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Antifaschistisches Presse-Archiv und Bildungszentrum Berlin e.V. (Hg.)
Die "Berlin-Brandenburger Zeitung"
Von der Legalität neofaschistischer Propaganda
Eine Textsammlung zur Auseinandersetzung mit
einem aktuellen Projekt des bundesdeutschen Neofaschismus
Vorwort
Die von der Bundesregierung und einigen Landesregierungen in den Jahren
1992 bis 1994 ausgesprochenen Partei- oder Vereinsverbote gegen den bundesdeutschen
Neofaschismus haben - zusammen mit dem damit verbundenen Druck der Verfolgungsbehörden
- dazu geführt, daß sich die früheren Parteiaktivisten
neue Betätigungsfelder gesucht haben. Während sich ein Teil
der neofaschistischen Akteure in lockeren, an der Skinhead-Subkultur orientierten
Zusammenschlüssen wiederfinden, treiben andere eine stärkere
Einigung des von ihnen als "nationales Lager" bezeichneten politischen
Spektrums voran.
Die hier vorliegende Textsammlung beschäftigt sich mit einem Projekt
dieser Sammlungsbestrebungen, der Berlin-Brandenburger Zeitung
und dem von ihr propagierten "nationalen Medienverband". Ausgehend
von dem Organ der Partei Die Nationalen, in Zusammenarbeit mit ähnlichen
Gruppen in der gesamten Bundesrepublik und unter Nutzung auch anderer
Medien wie Radio oder Mailboxen, soll nach dem Willen der Protagonisten
ein Forum für das gesamte am historischen Nationalsozialismus orientierte
Lager entstehen.
In vier Texten sollen die organisatorischen und die ideologischen Hintergründe
und Ziele diese Projektes verdeutlicht werden. Neben einem Text von Ulli
Jentsch (Antifaschistisches Presse-Archiv Berlin) über die Entwicklung
der Berlin-Brandenburger Zeitung beschäftigt sich Richard
Stöss (FU Berlin) mit der Einordnung in das rechtsextreme
Lager anhand der getätigten programmatischen Aussagen der
Herausgeber und Autoren. Michael Kohlstruck (Institut für politische
Wissenschaft in Aachen) analysiert die Zeitung im Hinblick auf ihren Gehalt
an rassistischen Aussagen; Rainer Erb (Moses-Mendelssohn-Institut
in Potsdam) beleuchtet den von der Zeitung bzw. ihren Autoren verbreiteten
Antisemitismus.
In allen Beiträgen wird deutlich, daß die Berlin-Brandenburger
Zeitung ein Forum ist, das im Kern nationalsozialistische, völkische
und rassistische Positionen vertritt.
Nach Meinung der Herausgeber ist es dringend geboten, in der Auseinandersetzung
mit dem organisierten Neofaschismus dessen menschenverachtenden Ziele
und Aktivitäten aufzudecken und zu behindern. In diesem Kontext steht
auch die inhaltliche Analyse und Aufklärung über eine Zeitung,
deren Auseinandersetzung mit innenpolitischen Themenfeldern wie Asylpolitik,
sozialen Fragen oder der Zukunft der Bundesrepublik deutlich macht, wo
dieses Spektrum Ansatzpunkte für eine Weiterentwicklung der eigenen
Politik sieht.
Die Herausgeber danken der Fachgruppe Journalismus (dju) in der IG Medien
Berlin-Brandenburg für ihre Unterstützung.
Berlin, im Juli 1997.
Ulli Jentsch:
Die Berlin-Brandenburger Zeitung
Von der Legalität neofaschistischer Propaganda
Die Berlin-Brandenburger Zeitung (BBZ) ist - glaubt man ihren eigenen
Angaben - die momentan auflagenstärkste Zeitung des militant-neofaschistischen
Spektrums in der Bundesrepublik . Ihren Aufschwung seit 1992 verdankt
sie verschiedenen Umständen: sie profitierte wesentlich - wie im
folgenden gezeigt wird - von den Umstrukturierungen der neofaschistischen
Gruppierungen nach den Parteiverboten, indem sie eine legale Plattform
für deren Aktivisten und ein Sprachrohr bot, das vielen Strömungen
offen stehen sollte. Dieses Konzept steht in enger Abstimmung mit dem
Vorgehen der Partei Die NATIONALEN. Vorläufiger Endpunkt der Entwicklung
ist die Schaffung eines "nationalen Medienverbandes", der bundesweit
z.Z. sechs Regionalzeitungen organisatorisch und inhaltlich zusammenschließt.
Die organisatorische Entwicklung der BBZ und ihre Protagonisten sind Gegenstand
des folgenden Artikels.
Entstehungsgeschichte
Die BBZ entwickelte sich aus den von Andreas STORR herausgegebenen Nationalen
Nachrichten, einer Wahlkampfzeitung der Nationalen zu den Berliner Abgeordnetenhauswahlen
von 1992. Die erste Ausgabe der BBZ erscheint Anfang 1993, zunächst
noch mit dem Untertitel "Zeitung der Nationalen". Von Beginn
an dient die BBZ "als Mitteilungsblatt der Vereinigung DIE NATIONALEN
(...) nur der Sache und keinerlei Partikularinteressen." Herausgeber
sind Die Nationalen, vertreten durch ihren Vorsitzenden Frank SCHWERDT.
Leitender Redakteur wird Christian WENDT, der u.a. 1989 wegen Volksverhetzung
zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde. Neben
der ausführlichen Würdigung der Parteiarbeit der Nationalen
wird in der Zeitung für Veranstaltungen der BERLINER KULTURGEMEINSCHAFT
PREUßEN und des HOFFMANN VON FALLERSLEBEN BILDUNGSWERKES geworben
oder über diese berichtet. Sie spiegelt damit jenes Spektrum des
Rechtsextremismus wider, das sich auch in der Sammlungsbewegung Die Nationalen
vereinigt: ehemalige Funktionäre der REPUBLIKANER, die sich aus Enttäuschung
über den zahmen Kurs der Partei der DEUTSCHEN LIGA FÜR VOLK
UND HEIMAT (DLVH) angeschlossen hatten, Mitglieder der JUNGEN NATIONALDEMOKRATEN
(JN) aber auch ehemalige Parteigänger der DEUTSCH-SOZIALEN UNION
(DSU) und Neofaschisten aus der FREIHEITLICHEN DEUTSCHEN ARBEITERPARTEI
(FAP) und der NATIONALEN ALTERNATIVE (NA).
Ein Intermezzo
In der Ausgabe Juli-August 1994 tritt das "Kommando F" als
"Redaktionsstab" in die Zeitung ein. Mit diesem Redaktionsteil,
der sich nach eigenem Bekunden aus "mitteldeutschen Jugendlichen"
zusammensetzte, "welche unterschiedlichen nationalen Jugendbewegungen
angehören" , erscheinen erstmals Artikel stark nationalrevolutionärer
Färbung in der BBZ. Der Ton wird offen antisemitisch und staatsfeindlich.
Zeitgleich wird in der Publikation der DIREKTEN AKTION MITTELDEUTSCHLAND,
Der Angriff, mit dem Hinweis für die BBZ geworben, diese sei über
ein Postfach in Potsdam erhältlich. Auch der ideologische Ton legt
nahe, daß es sich bei diesem Kommando F um eine Gruppe von ehemaligen
Mitgliedern der im November 1992 verbotenen NATIONALISTISCHEN FRONT (NF)
handelt.
In der folgenden Ausgabe vom September 1994 füllt der "Redaktionsstab"
fast die Hälfte der Seiten. Doch schon im Dezember 1994 ist die Zusammenarbeit
beendet. Sang- und klanglos verschwinden ihre Artikel aus dem Blatt und
das "Kommando" aus dem Impressum. Trotzdem bleibt dies nicht
der letzte Versuch, auch die Kreise der verbotenen Nationalistischen Front
in dieses Projekt zu integrieren: Steffen HUPKA, einer der ehemals führenden
Kader der NF und Herausgeber der Zeitung Umbruch, bedient die Zeitung
mit Artikeln und fungiert als Korrespondent der Zeitung für Sachsen-Anhalt.
Der Ausbau der BBZ
Nach diesem Zwischenspiel gelingt es der BBZ-Redaktion, das sechswöchentliche
Erscheinen ihrer Zeitung zu gewährleisten. Mit der Ausgabe Nr. 15
vom Februar 1995 verbreitert die BBZ ihre redaktionelle und organisatorische
Grundlage. Zum einen wird der Mitarbeiterkreis zunächst auf zehn
und dann auf über zwanzig (!) Personen vergrößert, zum
anderen wird Frank Schwerdt jetzt alleiniger Herausgeber. Die Partei Die
Nationalen verschwindet aus dem Impressum und der Untertitel wird ergänzt
zu "Zeitung der Nationalen Erneuerung". Christian Wendt schreibt
in dieser Ausgabe: "Doch nicht nur äußerlich hat sich
die BBZ verändert. Sie steht nunmehr erstmals nach zwei Jahren Aufbauarbeit
auf wirklich eigenen Füßen. In Zukunft erscheint unsere Zeitung
- ab dieser Ausgabe - in einem unabhängigen Verlag. Auch personell
hat sich einiges getan. So wurde unsere Redaktion um die Mitarbeiter des
ehemaligen "Aufbruch" bereichert."
Der Aufbruch war das "Informationsblatt der Freiheitlichen Deutschen
Arbeiterpartei für Mitteldeutschland", sprich: für die
neuen Bundesländer. Zu der Redaktion stoßen nun u.a. der ehemalige
Bundesvorsitzende der FAP Friedhelm BUSSE , der Berliner Michael DRÄGER
, der für den Aufbruch verantwortlich zeichnete, Erhard KEMPER sowie
Detlef CHOLEWA (jetzt NOLDE), der Anführer der Kameradschaft Treptow.
Der von Wendt genannte "unabhängige Verlag" ist der von
Rudolf KENDZIA geleitete VBR - Vortrag-Buch-Reise-Verlag .
Der "nationale Medienverband"
Schon ein halbes Jahr nach dieser Umgestaltung folgt ein weiterer Schritt:
Im Herbst 1995 wird auf einem gemeinsamen Treffen mit Vertretern der seit
1993 erscheinenden Zeitung Junges Franken die Kooperation vereinbart.
Gleichzeitig werden zwei neue Regionalausgaben aufgelegt: die Neue Thüringer
Zeitung und die Süddeutsche Allgemeine Zeitung.
Fortan erscheinen diese Zeitungen mit dem selben Gesicht wie die BBZ
und übernehmen von der Berliner Zentrale im Schnitt sechs von zehn
Seiten. Der Rest wird ergänzt durch Artikel, die die regionale Leserschaft
bedienen. Im März 1996 folgt die Mitteldeutsche Rundschau, von der
ein Teil der Auflage für Sachsen, ein anderer Teil für Sachsen-Anhalt
herausgegeben wird. In Westdeutschland erscheint erstmals im April 1996
die Westdeutsche Volkszeitung, für die Rüdiger KAHSNER verantwortlich
zeichnet.
