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50 Jahre für „wahrhaftige Geschichtsbetrachtung“
Gründung und Entwicklung der GfP

 

von Ulli Jentsch (apabiz)

Es gibt heute kaum eine Organisation am rechten Rand, die wie die Gesellschaft für freie Publizistik (GFP) auf 50 Jahre Geschichte zurück blicken kann. Das Kartell der extrem rechten Meinungsmacher führt seit 1960 einen Kampf gegen die „linksintellektuellen Kreise“ und deren „Zensur und Boykottbestrebungen“.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in Der Rechte Rand (DRR) Nr.125 v. Juli/August 2010.

Am 25. September 1960 gründete sich die heute „größte rechtsextreme Kulturvereinigung“ in einem Luxushotel gegenüber der Frankfurter Buchmesse. In repräsentativem Rahmen beschlossen rund 80 Personen, darunter Verleger, Publizisten, Autoren und Buchhändler, sich fortan kollektiv „für eine wahrhaftige deutsche Geschichtsbetrachtung – insonderheit der jüngeren deutschen Vergangenheit“ einzusetzen.

Das Spektrum der weit rechts stehenden, „nationalen“ Verlage und Zeitschriften war Anfang der 1960er-Jahre noch vielfältig und wurde geleitet von der Generation, die den Nationalsozialismus erlebt und überwiegend auch mitgestaltet hatte. Sie vertrieb jene „wahrhaftige“ Erinnerung, veröffentlicht in den heldischen Erzählungen deutscher Soldaten oder den „idealistischen Bekenntnissen der Nazis aus der zweiten Reihe, von denen es nach „dem Zusammenbruch“ so viele gab. Ein paar Dutzend Verlage publizierten seit 1945 zusammen vielleicht mehrere Hundert Werke mit militaristischem und geschichts-revisionistischem Inhalt.

20. Okt. 61 Frankfurt a.M., Matthaeikirche, Gemeindesaal, Versammlung der Ges. für freie Publizistik. Hier von links nach rechts: Schriftsteller Peter-Paul Möbius, Verleger Kurt Vowinckel, Unbekannt.

Gegen die militaristische Literatur war zu jenem Zeitpunkt vor allem die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BpjS, heute BpjM) vorgegangen und hatte einige Werke der Wehrmachts-Helden indiziert. Ein Affront für die „nationale Publizistik“, der aber auch finanziell schmerzhaft sein konnte. Das GFP-Präsidium bezeichnete das Vorgehen als „autoritäre Methoden“, „mißliebige Mahner und Verfechter der Wahrheit“ sollten „mit unfairen Mitteln mundtot“ gemacht werden. Schon damals jammerte die nationalistische Rechte von der „geschlossenen Phalanx der herrschenden Meinungsmonopolisten“. Da die Anträge für die Indizierungen ausschließlich von SPD-regierten Bundesländern gestellt worden waren, war für die GründerInnen der GFP die „parteipolitische Zweckdienlichkeit“ offenbar.

Gründungsphase und Konsolidierung (1960-1964)

Die GFP sollte in diesem Lager die gegenseitige Unterstützung und das gemeinsame Vorgehen gegen den politischen Trend organisieren. In der Gründungsphase (1960-1963) standen durchaus nicht die üblichen, bekannten Personen der extremen Rechten an der Spitze der GFP. Der Gründungsvorsitzende Fritz Schneider (Verleger des Fränkischen Anzeigers, Rothenburg/Tauber) galt als moderater Nationaler ohne jede organisatorische Bindung. Treibende Kraft war bei der Gründung und dann noch lange Jahre als Geschäftsführer Werner Hänsler (Schriftleiter, Neustadt a.d.W.), der sich als „Nationalneutralist“ verstand (bis 1973 im Vorstand, Herausgeber des Freien Forum bis Ende 1979).

