtrat eine Resolution verabschiedet, in der eine »konsequente Abschiebepraxis« eingefordert wurde.

Beim Prozess gegen Volker L., André C. und Jens G. sind sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung darin einig, dass die Schuldfähigkeit der Angeklagten aufgrund des Alkoholkonsums erheblich eingeschränkt gewesen sei. Die drei Täter werden wegen schwerer Brandstiftung und schwerer Körperverletzung zu Jugendstrafen von dreieinhalb bis fünf Jahren verurteilt. André C. nimmt sich nach der Haft das Leben. Volker L. scheint untergetaucht zu sein. Nur Jens G. lebt nach seiner Entlassung ganz in der Nähe von Hünxe, bei den Opfern hat er sich nie entschuldigt. In einer Reportage über Hünxe wird auch 23 Jahre nach dem Brandanschlag deutlich, dass der Anschlag die Schwestern nach wie vor begleitet, zum einen durch physische Schmerzen und zum anderen durch die psychische Belastung. Zainab konnte in der Hamburger Klinik aufgrund der Entfernung nur selten Besuch von ihren Eltern bekommen. Auch später in ihrer Schulzeit wurde sie ausgelacht und ausgegrenzt, aufgrund ihrer Brandnarben.

»Deutschland ist ein ausländerfreundliches Land«

Frappierend erinnern die Worte von Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung vom 27. Mai 1992 anlässlich des Gerichtsprozesses an die aktuelle Debatte: In den Tagen nach dem Anschlag seien die Politiker »auf Kuscheltour gegangen, haben Asylbewerber besucht und Kinder auf den Arm genommen. Das ist schon wieder vorbei. Nach der Schrecksekunde wurde die Asyldebatte noch übler fortgesetzt als vorher. Was also soll man den Opfern sagen? Trösten wir sie mit einem Wort des Bundeskanzlers zum Tag der deutschen Einheit: ›Deutschland ist ein ausländerfreundliches Land‹.«

Paula Tell, Sarah Kaminski