Dieser weitere Schritt in Richtung "nationaler Medienverband"
drückt sich auch in der redaktionellen Zusammensetzung des "Kopfblattes"
BBZ aus: Die Mitarbeiter der Regionalausgaben treten entweder in die Redaktion
ein oder werden "Korrespondenten" . Der vorerst letzte "Zugewinn"
der BBZ: Im August 1996 tritt die Redaktion der seit 1994 erscheinenden
Zeitschrift Thule dem Mitarbeiterkreis bei. Diese wurde vom Thule-Orden
herausgegeben, einem Kreis von Neofaschisten um Christian MALCOCI und
Jürgen MOSLER. Der Orden vereinigt Mitglieder des "Komitee zur
Vorbereitung der Feierlichkeiten zum Hundertsten Geburtstag Adolf Hitlers",
dem KAH, deren Mitglieder im Mai 1995 wegen Weiterführung der verbotenen
ANS/NA zu Bewährungsstrafen verurteilt worden waren. Mit dem Eintritt
in die BBZ-Redaktion wird die Zeitschrift Thule eingestellt.
BBZ-Verband mit mehreren "Informationsdiensten", von denen
wohl nur das DESG-Inform aus Münsing / Bayern diesen Namen verdient:
bei den NAT-Nachrichten schreiben die Berliner BBZ-Redakteure selber;
der NIZ-Infodienst aus Hamburg wird von Jan Zobel, dem (damaligen) Landesbeauftragten
der JN für Hamburg, betrieben; das NPA-Pressearchiv wurde von dem
ehemaligen Mitglied der Nationalistischen Front, Danny Sowade aufgebaut
und dient der Ausspähung des politischen Gegners; der PHI-Informationsdienst
aus Berlin verbreitet überwiegend antisemitische und weltverschwörerische
Artikel. Die Westdeutsche Volkszeitung bezieht ihre Informationen zudem
noch von den Unabhängigen Nachrichten.
Die BBZ im Thule- und im Kabel-Netz
Seit dem Herbst 1995 ist die BBZ mit einer elektronischen Ausgabe im
Mailbox-Verbund Thule-Netz vertreten. Vor allem die Berliner Redakteure
beteiligen sich intensiv an den Diskussionen. Zu ihren Motiven, das Thule-Netz
zu unterstützen, schreiben sie: "Den Weg über den Aufbau
eigener Medien - wie etwa das Thule-Netz, Internet, Radio Deutschland,
unser Zeitungsprojekt etc. halte ich für wesentlich erfolgversprechender,
als an den Wahlen teilzunehmen."
Die Beiträge, die die BBZ-Redaktion zu aktuellen Themen verfaßt,
sprechen eine deutliche Sprache: "Merke: Meine Partei ist seit 1945
aufgrund von Siegerwillkür und einer Kollaborationgesetzgebung verboten!"
, also ein klares Bekenntnis zur NSDAP. So bezeichnet auch Karsten VOIGT
den BBZ-Mitarbeiter Detlef Cholewa (jetzt Nolde) als einen "bekennenden
NS-Kandidaten", dessen Wahlergebnis bei den Berliner Kommunalwahlen
ein "lokaler Achtungserfolg" für die "Organisation",
sprich: die Nationalen, sei. Seit April 1995 sendet ein weiteres BBZ-nahes
Projekt über den "Offenen Kanal" in Berlin neofaschistische
Propaganda: "Radio Germania", das bis zum August 1996 "Radio
Deutschland" hieß. Die Umbenennung erfolgte vor dem Hintergrund,
daß der bisherige presserechtlich Verantwortliche der Sendung, Lutz
GIESEN, gerade wegen Volksverhetzung eine einjährige Haftstrafe angetreten
hatte. Neben der Berliner Redaktion der BBZ führen in der Radiosendung,
die nur über Kabel zu empfangen ist, die Mitglieder der "Kameradschaft
Berlin-Nord Beusselkiez" das Wort. Die Kameradschaft vertritt die
Interessen der Nationalen in Berlin-Moabit und Tiergarten. Deren Anführer
Mike PENKERT war zwischenzeitlich für die Radiosendung verantwortlich
. Nachdem die Medienanstalt Berlin-Brandenburg eine Sendung vom 8. Januar
1997 als „offensichtlich schwer jugendgefährdend“ bewertet
hatte, wurde Radio Germania für ein Jahr von der Nutzung des Offenen
Kanals Berlin ausgeschlossen.
Ein Resumee 1997
Der Gruppe der Berliner Redaktion der Berlin-Brandenburger Zeitung ist
es seit 1995 unbestreitbar gelungen, einen Großteil der selbstgesteckten
Ziele umzusetzen. Eine Vielzahl neofaschistischer Aktivisten unterstützt
das Projekt personell und inhaltlich. Das organisatorische Spektrum, das
sich in der BBZ widerspiegelt, umfaßt nahezu das gesamte altbekannte
Feld der bundesdeutschen Neonazi-Szene: Mitglieder der Jungen Nationaldemokraten
und ehemalige Kader der Nationalistischen Front, Funktionäre aus
dem Kreis der Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front und aus der verbotenen
Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei arbeiten hier mit den jungen Mitgliedern
der Nationalen zusammen. Ihr Ziel einer "nationalen Erneuerung"
findet in der BBZ und dem von ihr angeführten bundesweiten Verbund
seinen medialen Ausdruck. Die BBZ bietet durch bundesweite Redakteurstreffen
und die in der Zeitung - aber auch anderen Medien wie dem Thule-Netz -
geführten Diskussionen die Möglichkeit, die unter Druck geratenen
Strukturen aufzufangen und teilweise zu erneuern. Der Erfolg des Zeitungsprojektes
hat inzwischen eine unübersehbare Sogwirkung zur Folge, in deren
Verlauf Kleinprojekte der militant-neofaschistischen Kreise in der BBZ
aufgegangen sind. Durch polizeiliche Maßnahmen ist im Jahre 1997
eine offensichtliche Stagnation des Projektes eingetreten. Erst im September
1997 - nach mehr als einem halben Jahr - konnte eine neue Ausgabe der
BBZ erscheinen.
Trotzdem haben sich der BBZ-Verband auf der Medienebene und Die Nationalen
auf organisatorischer Ebene - neben den Jungen Nationaldemokraten - zu
den ernstzunehmendsten Nachfolgestrukturen der verbotenen neofaschistischen
Parteien und Organisationen entwickelt.
Richard Stöss:
Die "politische Botschaft" der Berlin-Brandenburger Zeitung
(BBZ)
- Eine qualitative Inhaltsanalyse -
1. Ziel der Untersuchung
Die Analyse geht der Frage nach, welche Inhalte die BBZ transportiert.
Dabei wird nach wichtigen Themenbereichen der Berichterstattung und Kommentierung,
nach ideologischen und strategischen Orientierungen und nach dem Selbstverständnis
der Zeitung gefragt.
Methodisch handelt es sich um eine qualitative Inhaltsanalyse der unten
unter Punkt 6 aufgeführten Ausgaben der BBZ. Die Analysekriterien
werden hier nicht im Detail beschrieben, weil ich mich diesbezüglich
häufig und ausführlich geäußert habe .
2. Organisatorische Einbindung der BBZ
Die "Berlin-Brandenburger Zeitung der Nationalen Erneuerung"
entstand nach Mecklenburg aus den "Nationalen Nachrichten",
der Wahlkampfzeitung der im September 1991 gegründeten Organisation
"Die Nationalen e.V." , die sich erfolglos an den Wahlen zu
den Berliner Bezirksverordnetenversammlungen im Jahr 1992 als "Wählergemeinschaft
Die Nationalen" beteiligte . Zur Berliner Abgeordnetenhauswahl 1995
traten die "Nationalen" mit zwei Direktkandidaten in Tiergarten
und Treptow an. Eine Kandidatur per Landesliste war gescheitert, weil
die erforderlichen 2200 Unterschriften nicht beigebracht werden konnten
. Die "Nationalen" verfügen in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt
und Sachsen über rund 80 Mitglieder , nach Mecklenburg sogar über
150 . Beteiligt waren bzw. sind (ehemalige) Mitglieder bzw. Funktionäre
u.a. von NPD, Republikanern, DLVH, GdNF sowie der mittlerweile verbotenen
FAP und DA. Enge Verbindungen bestehen zur "Berliner Kulturgemeinschaft
Preußen e.V.".
Die "Nationalen" waren zunächst nur in Berlin als Sammelbecken
für mit ihrer Herkunftsorganisation unzufriedene Rechtsextremisten
aktiv. Unter dem Vorsitz vom Frank Schwerdt (seit Februar 1993) präsentierte
sich die Organisation als "Modell für Mitteldeutschland",
als "Sammelbecken für Nationalisten" . Nach dem Verbot
der FAP (Februar 1995) dienten die "Nationalen" als "Auffangbecken
für einen Teil der ehemaligen Angehörigen des Landesverbands
Berlin der FAP, ohne daß von einer Unterwanderung im Sinne des Aufbaus
einer Nachfolgeorganisation gesprochen werden konnte" . Das Bundesamt
für Verfassungsschutz bezeichnet die "Nationalen" als "Sammelbecken
für Neonazis" .
Die "Nationalen" wurden vom Berliner Verfassungsschutz bis
1994 als "'Nationalfreiheitliche'/'Nationaldemokraten'" eingestuft,
ab 1995 als "neonationalsozialistische" Organisation . Allerdings
konstatierte die Behörde bereits 1993, daß der Verein durch
seine Verbindungen zu Neonazi-Gruppen "zunehmend in neonazistisches
Fahrwasser" gerate . Das Programm zur Abgeordnetenhauswahl 1995 wurde
vom Berliner Verfassungsschutz als rassistisch, antisemitisch und neonazistisch
charakterisiert .
3. Die Berlin-Brandenburger Zeitung (BBZ)
Der BBZ war im Rahmen der Sammlungsbestrebungen der "Nationalen"
offenbar die Aufgabe eines "Nachrichtenträgers für das
gesamte nationale Lager in Berlin und Brandenburg" (und darüber
hinaus) zugedacht."Die Berlin-Brandenburger Zeitung versteht sich
seit ihrer Gründung als Nachrichten- und Meinungsträger der
gesamten nationalen Opposition und somit als Gegengewicht zur gleichgeschalteten
Systempresse." Und: "Mit diesem Zeitungsprojekt soll in der
rechtsextremistischen Szene über die 'Nationalen' hinaus die Zusammenarbeit
gefördert und neue Anhänger mobilisiert werden - auch über
die Berliner Landesgrenze hinaus." Nach eigenen Angaben wuchs die
Auflage des im Zeitungsformat erscheinenden Blatts von anfänglich
500 auf über 20.000. Im Juni/Juli 1995 sollen es sogar 30.000 gewesen
sein. Die Zeitung erschien unregelmäßig. Angestrebt wurden
wohl sechs bis acht Ausgaben im Jahr, was allerdings nicht immer realisiert
werden konnte . Der Verkaufspreis betrug Anfang 1993 2 DM, sank dann auf
80 Pfennige bzw. 1 DM und stieg im April/Mai 1995 auf 3 DM. Durchgängig
werden als Herausgeber Frank Schwerdt und als Leitender Redakteur Christian
Wendt benannt (bis August 1996 ). Seit 1995 sind die Ausgaben durchnummeriert
(ab Nr. 15). Die Gestaltung des Blatts, das seither in einem eigenen Verlag
erscheint ("VBR-Vortrag-Buch-Reise-Verlag GmbH") wurde professioneller
und im Umfang von davor zumeist 8 auf in der Regel 10 Seiten erweitert.