Mit Kurt Ziesel gehörte dem ersten Vorstand zudem ein ausgesprochener CDU-Mann an, der stellvertretende Vorsitzende Hermann Schwann war FDP-Politiker im Bundestag. Eine starke Fraktion kam aus der damaligen „Deutschen Wochenzeitung (DWZ)“, dem 1959 von Waldemar Schütz gegründeten Sprachrohr der Deutschen Reichspartei (DRP). Ebenso einflußreich war der Kreis der Deutschen Kulturgemeinschaft europäischen Geistes (DkeG) um Herbert Böhme und die Nationalzeitung von Gerhard Frey. Wie heterogen freilich zu Beginn das Spektrum war, zeigt sich daran, dass anfangs gar die Förderung „vergessener jüdischer Dichter“ geplant war. Die Formulierung wurde erst 1962 aus dem Satzungsentwurf gestrichen.

21. September 1962 Frankfurt a.M., Messehalle, Buchmesse.
Hier Werner Hänsler, Geschäftsführer der GFP. Neustadt an der Weinstraße

Doch schon als 1963 die GFP in das Vereinsregister eingetragen wurde, hatten die restaurativen Kräfte um Schütz an Boden gewonnen. Der deutschnationale Verleger Kurt Vowinckel (Neckargemünd) hatte den verstorbenen Gründungsvorsitzenden Schneider ersetzt, zweiter Vorsitzender wurde Klaus Petri (Rechtsanwalt, Lippstadt). Die beiden Mitglieder demokratischer Parteien, Ziesel und Schwann, hatten sich zurückgezogen. Trotzdem hatte sich die GFP deutlich entwickelt, die Zahl der Einzelmitglieder hatte sich auf etwa 400 gesteigert. Hinzu kamen mehrere korporative Mitgliedschaften und die enge Zusammenarbeit mit Gruppen wie DkeG, den Lippoldsberger Dichtertagen oder auch dem Schillerbund. Alles in allem ein weites Feld, um im Sinne der Vereinigung tätig zu werden.

Ihre erste große Wirkung erzielte die GFP mit der Vergabe des Ulrich-von-Hutten-Preises an den US-amerikanischen Historiker David L. Hoggan für sein revisionistisches, die Kriegsschuld Hitler-Deutschlands leugnendes Werk „Der erzwungene Krieg“. Hoggan wurde vom notorischen Wigbert Grabert und dessen damaligem „Verlag der Deutschen Hochschullehrerzeitung“ (in Tübingen) verlegt. 1964 sollte Hoggan diesen Preis entgegen nehmen, was zu scharfen Kommentaren aus Presse, Geschichtswissenschaft und Politik führte. Ein Versammlungsort nach dem anderen wurde der GFP abgesagt, der Bundesinnenminister Hermann Höcherl (CSU) nannte das Hoggansche Machwerk "unerhörte Geschichtsklitterung": insgesamt also ein hervorragender Rahmen, um die Ziele der GFP zu verdeutlichen und ihr selbst gewähltes „Wächteramt“ in Fragen der Meinungsfreiheit auszuüben. Mehr öffentliches Interesse als während der Hoggan-Kontroverse hat die GFP in 50 Jahren nicht erzielt.

13. Okt. 1955 Frankfurter Buchmesse 1955.
Hier Plesse-Verlag-Inhaber DRP-MdL Waldemar Schütz, Göttingen.

Stagnation 1964-1970

Am Ende des Jahres 1964 gründete sich die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) als neue Sammlungspartei der NS-nostalgischen extremen Rechten. Ehemalige Mitglieder der gescheiterten DRP sicherten sich die Schlüsselpositionen. Für die GFP begann die Stagnation: Kurt Vowinckel führte zusammen mit Werner Hänsler, der 1965 zweiter Vorsitzender wurde, die GFP bis ins Jahr 1970 hinein. Beide wollten eine neutrale Linie führen, politische Aktionen bleiben jahrelang aus. In gemütlicher Regelmäßigkeit fanden die Jahresversammlungen statt sowie jährlich eine Veranstaltung zur Frankfurter Buchmesse und eine zu den Lippoldsberger Dichtertagen.