Nach dem Verbot der FAP im Februar 1995 wurden der ehemalige stellvertretende
Vorsitzende des Landesverbands Berlin, Michael Dräger, stellvertretender
Leitender Redakteur der BBZ und der ehemalige FAP-Bundesvorsitzende, Friedhelm
Busse, Redaktionsmitglied der BBZ sowie stellvertretender Redakteur der
"Süddeutschen Allgemeinen Zeitung" .
Es existieren folgende Regionalausgaben mit Lokalteil : "Neue Thüringer
Zeitung", "Junges Franken", "Süddeutsche Allgemeine
Zeitung", "Mitteldeutsche Rundschau", "Westdeutsche
Volkszeitung". Neben der BBZ erscheint im unmittelbaren Umfeld der
"Nationalen" "Der Schulungsbrief". Er wird von einem
"Völkischen Freundeskreis" (VFK) herausgegeben, wobei es
sich nach Angaben des Verfassungsschutzes um eine "Tarnorganisation"
handelt. Herausgeber ist Hans-Christian Wendt , zugleich Chefredakteur
der BBZ. Beim "Schulungsbrief" handelt es sich um eine eindeutig
nationalsozialistische Publikation, die die Neonazis auf Hitler und sein
politisches Testament sowie auf das 25 Punkte-Programm der NSDAP verfplichtet
.
4. Inhaltsanalyse
a) Allgemeines
Die "Nationalen" verfügen über keine spezifische
programmatische Linie, die sich deutlich von anderen bzw. konkurrierenden
rechtsextremen Organisationen unterscheidet. Ihr Programm in Kurzfassung
:
- "Kampf der ständig steigenden Arbeitslosigkeit,
- Schluß mit Mietwucher und Sozialabbau,
- Schutz der deutschen Landwirtschaft,
- Nein zur wirtschaftlichen EU-Abhängigkeit,
- Widerstand gegen den Ausverkauf der Ex-DDR,
- keine weitere Staatsverschuldung,
- Beendigung der militärischen Abhängigkeit,
- kein Einsatz deutscher Soldaten für fremde Interessen,
- Umverteilung der Gewinne,
- Wohlstand für alle,
- mehr Mitbestimmung für Arbeitnehmer,
- Förderung des Mittelstandes,
- Umweltschutz ist Heimatschutz."
Die BBZ folgt diesen Vorgaben im großen und ganzen, wobei sich
ihre Berichterstattung auf spezifische Themenfelder konzentriert (siehe
unten). Die Gewichte verlagern sich allerdings im Lauf der Zeit. Je mehr
sich der Verfassungsschutz und die Strafverfolgungsbehörden mit den
"Nationalen" und der BBZ befassen, desto stärker wird die
Polemik der Zeitung gegen die "staatliche Repression", und andere
Themenfelder treten etwas in den Hintergrund.
1996 wird die Diktion der BBZ - offenbar mit Blick auf die veränderten
Bündnisabsichten gegenüber Konservativen (siehe dazu weiter
unten) - deutlich gemäßigter (sogar konservative Publizisten
kommen zu Wort), und auch wirtschaftlich-soziale Themen erhalten wieder
breiteren Raum. Die Zeitung behandelt nun auch wichtige Theorie- und Weltanschauungsfragen
des Rechtsextremismus, wobei vielfach Elemente der Neuen Rechten einfließen.
1995/96 entsteht die "Hochschulgruppe der Nationalen e.V.".
Seither berichtet die BBZ regelmäßig über Entwicklungen
in Bildung und Wissenschaft sowie über (extrem) rechte Bestrebungen
an den Universitäten. Im Sommer 1996 wird eine Seite "Kultur/Zeitgeschehen"
eingerichtet, die von Mitgliedern des völkischen Thule-Ordens betreut
wird. Immer häufiger gewinnt man nun den Eindruck, als konkurriere
die (eher sozial engagierte) BBZ mit der (eher auf konservative Intellektuelle
ausgerichteten) "Jungen Freiheit".
Insgesamt folgt das Blatt freilich der Generallinie rechtsextremer Publizistik
und veröffentlicht (neben Berichten aus dem rechtsextremen Lager)
vor allem kritische Artikel über Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik.
Sie erwecken den Eindruck, als befinde sich das Land in einer abgrundtiefen
Krise, aus der es nur durch die "nationale Opposition" herausgeführt
werden kann. Diese sei allerdings uneinig und bedürfe daher zunächst
der Einigung durch die (bzw. im Rahmen der) "Nationalen".
Die BBZ-Redaktion wurde für die zweite Jahreshälfte 1994 um
einen Redaktionsstab "kommando f" ergänzt, der sich aus
"mitteldeutschen Jugendlichen" zusammensetzte, die "unterschiedlichen
nationalen Jugendszenen" angehörten . Dieser Redaktionsstab
vertrat (im Gegensatz zu den eher altrechten Positionen der "Nationalen")
konsequent nationalrevolutionäre und ethnopluralistische Konzepte,
die sich vorübergehend in der Berichterstattung und Kommentierung
der BBZ niederschlugen.
"Uns allen gemeinsam ist der revolutionäre Aspekt innerhalb
unseres Kampfes. Insbesondere bedrücken uns die sozialpolitischen
Probleme und die daraus entstehenden Ängste und Nöte für
den einzelnen Menschen. Wir glauben, daß nur durch die Überwindung
der kapitalistischen Gesellschaftsform Zustände geschaffen werden
können, die unserem Volk und jedem einzelnen Menschen ein Leben in
Glück und Freiheit sowie in lebenswürdigen Umständen garantieren.
Die imperialistischen Mächte, die der Befreiung unseres Volkes entgegenstehen,
sind gleichzeitig die Unterdrücker aller übrigen Nationen. Deshalb
sind wir der festen Überzeugung, daß unser Befreiungskampf
nur von Erfolg gekrönt sein kann, wenn die fortschrittlichen Kräfte
aller Länder durch eine unterstützende, internationale Solidarität
miteinander verbunden sind. Es kann nicht darum gehen, anderen Völkern
unsere Anschauungen von politischer Ordnung als allgemeingültig aufzudrängen,
sondern nur darum, sie bei der Durchsetzung ihres eigenen artgerechten
Weges zu unterstützen und uns mit ihnen im Kampf gegen die internationale
Hochfinanz zu solidarisieren."
b) Themenfelder
Soziale Frage
In den ersten Ausgaben der BBZ bilden Artikel über wirtschaftliche
und soziale Probleme oft den "Aufmacher". Später rücken
auch andere Themenfelder in den Vordergrund, ohne daß die soziale
Frage allerdings vernachlässigt wird. Seit 1996 wird dieses Themenfeld
wieder besonders gepflegt.
Die BBZ prangert "Mißwirtschaft, Sozialabbau und Massenarbeitslosigkeit"
an. Auf Kosten der "mitteldeutschen Bevölkerung"
würden die "Interessen der oberen Zehntausend in der Industrie
und Wirtschaft im Westen" geschützt werden. Als Ziel der
Partei wurde u.a. genannt: "Sozialleistungen an Staatsbürgerschaft
binden", "Deutsches Geld zuerst für deutsche Aufgaben"
(8-9/93: 1). "Mit immer neuen Tricks betreiben die Altparteien
den unverantwortlichen Sozialabbau in Mitteldeutschland... Auch mit starken
SPD/PDS-Mehrheiten hat sich daran nichts geändert. Im Gegenteil.
Der Ausverkauf der ehemaligen DDR setzt sich entgegen jeglicher Wahlversprechen
weiter fort." (16/95: 1). Die BBZ polemisiert gegen die soziale
Marktwirtschaft: "Die deutsche Volkswirtschaft im Griff der Zinsknechtschaft",
oder: "Der liberalistische Wirtschaftsstaat zerstört die
sozialen Bindungen" (15/95: 4). "Zins als Grundübel
erkannt: Beseitigung der Spekulation als Grundlage nationaler Volkswirtschaft."
(21/96: 3). "SPD-Regierung treibt Brandenburgs Gemeinden in den
finanziellen Ruin. Ministerpräsident Stolpe (SPD) hat abgewirtschaftet.
Durch 'Fehleinschätzungen' und 'dramatische Irrtümer' wurden
Milliarden-Schulden aufgetürmt. Für 1996 ist deshalb ein weiterer
Griff in die Kassen der Städte und Gemeinden vorgesehen."
(19/95-96: 1). "Sozialabbau stoppen - Wohnraum und Arbeit zuerst
für Deutsche!" (23/96: 1).
Während der Redaktionsmitarbeit des "kommando f" wird
vorübergehend ein "wahrer", ein "(Volks-)Sozialismus"
als "dritter Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus
propagiert: die "solidarische Schaffensgemeinschaft auf der Grundlage
eines freien Volkstums". Und: "Volksbezogener Sozialismus
wird nicht im Wahllokal errungen, sondern auf der Straße erkämpft!"
(9-10/94: 4).
Nationale Frage und Geschichtsrevisionismus
Die nationale Frage spielt in Berichterstattung und Kommentierung eine
nachgeordneten Rolle. Zwar wird ein "großdeutsches"
Konzept verfolgt, offenbar auch unter Einschluß Österreichs.
Jedenfalls ist die Vereinigung Deutschlands für die "Nationalen"
bzw. die BBZ noch nicht vollendet, und die Grenzen der Bundesrepublik
Deutschland werden nicht anerkannt. Allerdings wird dies nicht zusammenhängend
dargestellt, sondern nur implizit deutlich gemacht. Der territoriale Aspekt
der nationalen Frage scheint nicht vordringlich zu sein, Expansionismus
wird nicht propagiert, es besteht kein erkennbares Konzept zur Wiederherstellung
des Deutschen Reichs (beispielsweise in den Grenzen von 1937). Nationalimus
meint wohl eher den autonomen (und völkischen) Nationalstaat, Hierarchie
und (Volks-)Gemeinschaft im inneren, Exklusion vom Fremdem und Abgrenzung
nach außen. Aber auch hier gilt, daß kein Bild einer alternativen
politischen Ordnung (autoritärer Staat, Führerstaat o.ä.)
entwickelt oder propagiert wird. Die neuen Bundesländer werden folglich
als "Mitteldeutschland" bezeichnet, DDR und BRD waren
"Besatzerprotektorate", die 1989 vereinigt wurden (19/95-96:
6). Ostdeutschland sei "zu großen Teilen" von
Polen besetzt, das dieses Gebiet "verkommen" läßt
(9-19/94: 3). An anderer Stelle ist von dem "russisch okkupierten
Nord-Ostpreußen" die Rede (12/94-1/95: 6) Die EU wird
abgelehnt: "Noch immer können wir Deutsche, wenn es um große
wirtschaftliche und außenpolitische Entscheidungen geht, nicht selber
entscheiden. Hier nehmen nach wie vor die Siegermächte - unter Anleitung
der US-Amerikaner - Einfluß auf die Geschicke der deutschen Politik.
Als nächste Station zur von den Internationalisten propagierten 'Neuen
Weltordnung' bzw. der 'One-World' ist der Zentralstaat Europa geplant."
(19/95-96: 8). Unter der Überschrift "Abendländischer Kulturkampf"
heißt es in der typischen Diktion der Thule-Anhänger unter
anderem: "Die Erkenntnis, daß nur ein in alle Bereiche
menschlichen Lebens wirkender Kulturkampf das Überleben unserer Art
sichert und dem geistigen Aufbau eines Europas der Völker mit Deutschland
in der Mitte eine Grundlage bietet, ist der Grundsatz unserer Vorgehensweise.
Der weltweite Materialismus in seiner häßlichen kapitalistischen
Fratze und die Überfremdung des deutschen Volkes - das sind unsere
Feinde." (24/96: 6)
Die "Nationalen" lehnen die Veranstaltungen zum 8. Mai ab
("Kapitulation feiern? Niemals!"), weil dabei weder von den
"Ursachen und Hintergründen" des Zweiten Weltkriegs
noch von der "Rolle des international organisierten Judentums
während dieses Krieges" gesprochen und auch die Opfer der
Deutschen nicht erwähnt werden (4-5/94: 2). "Wer sich befreit
fühlt durch den Ausgang des zweiten Weltkrieges, der stellt sich
damit automatisch auf die Seite der Sieger..., der steht auf der Seite
der Vertreiber der Ostdeutschen..., der steht auf der Seite der KZ-Betreiber
nach 1945 und der steht auch auf der Seite der Unterdrücker der osteuropäischen
Völker und der Gulag-Bewacher. Vor allem steht er auf der Seite derjenigen,
die unser Land am liebsten von der Landkarte radieren wollen... 50 Jahre
nach dem Ende des zweiten Weltkrieges geht die Saat der Umerziehung auf."
(16/95: 5) Bei den Nürnberger Prozessen habe es sich um "Rachejustiz
der alliierten Siegermächte" gehandelt (19/95-96: 6).
Den NS beschreibt die BBZ wie folgt: "Die Wirtschaft florierte,
der Bauernstand erstarkte, überall wurde gebaut und geschaffen. Kriminalität
gab es nicht. Gauner, Lumpen und Volksfeinde flohen ins Exil. Kunst und
Kultur blühten auf. Die Jugend war Glanz und Stolz der Nation...
Da schickten sich die Retter der Menschheit an, allen voran das Weltjudentum,
dann England, Frankreich, später Sowjet-Rußland und US-Amerika"
(7-8/94: 3), den NS zu zerschlagen.
Am Beispiel von Rudolf Hess wird behauptet, daß Deutschland damals
"den Frieden erreichen und sinnloses Blutvergießen verhindern"
wollte, während sich die "englischen Kriegstreiber um Winston
Churchill und die Lobbyisten der englischen Kriegsindustrie" gegen
die Friedenspläne stellten (18/95: 4).
Ausländer/Asyl
Neben der sozialen Frage stellt die Ausländerproblematik das zweite
wichtige Themenfeld der BBZ dar. Berichterstattung und Kommentierung sind
durch einen abgrundtiefen Haß auf Fremde und Asylbewerber gekennzeichnet.
Allerdings wurde keine Passage gefunden, die andere Völker im Vergleich
zu den Deutschen abwertet oder gar als "minderwertig" charakterisiert.
Unbestreitbar sind die entsprechenden Texte ethnozentristisch und fremdenfeindlich,
im Sinne der klassischen Rassismusdefinition sind sie jedoch nicht rassistisch.
Da aber gelegentlich explizit "ethnopluralistische" Gedanken
im Sinne der neuen Rechten einfließen, ist es durchaus gerechtfertigt,
von "Neo-Rassismus" im Sinne von Ausgrenzung und Diskriminierung
zu sprechen.
"Die deutschen Großstädte und Metropolen zeichnen
mehr und mehr das Bild einer sozialen Verwahrlosung und des kulturellen
Zerfalls. Gleichzeitig verlieren ganze Straßenzüge und Stadtteile
durch den ungebremsten Zustrom von immer mehr Ausländern ihren deutschen
Charakter." Zur Jahrtausendwende werde jeder zehnte Deutsche
ein Ausländer sein, innerhalb von hundert Jahren werde der deutsche
Bevölkerungsanteil auf die Hälfte schrumpfen. "Die
angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt, die grassierende Wohnungsnot sowie
der massive Sozialabbau führen zu einer breiten Entsolidarisierung
und fördern die gnadenlose Ellenbogengesellschaft nach amerikanischem
Vorbild. Zerrüttete Familien, Drogenkonsum, Kriminalität sowie
eine um sich greifende neue Armut sind die Folgen. Die Verantwortlichen
in der Politik stehen dieser Entwicklung nicht nur hilflos gegenüber,
sondern verschärfen die oben genannten Probleme noch zusätzlich,
indem sie den Städten darüber hinaus die Last von hunderttausenden
von Fremden aufbürden... Nirgends anders drücken sich die Dekadenzerscheinungen
so drastisch aus, wie etwa in Frankfurt, München oder Berlin. Bereits
heute leben hier prozentual die meisten Kriminellen, die meisten Linksradikalen,
die meisten Chaoten, die meisten Sozialhilfebetrüger, Arbeitsscheuen,
Asozialen, Aidskranken, die meisten Scheinasylanten und illegalen Ausländer..."
(11-12/93: 3) "Die deutschen Großstädte befinden sich
im Würgegriff des Ausländerterrors. Verfeindete Kurden- und
Türkenorganisationen bekämpfen sich auf offener Straße,
verüben Anschläge, nehmen Geiseln oder ziehen unter Haßgebrüll
'demonstrierend' durch die Straßen, zerstören Autos, plündern
Geschäfte und errichten Barrikaden. Alles vor den Augen einer hilflosen,
zur Untätigkeit angehaltenen deutschen Polizei." (8-9/93:1)
"Drogen, Menschenhandel, Mord: Jeder zweite Täter ist
Ausländer. Statt konsequenter Abschiebung gibt es für straffällige
'Asylanten' preiswerte Wohnungen, Kindergeld und Sozialhilfe."
(19/95-96: 1)
"Berlins Baustellen sind voll mit Schwarzarbeitern: Nationale
fordern stärkere Kontrolle der Baustellen und Beschäftigungsverbot
für ausländische 'Subunternehmer'." (19/95-96: 7) Schuld
an der Misere seien nicht die Ausländer, sondern "die 'deutschen'
Politiker, die diese Ausbeutung per Gesetz zulassen." (21/96: 1).
Ausländer werden als Quelle allen Übels gesehen: "Plädoyer
für einen nationalen Sozialismus: Ausländerrückführung
- eine unbedingte Notwendigkeit! Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Kriminalität
als Teilaspekte des vom Staat geschaffenen Ausländerproblems."
(16/95: 6)
Juden in Deutschland
Die BBZ verbreitet eine antisemitische Grundstimmung. In der Zeitung
wird der Eindruck erweckt, daß das "organisierte Judentum"
die Bundesrepublik beherrscht: "Wieder einmal beweisen jüdische
Kreise in Deutschland, wer in diesem Land das sagen hat": "Die
gesamte jüdische Kaste Deutschlands" verhinderte angeblich
den Bau einer ICE-Wartungshalle (11-12/93:7). Ein andermal wird behauptet,
daß der Deckert-Prozeß "zunehmend unter Einfluß
des organisierten Judentums" geraten sei (9-10/94: 6). "Jüdische
Gemeinde fordert Verbot der 'BBZ'." (21/96: 2). "Während
den Juden an jeder Ecke gedacht wird, bleibt der Tod vieler deutscher
Helden ungesühnt." (1-2/94: 6) Daher fordern die "Nationalen"
den "Abriß aller 'Holocaust'-Denkmäler in Berlin...
Statt 'Schuld und Sühne' wieder den aufrechten Gang lernen... Ein
klares Nein zur Zementierung der Kollektivschuld" (18/95: 5).
Zielscheibe der Attacken ist vor allem der Vorsitzende des Zentralrats
der Juden in Deutschland, Ignaz Bubis. Selbst der PDS bzw. Gregor Gysi
wird die "jüdische Herkunft" vorgehalten: Wie er seien
die meisten seiner führenden Genossen Juden (9-10/94: 2).
Das politische System der Bundesrepublik
Am politischen System der Bundesrepublik wird kein gutes Haar gelassen.
Die Polemik dagegen bildet das dritte wichtige Themenfeld der BBZ, die
die Strukturen und Institutionen der Bundesrepublik grundsätzlich
abwertend und mit deutlichem Anklang an die NS-Propagandasprache) charakterisiert:
Zum Beispiel "Altparteien", "Systemparteien",
"Systempresse" ("Die etablierten Medien sind
... längst zu willigen Huren der Nachkriegsmachthaber geworden",
1-2/94:5). Im Kern wird das altbekannte Bild des Rechtsextremismus von
Politikern und Politik verbreitet: Das Land wird von korrupten und unfähigen
Leuten beherrscht, die nicht die Interessen des deutschen Volkes vertreten,
sondern im Dienst fremder Mächte stehen, deren Absicht darin besteht,
die Bevölkerung zu manipulieren und Deutschland zu schwächen
oder gar zu zerstören.
"In Bonn wird gegen das Volk regiert". Die Deutschen
verlören das Vertrauen in ihre Politiker: "Und das aus gutem
Grund. Selbstbereicherung, Steuerbetrug und politisches Banditentum bestimmen
das Bild der politischen Bühne in Bonn. Die Altparteien glänzen
durch leere Versprechungen, verlogene Worte, Wahlbetrug und Postenschiebereien."
Die "etlichen Skandale und dunklen Machenschaften einer abgehobenen
politischen Klasse" würden von den "Systemmedien
und -politikern" bewußt als Politikverdrossenheit verfälscht,
um den Eindruck zu erwecken, nicht die Politiker seien Schuld an der "Misere",
sondern die Bürger kämen ihren staatsbürgerlichen Pflichten
nicht nach (8-9/93: 1).
Anläßlich des Ergebnisses der Europawahl 1994 und der Mitarbeit
des "kommando f" in der BBZ-Redaktion verschärft sich die
Kritik am politischen System der Bundesrepublik (siehe auch unter "Strategiedebatte"):
"Es gilt den etablierten Volksverderbern, diesen verlogenen,
korrupten, völlig unfähigen und zudem noch im Dienste fremder
Mächte stehenden Eidesbrechern endlich ihr schmutziges Handwerk zu
legen. Geschieht dies nicht, ist der Zug in die superstaatliche Unfreiheit,
in den endgültigen Untergang, wohl nicht mehr aufhaltbar. Jedenfalls
nicht mehr auf friedlichem Wege." (7-8/94: 3) Selbst der Bundespräsident
wird anläßlich einer Polenreise im Stil des "Völkischen
Beobachters" herabgesetzt und verächtlich gemacht: "Wofür
bettelt dieser Quotenkarrierist um Vergebung? ... Von einem neuerlassen."
(9-10/94: 3).
"Politiker denken heute nur an ihren eigenen Vorteil und übertreffen
an Gier und Vaterlandsverrat alles, was außer den Deutschen heute
noch die Erde bevölkert... Zur gleichen Zeit rutschen immer mehr
deutsche Menschen ins soziale Abseits." (23/96: 3).