Die GFP arbeitete routiniert und ohne große Erfolge als publizistischer Fachverband der deutschen Rechten. 1968 lehnte gar Karl Dönitz, der letzte Oberbefehlshaber der Wehrmacht und letztes Staatsoberhaupt des Dritten Reiches, den Ulrich-von-Hutten-Preis ab, obwohl er auch später der GFP durchaus geneigt blieb. Dies führte 1969 zur Neuordnung des Preises: eine Medaille wurde zur Ehrung eines Lebenswerkes verliehen, sowie ein mit Geld dotierter Förderpreis. Die Überalterung verdeutlicht die Preisvergabe 1969: posthum erhielt der 1959 (!) verstorbene Hans Grimm den Hutten-Preis, den Förderpreis erhielt Altnazi Hans W. Hagen, der vor der Verleihung verstarb.

Die Ära Sudholt 1971-1991

Die 1970er-Jahre begannen für die GFP mit dem Versuch, den Vorstand zu verjüngen und so den Bedeutungsverlust aufzuhalten. Kurt Vowinckel hatte schon seit einiger Zeit aus gesundheitlichen Gründen sein Amt nicht mehr wahrgenommen. In den Vordergrund rückte Gert Sudholt, politischer Ziehsohn des GFP-Mitbegründers Helmut Sündermann (Druffel-Verlag, gest. 1972), der 1969 Mitglied der Vorstands geworden war. 1970 wählte ihn die Hauptversammlung zum 2. Vorsitzenden, 1973 zum Vorsitzenden. Ihm zur Seite gestellt wurde Holle Grimm, die mit den Lippoldsberger Dichtertagen die wichtigste Zusammenkunft für völkische Literatur leitete.

Die frühen 1970er-Jahre der Bundesrepublik waren auch die Zeit der ersten sozial-liberalen Koalition und der Ostverträge, die den massiven und zum Teil militanten Widerstand der extremen Rechten herausforderte. Von den Protagonisten der 1970 unter Führung der NPD gegründeten Aktion Widerstand beispielsweise waren fast alle auch Mitglieder der GFP: Alfred E. Manke, Bernhard Wintzek (Zeitschrift MUT), Erich Kernmayr, Peter Kleist, Arthur Ehrhardt, Herbert Böhme. Doch die NPD versank danach in Bedeutungslosigkeit. 1971 hatte der farblose Martin Mußgnug die Spitze der Partei übernommen, im selben Jahr gründete Gerhard Frey die Deutsche Volksunion (DVU) als Konkurrenz. Auch in den Reihen der GFP wurden die internen Kämpfe ausgetragen, so schlug man sich nach dem Niedergang des DkeG auf die Seite des aktiveren Alfred E. Manke und dessen Arbeitskreis Volkstreuer Verbände (AVV). Manke wurde 1979 Referent für Vortragswesen in der GFP, für die er in der Folge Vortragsserien in den neu gegründeten regionalen Arbeitskreisen organisierte. 1980 bestanden mindestens 12 solcher Arbeitskreise von Lübeck über Hamburg, Minden und Marburg bis nach Coburg und München.

Die Amtsübergabe an Sudholt war nicht nur ein Generationswechsel. In den 1970er-Jahren begann in der nationalistischen Presselandschaft ein Konzentrationsprozeß. Sudholt selber wurde nacheinander Leiter des Druffel- und Geschäftsführer des Vowinckel-Verlages, übernimmt den Türmer- und beteiligt sich am Hohenstaufen-Verlag. Das Wegsterben der Erlebnisgeneration erforderte auch die Neustrukturierung des Marktes. Sudholt setzte seine verlegerischen Möglichkeiten im Rahmen der GFP ein und ermöglichte damit die erhoffte Vitalisierung – auch zum eigenen Nutzen. Ab 1975 wurden die Jahresversammlungen ausgebaut zu Kongressen mit wechselnden geschichtspolitischen Themen, die Dokumentationen wurden vom Nation und Europa Verlag vertrieben, mit dem Sudholt eng zusammen arbeitete. Die Kongresse waren eine erfolgreiche Neuerung, von der Dokumentation des 1976er-Kongresses wurden nach Eigenangaben alleine 12.000 Exemplare verkauft.