Staatliche Maßnahmen gegen den Extremismus
Aus der oben charakterisierten Sichtweise der politischen Ordnung in
Deutschland resultiert die Auffassung, daß sich das "System"
mit allen (aus dieser Perspektive: illegalen bzw. undemokratischen) Mitteln
gegen die Kräfte zur Wehr setzt, die deutsche Belange gegen die Volksfeinde
zur Geltung bringen ("Die nationale Opposition soll mit allen
Mitteln mundtod gemacht werden", 22/96: 8). So wird der Rechtsstaat
zum Unrechtsstaat umgedeutet und Widerstand zur nationalen Pflicht erklärt.
Im Zentrum der haßerfüllten Polemik gegen Polizei und Verfassungsschutz
steht der brandenburgische Innenminister ("Verfolgungsminister",
23/96: 9) Alwin Ziel. Tenor: Ziel gehöre zu einer Gruppe alter DDR-Kader
mit Stasi-Vergangenheit, die "wesentliche Teile des Verwaltungsapparates"
kontrollieren und "wie in alten Zeiten mit den Gesetzen verfahren"
(11-12/93:4). "Alwin Ziel wütet mit Stasi-Methoden"
(1-2/94:4), heißt es zunächst, dann wird Ziel als "Stasi-Mann"
, als "Angehöriger der Staatssicherheit" bezeichnet
(9-10/94:1). Die BBZ behauptet, Ziel "fordert den totalen Polizeistaat"
(17/95: 1). "Linke Gewalt wird staatlich legitimiert. Staatsschutz
und Linksextreme arbeiten Hand in Hand." (11-12/93:4) Oder:
"Hetze, Terror und polizeiliche Willkür gegen Nationale.
Die nationale Opposition soll mit allen Mitteln mundtod gemacht werden.
Arbeiten PDS, 'Antifa' und Staatsschutz Hand in Hand?" (23/96:
9) "Regime-Kritikern sollen die Grundrechte aberkannt werden:
(...) Ein Beschluß des Bundeskabinetts sieht vor, auf diese Weise
in erster Linie 'führende Kader' der nationalen Opposition zu entrechten
und somit ins politische Aus zu stellen." (22/96: 8)
Strategiedebatte innerhalb des rechtsextremen Lagers
Die Strategiedebatte innerhalb des deutschen Rechtsextremismus konzentriert
sich traditionell auf die Frage, wie das von Anbeginn an zerstrittene
und institutionell zersplitterte nationale Lager geeint werden kann. Und
wie die meisten rechtsextremen Organisationen (Ausnahme: Kadergruppen
bzw. elitäre Zirkel) kritisieren die "Nationalen" ihre
Konkurrenten und fordern ein breites Bündnis aller Organisationen
unter Zurückstellung von personellen und organisationsbezogenen Egoismen.
Und wie alle rechtsextremen Organisationen denken auch die "Nationalen"
nicht im Traum daran, ihre Organisation dem geforderten breiten Bündnis
zu opfern.
Die "Nationalen" verstehen sich zunächst als "rechte
Bürgerbewegung", die bei den brandenburgischen Kommunalwahlen
1993 mit "offenen Listen" im Interesse der "nationalen
Sache" antreten will. "Gleichzeitig streben die Nationalen
die Vernetzung lokaler rechter Gruppierungen an, um jenseits vom Parteiengezänk
landesweit gemeinsam eine nationale Bewegung aufzubauen und in die Parlamente
zu tragen." (2-3/93:7) Die "Nationalen" sehen sich
mit ihrem Organisationskonzept ("überparteiliche Vereinigung")
als "Modell für Mitteldeutschland". Ziel sei es,
"integrativ auf die Einheit der nationalen Kräfte hinzuarbeiten"
(8-9/93:3). Weder bei der Wahl zu den Berliner Bezirksverordnetenversammlungen
1992 noch bei der Brandenburgischen Kommunalwahl im Herbst 1993 ging das
Konzept der "Nationalen" auf: "Die Brandenburger wählten
mehrheitlich, als befänden sie sich im Zustand völliger Geistesabwesenheit,
gepaart mit totalem Gedächtnisschwund, die Alt-Kommunisten (-Stalinisten)
von der SED/PDS sowie als absolut stärkste Partei die Sozis von der
SPD". Das Scheitern der "Nationalen" wird nicht nur
auf die "Hetze" der politischen Gegner, sondern auch
auf die DLVH zurückgeführt, die den Landesverband Berlin-Brandenburg
wegen der Kandidatur Frank Hübners als OB in Cottbus "unter
Beschuß" nahm (11-12/93:5). Dennoch setzt man auch im
Superwahljahr 1994 auf parlamentarische Erfolge: "Das Licht geht
von den Nationalen aus, die von vielen Bürgern, ob nun aus Protest
oder Überzeugung, als einzige Alternative zu dem Sumpf der Etablierten
verstanden werden." (1-2/94:5)
Nach dem Debakel der rechtsextremen Parteien bei der Europawahl setzt
eine strategische Trendwende ein, die offenbar auch durch den Eintritt
des "kommando f" in die Redaktion verursacht wurde: Der parlamentarische
Weg des nationalen Lagers sei endgültig gescheitert, eine Neuorientierung
unumgänglich. Da sich die "systemverdrossenen Nichtwähler"
als die stärkste Gruppe erwiesen haben, die die "Massenbasis
für eine neue außerparlamentarische Opposition" bilden
könne, sei es die Aufgabe des nationalen Lagers, sich an deren Spitze
zu stellen, um "die Machtfrage zu stellen": "Es ist
die Pflicht, ja die schicksalhafte Berufung eines jeden Nationalisten,
das führungslose, anschwellende Heer der wahlboykottierenden Deutschen
zu organisieren und durch konsequente, außerparlamentarische Oppositionsarbeit
die reaktionären Systemlinge zum Abdanken zu zwingen."
Nach einer Polemik gegen die rechtsextremen Wahlparteien DVU, NPD und
REP wird zum Wahlboykott für die bevorstehende Bundestagswahl aufgerufen
(7-8/94:3).
1995 erfolgt die Rückkehr zur alten Sammlungsstrategie. Die "Nationalen"
erwarten sich vom Zerfall der Republikaner und von den Organisationsverboten
neuen Zulauf und betonen ausdrücklich ihre Kooperationsbereitschaft
mit Neonazis: "Solidarität üben, auch mit besonders
Verfemten..." (15/95: 7). Und sie fordern "Aufbruch
statt Resignation! Jetzt die nationale Bewegung stärken".
Die Parolen lauten: "Aufbau von Strukturen vor Ort!";
"Schaffung von Gegenöffentlichkeit!"; "Die
Mächtigen im Land angreifen!"; "Solidarität
mit den Verfolgten!" (15/95: 11) Entscheidend sei nicht, ob
der "Widerstand" parlamentarisch oder außerparlamentarisch
geführt werde, sondern "der politische Wille zur Veränderung".
Der parlamentarischen Weg biete gute Chancen für Öffentlichkeitsarbeit
und Aussichten auf eine Wahlkampfkostenerstattung. Gegen den "revolutionären
Kampf" wird allerdings polemisiert (das "kommando f"
ist mittlerweile aus der Redaktion ausgeschieden). "Es geht also
nicht um die Beteiligung an Wahlen an sich, sondern um den konsequenten
Willen zur Durchsetzung der weltanschaulichen Ziele. Dabei müssen
alle Möglichkeiten des Widerstandes radikal und konsequent ausgenutzt
werden." (16/95: 6)
Bald tritt die BBZ dafür ein, daß die nationale Opposition
ihr "politisches Wirkungsfeld" erweitert und plädiert
- mit Blick auf ihre frühere Haltung besonders liberal - für
eine Zusammenarbeit von Rechtsextremisten und Konservativen: "Wer
das Ziel hat, grundlegende Veränderungen zu bewirken, muß die
Ghetto-Mauern einreißen. Das bedeutet: Aufgabe von politischer Arbeit
muß die Schaffung von geistigen Grauzonen, einer Atmosphäre
des geistigen Austausches sein. In diesen Räumen kann das Gespräch
der offenen Verfassungsgegner mit den systemkritischen Konservativen stattfinden.
Arbeiter kämpfen für die Ziele auf der Straße, Akademiker
suchen durch Veröffentlichungen und in den Universitäten die
geistige Auseinandersetzung zu erreichen... Wer also in den Systemparteien
FDP und CDU für nationale Inhalte kämpfen will, der soll das
tun." (18/95: 8) Gleichzeitig fällt die Berichterstattung
der BBZ über andere rechtsextreme Organisationen, selbst über
die zuvor verspotteten Republikaner, wohlwollender aus.
5. Zusammenfassung und Bewertung
Bei der abschließenden Bewertung der BBZ ist zu bedenken, daß
sich die Zeitung im Laufe der Zeit formal und inhaltlich veränderte.
Ob dieser Wandel eher taktischer oder eher substantieller Natur ist, kann
zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beurteilt
werden. Allerdings spricht vieles dafür, daß taktische Erwägungen
bislang im Vordergrund standen:
Zum einen waren die rechtsextremen Kleinstorganisationen, insoweit sie
sich um eine Massenbasis bemühen, ständig mit der Bündnisfrage
konfrontiert. Der organisierte und wahlwerbend auftretende Rechtsextremismus
hatte zwar seit 1989 durchaus Erfolge aufzuweisen . Aber dies betraf vor
allem die Republikaner, im weiteren auch DVU und NPD. Kleinstgruppen gingen
hingegen leer aus. Der Anstieg der Mitgliederzahlen seit 1987 bzw. 1989
erreichte 1992 seinen Höhepunkt. Davon profitierten fast ausschließlich
die Republikaner (sieht man einmal von den eher konstanten aber dubiosen
DVU-Zahlen ab). Mit ihrem Zerfall wurde auch der Organisationsgrad des
Rechtsextremismus rückläufig. Dieser war im Westen stets größer
als im Osten. Allein der Anteil der militanten Rechtsextremisten im Osten
(insbesondere Skinheads) übertraf den im Westen. Auch wenn rechtsextreme
Organisationen und Aktivitäten in beiden Teilen Deutschlands mittlerweile
an Bedeutung verloren haben, gilt im Prinzip nach wie vor, daß der
Rechtsextremismus im Westen überwiegend durch Organisationen (Parteien,
Verbände, Jugendorganisationen) geprägt und auch sonst stark
institutionalisiert ist (Prese, Verlage, Kongresse), während im Osten
der Organisationsgrad bezüglich vor allem der deutschnationalen Parteien
sowie deren Wählerschaft vergleichsweise gering ist. Vorherrschend
ist dort der eher spontane, schwach organisierte und ideologisch gering
fundierte, dafür aber besonders aggressive Protest, was sich in der
Statistik durch überproportionale Anteile an militanten Rechtsextremisten
und Gewalttaten bemerkbar nacht. Der Rechtsextremismus ist in den neuen
Ländern eher subkulturell fundiert und bewegungsorientiert . Unter
diesen Bedingungen haben es dort alle rechtsextremen Parteien schwer,
Mitglieder und Wähler zu mobilisieren, insbesonders aber neonazistische
Organisationen. Denn die Aversionen gegen den Nationalsozialismus sind
im Osten wesentlich stärker ausgeprägt als im Westen . Da die
"Nationalen" die gesellschaftlichen Erfolgsbedingungen für
den Rechtsextremismus als besonders gut bewerteten, mußten sie zwangsläufig
zu dem Ergebnis gelangen, daß ihre faktischen Mißerfolge auf
lagerinterne Ursachen zurückzuführen sind. Daher wurde bündnispolitisch
experimentiert - bis hin zu der absurden Vorstellung, militante neonazistische
Verfassungsgegner könnten systemktitische Konservative für ihre
Zwecke instrumentalisieren (letztere waren schließlich gerade damit
beschäftigt, sich von radikalen Kräften abzugrenzen!). Im übrigen
ist der Traum von einer "grande destra" so alt wie der Rechtsextremismus
selbst, konnte aber in Deutschland niemals in die Realität umgesetzt
werden.