Der rechte Flügel der Unionsparteien fing an, aktiver zu werden und es kam vermehrt zu Kooperationen mit Rechtsaußen. Die GFP konnte davon profitieren: Hermann Höcherl (CSU), der noch 1964 die Ehrung Hoggans kritisierte, schickte zur Jahrestagung 1974 ein Grußwort, genauso wie der Präsident der Deutschland-Stiftung, Fritz Karst. CDU-MdB Hans Wissebach hielt 1976 die Laudatio für den Huttenpreis-Träger Fritz Münch.

Und ab 1978 konnte die GFP mal wieder einen bekannten Namen aus dem Ausland präsentieren: der britische Pseudo-Historiker David Irving begann, im Rahmen von GFP-Vorträgen seine geschichts-revisionistischen Thesen zu verbreiten. Irving referierte sowohl zu seinem Buch über Erwin Rommel als auch ab 1979 über das Thema „Hitlers Weg zum Krieg“. Der Kreis zu den Kriegsschuld-leugnenden Thesen Hoggans 15 Jahre zuvor war erfolgreich geschlagen.

Die 1990er-Jahre: Kampf gegen Gesetzesverschärfungen

1983 gab Sudholt das Amt des Vorsitzenden an Holle Grimm ab, um sich seinen inzwischen vielfältigen publizistischen Aktivitäten widmen zu können. Doch zwei Jahre später kehrte er zurück, um bis 1991 zu amtieren. Zu diesem Zeitpunkt war Sudholt bereits wegen eines in seinen Deutschen Monatsheften veröffentlichten Artikels verurteilt worden. Anlaß war ein Auschwitz leugnender Artikel von Robert Faurisson. Erst 1993 – nach einer Berufungsverhandlung – ging Sudholt deshalb in Haft. Sein Nachfolger an der Spitze der GFP wurde der damalige Mitarbeiter beim Grabert-Verlag Rolf Kosiek, ihm zur Seite standen Peter Dehoust und Waldemar Schütz, damals schon 79-jähriger Mitbegründer der Vereinigung.

Die Erweiterung des Paragrafen 130 im Jahr 1994, durch die Holocaust-Leugnung als Volksverhetzung strafbar wurde, forderte den Widerspruch der GFP heraus. Auf der Jahresversammlung 1996 wurde eine Erklärung zur Presse- und Meinungsfreiheit abgegeben, in der die „Sondergesetze und strafrechtliche Verfolgung (…) wegen begründeter Äußerungen zu bestimmten Fragen der Zeitgeschichte“ beklagt wurden. Im gleichen Jahr berichtete der Vorsitzende Kosiek von laufenden bzw. abgeschlossenen Verfahren „gegen unsere Mitglieder Dehoust, Grabert, Neubauer, Richter, Dr. Sudholt, Symanek, Walendy“. Durch einen „Werner-Hänsler-Fonds“ sollte die Rechtshilfe für die Mitglieder besser gewährleistet werden. Ein weiteres Zentrum der GFP-Aktivitäten ist seit den 1990er-Jahren der Verein für Kultur- und Zeitgeschichte – Archiv der Zeit e.V.

Dehoust wurde 1997 von seinem Adepten Karl Richter abgelöst, an der Jahresversammlung, angeblich „eine der erfolgreichsten und harmonischsten“ in der Geschichte der GFP, nahmen weit über 300 Personen teil. Die GFP beteiligte sich in den späten 1990er-Jahren vor allem an der Entwicklung der Deutschen Liga für Volk und Heimat (DLVH). Kosiek leitete die GFP bis 2005 und blieb danach im Vorstand. Seine Ablösung durch Andreas Molau brachte die junge Generation ans Ruder.


 

Quelle: Der Rechte Rand Nr.125 v. Juli/August 2010.

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