Taktische Erwägungen bei der öffentlichen Selbstdarstellung
der BBZ bzw. der "Nationalen" dürften aber noch einem anderen
Motiv gefolgt sein: Polizei und Verfassungsschutz entwickelten in den
neuen Bundesländern, wenn auch zögerlich, effiziente Methoden
für die Bekämpfung neonazistischer Umtriebe,
eine zunehmend konsequente Strafverfolgung dämpfte den militanten
Aktionismus, die Vereinsverbote (u.a. DA, FAP, NF, NL, NO, WJ) zwangen
die Aktivisten zur Zurückhaltung, und die Medien lernten, ihre gesellschaftspolitische
Verantwortung vor die Sensationsberichterstattung zu stellen . Auch die
BBZ bzw. die "Nationalen" waren der staatlichen "Repression"
ausgesetzt und dürften bald gelernt haben, sich in der Öffentlichkeit
zurückhaltend zu artikulieren. Insgesamt ist es daher durchaus gerechtfertigt,
das ausgewertete Material als Ganzes zu betrachten und zu interpretieren.
Die BBZ bietet über die Zeit hinweg ein uneinheitliches, schillerndes
und disparates Bild. In erster Linie wird die Ideologie der Alten Rechten
propagiert, wobei sich deutschnationale und neonazistische Positionen
überschneiden. Dann finden sich aber auch Überlegungen der Neuen
Rechten, und zwar sowohl nationalrevolutionäre als auch völkische
und ethnopluralistische. In jüngster Zeit kommt auch noch der Konservatismus
zu Ehren. Summa summarum haben wir es mit einer verwirrende Vielfalt von
rechtsextremen Denktraditionen zu tun, die nicht etwa für Binnenpluralismus
stehen, sondern eher Unsicherheit und Hilflosigkeit indizieren.
So sehr sich die Blattmacher auch um mehr Professionalität bemüht
haben mögen, das Ergebnis ist - selbst mit einer nationalen Brille
gelesen - dürftig. Damit ist nicht nur das schludrige Lektorat gemeint
(es wimmelt nur so von Druckfehlern und nachlässigen Formulierungen).
Auch vom Inhalt her ist die Lektüre langweilig und ermüdend:
Es mangelt nicht nur an klaren Position, sondern auch an eigenen Therapievorschlägen
(wenn Forderungen benannt werden, sind sie zumeist von anderen Parteien
entlehnt). Die Zeitung beschränkt sich in der Regel auf oft völlig
abwegige und vorurteilsbehaftete Kritik, die hinsichtlich der bestehenden
Verhältnisse gewaltigen Haß und abgrundtiefe Entfremdung signalisieren.
Oft werden - insbesondere bei der sozialen Frage und dem politischen System
der Bundesrepublik - bestehende Defizite und Schwächen ins nahezu
Unendliche vergrößert, um Dekadenz, Zersetzung und Untergang
zu beschwören. Dies gilt entsprechend für den Rekurs auf in
der Bevölkerung weit verbreitete Vorurteile gegenüber Ausländern
und Asylbewerbern. Offenbar befinden sich die BBZ-Autoren in dem (Irr-)
Glauben, daß der Erfolg der extremen Rechten davon abhängt,
ob es ihr gelingt, ein gigantisches Bedrohungsszenario zu verbreiten,
das nur einen einzigen Ausweg zuläßt: Die Rückkehr in
die vermeintliche gute alte Zeit, wo die Wirtschaft florierte, der Bauernstand
stark war, überall gebaut und geschaffen wurde, wo es keine Kriminalität,
Gauner, Lumpen und Volksfeinde gab und die Jugend noch Glanz und Stolz
der Nation war. Folglich werden der Nationalsozialismus verherrlicht und
seine Verbrechen geleugnet: Schuld am Zweiten Weltkrieg hatten nicht die
friedliebenden Deutschen, sondern die kriegslüsternen Briten. Und
überhaupt waren die Juden an allem schuld.
Dieses seit 1945 im bundesdeutschen Rechtsextremismus gebetsmühlenartig
wiederholte und selbst aus rechtsextremer Sicht relativ schlichte Bild
von deutscher Geschichte und Gegenwart, das im Kern die Botschaft der
BBZ - trotz aller Diffusität und Veränderungen im einzelnen
- bildet, ist nationalsozialistisch. Relativierende Formulierungen
oder Anklänge an die NS-Linke, was die Vorsilbe "Neo" rechtfertigen
würde, finden sich nicht. Die Charakterisierung der BBZ als nationalsozialistisch
schließt ihren antisemitischen Impetus mit ein.
Die großdeutschen Ambitionen und der Neo-Rassismus
fügen sich nahtlos in das Bild ein. Dieses Bild wird allerdings nicht
zusammenhängend dargestellt. Es ergibt sich nur indirekt als gemeinsames
Band von Berichterstattung und Kommentierung der BBZ über die Zeit
hinweg. Umfassende Analysen und theoretische Reflexionen finden sich kaum
und würden die meisten Autoren wohl auch intellektuell überfordern.
Im Vordergrund steht wie gesagt die punktuelle Kritik an den bestehenden
gesellschaftlich-politischen Zuständen. Das "System" wird
offenbar nicht als reformierbar angesehen. Es findet sich aber kein expliziter
Aufruf zur gewaltsamen Veränderung der bestehenden Verhältnisse,
beispielsweise im Sinne der Rückkehr zum Nationalsozialismus. Dies
dürfte aber wohl taktischen Erwägungen geschuldet sein (wegen
strafrechtlicher Konsequenzen), denn aus den Sympathien zum Nationalsozialismus
wird kein Hehl gemacht, und Gewalt bzw. militanter Rechtsextremismus werden
weder abgelehnt noch ausgegrenzt.
6. Quellenbasis
Ausgewertet wurden folgende Ausgaben der BBZ: 2. Jg., Nr. 1, Februar/März
1993 / 2. Jg., August/September 1993 / 2. Jg., November/Dezember 1993
/ 2. Jg., Januar/Februar 1994 \ 3. Jg., April/Mai 1994 / 3. Jg., Juli/August
1994 / 3. Jg., September/Oktober 1994 / 3. Jg., Dezember 1994/Januar 1995
/ 3. Jg., Nr. 15, Februar/März 1995 / 3. Jg., Nr. 16, April/Mai 1995
/ 3. Jg., Nr. 17, Juni/Juli 1995 / 3. Jg., Nr. 18, Oktober/November 1995
/ 3. Jg., Nr. 18 [richtig: 19], Neujahr 1995/1996 / 4. Jg., Nr. 21, März/April
1996 / 4. Jg., Nr. 22, Mai/Juni 1996 / 4. Jg., Nr. 23, August 1996 / 4.
Jg., Nr. 24, November/Dezember 1996.
Alle Angaben in diesem Manuskript beziehen sich - soweit nicht anders
vermerkt - auf diese Ausgaben.
Michael Kohlstruck:
Der völkische Angriff auf Freiheit, Gleichheit und Toleranz
Die BBZ ist ein politisches Kampfblatt und keine Zeitung. Sie verbreitet
eine aggressive politische Position, ihr Ziel ist nicht die Beschaffung
und Verbreitung von professionell recherchierten und überprüften
Nachrichten. Die Sichtweise der BBZ ist leicht zu verstehen und darzustellen,
da sie recht schlicht ist: die Ursachen von politischen und sozialen Probleme
lassen sich immer im Handumdrehen benennen, und ebenso einfach sind die
angebotenen Lösungen. Meist liegt alles nur daran, daß der
sog. "nationale Standpunkt" nicht berücksichtigt worden
ist oder daran, daß Politiker als solche korrupt sind.
Die Strategie der BBZ besteht im Angriff auf Personen, Gruppen und Institutionen.
Dazu werden Informationen über Ereignisse und Hintergründe zum
Anlaß genommen. Die BBZ nimmt einzelne politische, soziale, kulturelle
und ökonomische Entwicklungen zum Vorwand, die alte Botschaft von
der "Krise der bisherigen Politik" zu verkünden. Diese
Krise wird als derart tief und umfassend dargestellt, daß nur eine
radikale völkische Neuorientierung der Politik überhaupt einen
Ausweg eröffnen kann. Dieses einfache Schema macht die BBZ einfältig
und langweilig. Das Szenario der totalen Krise wird aus verschiedenen
Elementen zusammengesetzt. Eine zentrale Rolle spielt das Thema ansässige
Ausländer und Asylbewerber, das auf zwei Ebenen behandelt wird. Tagesaktuell
und gestützt auf manipulierte statistische Angaben zeichnet die BBZ
ein Schreckensbild von "Sozialschmarotzertum", "Asylbetrug",
"Ausländerkriminalität" und "Überfremdungspolitik".
Diese Aspekte werden in allen Ausgaben der BBZ behandelt. Ihre eigentliche
Aussage wird allerdings erst deutlich, wenn man diese Einzelbeiträge
im Zusammenhang mit ihrer weltanschaulichen Begründung liest. Dabei
stellt sich die BBZ ausdrücklich in die Tradition einer völkischen
Bewegung und erklärt diese Weltanschauung zu ihrem Selbstverständnis.
Im folgenden wird zunächst belegt, daß die BBZ auf der aktuellen
Ebene mit falschen und demagogisch verzerrten Behauptungen operiert. Danach
wird der geistige Kern, die völkische Weltanschauung dargestellt.
Im letzten Abschnitt wird gezeigt, inwiefern die tagespolitischen und
die grundsätzlichen Ausführungen der BBZ ein Angriff auf die
Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Toleranz sind. Die BBZ fordert
- so die These - eine völkische Apartheid und bedroht eine friedliche
Pluralität verschiedener Lebensweisen.
1 Die ausländerfeindliche Demagogie der BBZ
Ausländer als kriminelle Bedrohung
Die BBZ verwendet für die Bezeichnung von Asylbewerbern oder anerkannten
Asylberechtigten die diskriminierenden Bezeichnungen "Asylbetrüger",
"Scheinasylanten", "Glücksritter" und "Sozialschmarotzer"
(Febr./ März 1993:1f.). Damit wird für alle Asylbewerber und
von vorneherein unterstellt, ihre Anträge auf Asylgewährung
erfüllten nicht die erforderlichen asylrechtlichen Voraussetzungen
und würden überdies in betrügerischer Absicht gestellt.
Die diskriminierende Wortwahl wie die selbstverständliche Unterstellung
betrügerischer Absicht faßt alle Asylbewerber und -berechtigte
zu einer homogenen Gruppe zusammen und erklärt sie zu Kriminellen.
Die BBZ stellt Asylbewerber und -berechtigte als Schmarotzer dar. Dabei
veröffentlicht sie (ohne die üblichen Quellennachweise) abstrus
falsche Angaben zu den Kosten des Asylverfahrens und der Asylgewährung.
Im Jahr 1992 seien für den genannten Personenkreis Kosten in Höhe
von "weit über 40 Milliarden Mark an Steuergeldern" entstanden
(Febr./ März 1993:1; Nov./ Dez. 1993:1) - offensichtlich eine interessierte
Falschinformation: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben die
Kosten für alle Sozialhilfeleistungen an Deutsche und Ausländer
zusammen im Jahr 1992 42,60 Mrd. DM betragen.
Für das Jahr 1993 erwartet die BBZ Asyl-Kosten in Höhe von
65 Mrd. DM (Febr./März 1993:2), die tatsächlichen Gesamtausgaben
für die gesamte Sozialhilfe haben (wiederum dem Statistischen Bundesamt
zufolge) 48,9 Mrd. DM betragen. Jedem seriösen Zeitungsredakteur
wäre aufgefallen, daß diese Zahlen nicht stimmen können
- der BBZ dienen die haltlosen Übertreibungen als Beleg für
ihre diskriminierende These: Asylbewerber und Asylberechtigte seien Schmarotzer
und lägen dem deutschen Steuerzahler in bedrohlicher Weise auf der
Tasche: Die Kosten für Asyl machten lt. BBZ 80 Prozent der staatlichen
Neuverschuldung aus (Februar/ März 1993:1).
Einen Bericht über die Kriminalität von Ausländern kommentiert
die BBZ u.a. folgendermaßen: "Mit unseren 'eigenen' Kriminellen
würden wir schon fertig werden. Unser Problem sind die kriminellen
Asylbetrüger, Ausländerbanden, Russen-Mafia, Polen-Schieber,
türkische Jugendgangs, afrikanische Rauschgiftdealer, iranische und
libanesische Killerkommandos, vagabundierende Zigeuner-Clans und albanische
Hütchenspieler usw. usw. Laut Kriminalstatistik stellen die oben
genannten den überwiegenden Teil aller in Deutschland begangenen
Straftaten." (Febr./März 1993:2) Diese Darstellung arbeitet
zunächst mit einer gewollten Entdifferenzierung. Russen-Mafia und
türkische Jugend-Gangs haben soviele Gemeinsamkeiten wie Jugend-Cliquen
in Frankfurt (Oder) und professioneller Bankenbetrug in Frankfurt am Main.
Der Sinn dieser Pauschalisierungen ist die Inszenierung einer diffusen
Bedrohung, um ihr schließlich einen einzigen Namen geben zu können:
Ausländer. Die quantitativen Angaben entbehren jeder Grundlage. Während
die BBZ behauptet, die hier lebenden Ausländer "stellen allerdings
den höchsten Anteil an Verbrechern in unserem Land", wird dies
von der Polizeilichen Kriminalstatistik 1992 (PKS, S.71f.) klar widerlegt:
Von den rd. 1,8 Mio. Tatverdächtigen (nicht: rechtskräftig Verurteilte!)
sind 30 % Ausländer und 70 % Deutsche.
In der wissenschaftlichen Kritik der Kriminalitätsberichterstattung
werden überdies einige notwendige Voraussetzungen eines sachlichen
Vergleichs zwischen der Kriminalität von Deutschen und Nicht-Deutschen
benannt. Dazu gehört die Bereinigung der PKS um ausländerspezifische
Delikte, die - wie Verstöße gegen das Ausländer- oder
das Asylverfahrengesetz - Deutsche in der Regel nicht begehen können.
Herausgerechnet werden muß weiter die sog. "Touristenkriminalität"
derjenigen Nicht-Deutschen, die sich nur vorübergehend hier aufhalten.
Weiter muß bei einem Vergleich von Tatverdächtigenraten die
unterschiedliche Struktur der deutschen und der nichtdeutschen Wohnbevölkerung
beachtet werden.
Eine höhere Tatverdächtigenrate bei Ausländern hängt
z.Bsp. nicht mit dem Umstand zusammen, daß sie Ausländer sind,
sondern mit ihrer Unterschichtzugehörigkeit. Auch Deutsche dieser
Schicht gehören überproportional häufig zu den Tatverdächtigen.
Die BBZ läßt solche Differenzierungen unberücksichtigt,
um ein möglichst dramatisches Bild von ausländischen Straftätern
zu zeichnen. Unspektakuläre Delikte (wie Verstöße gegen
das Meldegesetz o. dgl.) werden überhaupt nicht erwähnt, wichtig
ist der BBZ allein die Hervorhebung von Straftaten, die unmittelbar auf
Leib, Leben und Eigentum der Deutschen gerichtet sind. Die falschen Zahlen
und bewußten Suggestionen sollen eine Bedrohung durch Fremde belegen.
Letztlich soll nicht die Kriminalität bekämpft, es sollen die
Ausländer stigmatisiert werden.
Ausländer als soziale Bedrohung
Eine Konkurrenz zwischen Ausländern und Deutschen um Arbeitsplätze
und Wohnungen wird in der BBZ in markanter Weise zu einem statischen Gegensatz
zwischen "deutschen" und "ausländischen Interessen"
simplifiziert: Das zugrundegelegte Modell geht davon aus, daß die
Nachfrage von Deutschen und Ausländern nach Wohnungen und Arbeitsplätzen
quantitativ wie qualitativ in einer Nullsummenrelation stehen. Was die
einen haben, muß in dieser Logik den anderen fehlen.
Dieses schlichte Denkmodell verkennt, daß Marktverhältnisse
dynamische Verhältnisse sind und nicht ein- für allemal feststehen.
Ganz offensichtlich gibt es unterschiedliche Voraussetzungen hinsichtlich
Qualifikation und Erwartungen an Arbeitsplätze bzw. hinsichtlich
Ansprüchen und Kostenniveau bei Wohnungen. Außerdem können
Arbeitsplätze verloren gehen, neu geschaffen oder geteilt werden.
Ähnliches gilt für Wohnraum. Ebenso wird außer acht gelassen,
daß Arbeitsgenehmigungen für Asylbewerber befristet sind und
überhaupt nur erteilt werden, wenn keine deutschen Bewerber für
die Stellen zur Verfügung stehen. Das strukturelle Problem knapper
Arbeitsplätze wird in der BBZ zu einem ethnisch-nationaler Gegensatz
dramatisiert. Zu dieser Strategie gehört auch die Publikation von
falschen Zahlenangaben zum Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung.
Die BBZ spricht von einem "Ausländeranteil im Westteil Berlin
von über 30 Prozent" (Okt./ Nov. 1995:1) - tatsächlich
beträgt der Ausländeranteil zum 31.12.1995 (eigene Berechnungen
auf Grundlage der Angaben des Statistischen Landesamtes) runde 17 %.
Die BBZ behauptet, in Berlin lebe "mehr als die Hälfte der
Ausländer direkt oder indirekt von staatlichen Sozialleistungen"
(Okt./ Nov. 1995:1), tatsächlich haben 1995 (nach Angaben des Statistischen
Landesamtes) gerade 10 % der hier lebenden Ausländer Sozialhilfe
bezogen. Weiter 7%, nämlich 30.488 Personen haben 1995 Leistungen
nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezogen. Die Häufung solcher
drastisch übertriebenen Angaben belegt die vorsätzlichen Manipulationen.
Die multikulturelle Gesellschaft als Bedrohung
Als Urheber der verfehlten Politik werden von der BBZ neben den sog.
"Systemmedien" oder "Lizenzmedien" (Aug. 1996:10)
insbesondere die Vertreter eines multikulturellen Denkens identifiziert.
Auch hier folgt das Blatt einer einfachen Entweder-Oder-Logik: "Einmal
gibt es die 'Europäer', die Multikulturellen, die in allen Bereichen
zur Zeit das Sagen haben. Auf der anderen Seite die Nationalen, volksbewußten
..." (Jan./Febr. 1994:6).
Den Vertreter einer multikulturellen Politik, die etwa die Frage einer
doppelten Staatsangehörigkeit diskutieren, wird Verrat an den Interessen
der Deutschen vorgeworfen: "Eine Regierung, die auf diese Weise [durch
Diskussion und ggf. Einführung einer doppelten Staatsbürgerschaft,
MK] die Interessen des eigenen Volkes mißachtet und es durch solch
eine Einwanderungspolitik, um nichts anderes handelt es sich hier, langsam
zerstört, handelt verbrecherisch." (Febr./ März 1995:2)
Die Vertreter einer multikulturellen Politik werden als Handlanger von
Kriminellen und als antideutsche Verschwörer bezeichnet. Die Ausländerbeauftragte
von Berlin-Schöneberg, die sich für die Einrichtung eines Jugendklubs
für türkische Jugendliche eingesetzt hatte, wird als Unterstützerin
einer Terror-Bande dargestellt. In dem fraglichen Artikel findet sich
kein Wort über die Probleme von großstädtischer Jugendarbeit
und die derzeit diskutierten Konzepte der Jugendpflege. Reißerisch
wird der Jugendklub als "Zentrum der 'multikulturellen' Jugendgewalt"
denunziert (Sept./ Okt. 1994:5). In ähnlich herabsetzender und beleidigender
Weise wird die Ausländerbeauftragte des Berliner Senats als "Überfremdungspolitikerin"
tituliert (März/April 1996:2).
2 Das völkische Selbstverständnis der BBZ
Die BBZ begründet ihre Sicht auf die tagesaktuellen Themen Aspekte
mit der völkischen Weltanschauung. "Die nationale Bewegung tritt
nicht für eine Ausländerrückführung allein deshalb
ein, weil somit das Arbeitslosen- und Kriminalitätsproblem sowie
die Wohnungsnot beseitigt würden. Nein, die Forderung nach Rückführung
aller hier eingeschleusten Fremden bedeutet die logische Konsequenz einer
völkischen Weltanschauung, welche den Kampf um die Erhaltung und
Höherentwicklung unseres eigenen Volkes beinhaltet." (April/Mai
1995:6)
Mit dieser weltanschaulichen Begründung werden die einzelnen Polemiken
in einen geschlossenen Denkzusammenhang eingebunden. Die BBZ dokumentiert
damit, daß es ihr nicht um die Diskussion von einzelnen Problemen
geht, sondern daß sie ein grundsätzliches Programm hat: "Nur
eine befreiende, soziale wie nationale, auf die Schaffung einer Volksgemeinschaft
ausgerichtete Politik, ist imstande all die Krankheitserscheinungen und
Verwerfungen im Leben unseres Volkes zu beseitigen" (April/ Mai 1995:6).
Was heißt nun "völkische Weltanschauung", welche
politische Ordnung fordert die BBZ? Für die völkischen Weltanschauung
ist "Volk" eine organisch gewachsene Gemeinschaft und die höchste
Instanz im sozialen und politischen Leben.2 Das impliziert verschiedenes:
- Soweit diese Gemeinschaft als gewachsene und damit natürliche
Gemeinschaft verstanden wird, hat sie einen höheren Rang als "künstliche"
oder "geschaffene" Gemeinschaften. Was von Natur aus ist,
hat in diesem Denken einen höhere Dignität als das von Menschen
Gemachte. Die aktuelle "gemachte" Politik wird deshalb vom
Maßstab des "gewachsenen" Volkes her abgelehnt oder
angegriffen.
- Das völkische Volk wird nicht als Summe von individuellen Personen
verstanden, sondern als eine Einheit und Ganzheit eigener Art. Das Volk
wird damit als die existenzielle Grundlage der einzelnen Personen verstanden.
Insofern es der Einzelperson zugrundeliegt, hat es einen höheren
Rang als das Indidviduum. Auf diese Deutungsentscheidung stützt
sich der politische und soziale Kollektivismus des völkischen Denkens,
für den das Kollektiv unbedingten Vorrang vor dem Individuum hat.
Der Slogan "Du bist nichts, Dein Volk ist alles" ebenso wie
alle Varianten eines absoluten Vorrangs eines "Gemeinwohls vor
Eigennutz" drücken diese ontologische und praktische Priorität
des Kollektivs vor dem Individuum aus.
- In der völkischen Weltanschauung wird "Volk" als eine
eigenständige organische Einheit verstanden, die - wie jeder individuelle
Körper - gegen schädliche Einflüsse geschützt und
"gesund" erhalten werden muß. Seine bloße Existenz
ist mit einem praktischen Index oder einer impliziten Handlungsaufforderung
verbunden, nämlich der Verpflichtung, das Volk als solches zu erhalten,
zu pflegen und zu fördern.
In dieser Hinsicht zeigt sich die Bedeutung der politischen Metaphorik3:
Für die individuelle Biographie in der Moderne versteht sich der
Impuls einer Selbsterhaltung, der Wunsch nach einem gesunden Körper,
das Recht auf den eigenen Charakter und einen eigenen Ort von selbst.
Die völkische Weltanschauung zapft die alltäglichen Evidenzquellen
an, wenn sie diese Impulse und Ansprüche vom Individuum aufs Kollektiv
überträgt. Analog zur Vorstellungswelt von Charakter, Körper
und Heimat des Individuums wird Völkern ein eigener Charakter, ein
Volkskörper und ein angestammtes Territorium zugesprochen. Zur logischen
Konsequenz dieser politischen Metaphorik gehört es, daß Völker
ihre Authentizität wahren, d.h. daß sie ihren Volkskörper
pflegen, daß sie ihren Charakter bewahren und sich in einem eigenen
Territorium bewegen.
Wie Individuen haben Völker - um es mit einem Schlagwort auszudrücken
- das Recht auf ihre "Identität". Anders aber als Konflikte,
die als Auseinandersetzung um divergierende Interessen verstanden werden,
sind Identitätskonflikte ungleich elementarer - bei ihnen stehen
mit dem Selbst-Sein und So-Sein unmittelbar die Existenz der Kontrahenten
auf dem Spiel, sie sind aggressiver und weniger leicht zu lösen:
Es geht ums Ganze.
Dieser Kern des völkischen Denkens kann sich mit rassebiologischen
oder mit kulturellen Konzepten verbinden und er kann sich mit politisch
rechten wie mit politisch linken Vorstellungen assoziieren. Die historische
Kontinuität eines Volkscharakters kann auf die Tradierung durch Abstammung
("Blut") oder auf die Tradierung durch Sprache, Geschichte oder
Kultur ("Geist") gestützt werden. Die entscheidenden Annahmen
werden dadurch nicht berührt: Jedes Volk habe einen unveränderlichen
Charakter, einen Körper und ein Territorium, es sei verpflichtet
seine "Volkspersönlichkeit" zu fördern und es sei
berechtigt, sein Territorium zu verteidigen.5
Die BBZ liefert in einer nationalrevolutionär inspirierten Ausgabe
den aktuellen Beweis, daß Kapitalismuskritik und völkisches
Denken durchaus zusammen gehen können: "Es kann nicht darum
gehen anderen Völkern unsere Anschauungen von politischer Ordnung
als allgemeingültig aufzudrängen, sondern nur darum, sie bei
der Durchsetzung ihres eigenen artgerechten [!] Weges zu unterstützen
und uns mit ihnen im Kampf gegen die internationale Hochfinanz zu solidarisieren."
(Juli/Aug. 1994:1).
Aus den zentralen Annahmen der völkischen Weltanschauung folgt
zwingend und immer ein problematisches Verhältnis zu "Volksfremden".
Angehörige eines anderen Volkes werden als Vertreter eines anderen
Volkskultur angesehen, nicht als individuelle Personen betrachtet. Sie
verkörpern "das Fremde", das für die völkische
Weltanschauung eo ipso eine Bedrohung für den Volksorganismus ist.
Zugleich erkennt sich die völkische Weltanschauung ein unbedingtes
archaisches "Recht" zu, die eigene Identität zu wahren.
Damit wird jede Begegnung von Kulturen als ein Kampf von Kulturen interpretiert;
und wie eine persönliche lebensbedrohliche Situation denkbar ist,
gibt es auch in der Verteidigung einer "kulturellen Identität"
die Situation der Notwehr, in der es auf Leben und Tod geht.
3 Die Konsequenz: Völkische Apartheid
Das völkische Denken ist intellektuell anspruchslos: Die Annahme,
Völker hätten jeweils eine einheitliche authentische Kultur
stimmt ganz offensichtlich weder für die Gegenwart noch für
die Geschichte: die verschiedenen modernen, staatlich organisierten Gesellschaften
weisen - auch ohne ausländische Bevölkerung - alle eine hohe
innere kulturelle Vielfalt auf. Und daß "die Deutschen"
des späten 18. Jahrhunderts - als Johann Gottfried Herder die Idee
der Volkspersönlichkeit formulierte - die gleichen seien wie heute,
am Ende des 20. Jahrhunderts, ist einfach Unsinn.
Das völkische Denken ist darüberhinaus radikal und unpolitisch
insofern es auf die historische Tatsache von Migrationen nicht pragmatisch
und flexibel, sondern nur fundamentalistisch und starr antworten kann.
Wo viele und rasche Veränderungen von statten gehen und wo für
politische Gestaltungen ein bewegliches Wissen und eine rationale Phantasie
erforderlich sind, tritt die völkische Weltanschauung auf der Stelle
und wiederholt endlos ihr völkisches Glaubensbekenntnis: "Wir
sind wir und wir sollen wir bleiben."
Das alles könnte eine antiquarische und akademische Angelegenheit
sein; die Volkskörper-Pflege aus dem Geist der Romantik wäre
schließlich kein uninteressantes Studienobjekt. Die BBZ aber ist
ein politisches Organ, das einen Angriff gegen persönliche Würde
und Freiheit, rechtliche Gleichheit und Toleranz führt.
Die völkische Ideologie setzt individuelle Personen zu bloßem
Beiwerk der völkischen Substanz herab. Würde und Respekt wird
ihnen nur nach Maßgabe einer Nützlichkeit für ihr Volk
zugesprochen. Mit dieser Degradierung wird auch das Recht des Individuums
auf freie Selbstbestimmung und Selbstentfaltung negiert. Gemäß
dem völkischen Dogma bestimmt der Dienst am Volk die Lebensführung,
nicht Wunsch und Wille des Einzelnen. Die völkische Ideologie attackiert
das Prinzip der rechtlichen Gleichheit. Die rechtlich-formale Gleichheit
abstrahiert von allen individuellen Besonderheiten. Weder Besitz noch
Geschlecht, weder Religion noch Abstammung, keine kulturellen und keine
sexuellen Vorlieben sollen nach dieser Maxime die Geltung von Menschenrechten
beeinträchtigen. Nicht so im völkischen Denken, für das
eine Rechtsgleichheit - wenn überhaupt - nur im Rahmen eines "Volksorganismus"
und einer "Volksgemeinschaft" gilt. Auf eine völkische
Apartheid ist die Ablehnung von Toleranz gerichtet. Die absolute Inkonvertibilität
der Lebensweisen erfordert eine völkische Isolierung und Reinheit.
Damit wird eine kulturelle Homogenisierung und der Ausschluß alles
Fremden propagiert.
Diese Offensive gegen die Prinzipien eines friedlichen Zusammenlebens
richtet sich in erster Linie gegen die in Deutschland lebenden Ausländer.
Das völkische Denken konstruiert eine Konstellation, in der ein Ausländer
- unabhängig von jedem konkreten Verhalten - automatisch eine fremde
Kultur verkörpert und die fremde Kultur eine Bedrohung der heimischen
Kultur ist. Mit diesen Annahmen sind unmittelbare Handlungaufforderungen
verbunden. Das völkische Denken formuliert eine moralische Berechtigung,
sofort, unter allen Umständen und mit Mitteln der Selbsthilfe die
vermeintliche Gefährdung der eigenen kulturellen Identität "abzuwehren".
Das ist eine Legitimation für Angriffe auf Einzelne und die Deportation
von Gruppen.
Ein Beispiel ist der Bericht über eine öffentliche Diskussionsveranstaltung,
in dem ein "nationaler Redner" zustimmend zitiert wird: "'Es
geht hier nicht darum in welcher Form ich die Asylanten auszahle, ob Bargeld
oder Scheck oder Warengutschein, sondern einzig und allein darum: Haben
diese Ausländer überhaupt eine Berechtigung hier zu sein. Da
das nicht der Fall ist, stellt, sich die Frage, wie wird man sie möglichst
schnell wieder los' ..." (Okt./Nov. 1995:9). Als Akt einer völkischen
"Notwehr" hat die Abschiebung oberste Priorität. Für
die völkische Position steht sie über den Gesetzen des Rechtsstaats.
Die völkische Ideologie bedroht nicht nur Ausländer. Die grundsätzliche
Reduzierung von Individuen auf "ihr Volk" gilt für Nicht-Deutsche
wie Deutsche. Unter den Deutschen sind die "Un-Deutschen" die
Feinde der Völkischen.8 Sie "vergehen" sich gegen ihr "Volkstum"
und werden - wie die oben erwähnten Ausländerbeauftragten -
als "Volksverräter" bezeichnet. - Die völkische Zwangskollektivierung
spricht Ausländern wie Deutschen das Recht auf die freie Selbstentfaltung
ab, sie attackiert den Grundsatz der Rechtsgleichheit und ersetzt die
Idee der Toleranz durch Apartheid. Die BBZ bedroht damit eine friedliche
Pluralität verschiedener Lebensformen.
Rainer Erb:
Antisemitismus in der Berlin-Brandenburger Zeitung
Schon beim ersten Hinblick wird sichtbar, daß das Mitteilungsblatt
der Partei "Die Nationalen", die Berlin-Brandenburger Zeitung
(im folgenden BBZ) dem Themenkomplex "Juden" einen außerordentlichen
Stellenwert einräumt. Nahezu jede Ausgabe von Mai 1993 bis August
1996 enthält hierzu längere oder kürzere Artikel, Kommentare,
Glossen, Nebenbemerkungen, Witze, Bausteine zu einer antijüdischen
Argumentation.
Die antijüdischen Klischees zeigen die gruppenspezifische Ausprägung
und kommunikative Orientierung an. Juden seien Fremde, Ausbeuter, Verschwörer,
Spekulanten, sie seien illoyal und sie manipulierten die öffentliche
Moral für ihre egoistischen Zwecke. Die nationale Zugehörigkeit
wird ihnen ebenso abgesprochen wie die Teilnahmerechte in vielen Bereichen
bestritten, etwa an der Medienöffentlichkeit oder bei Wahlen.
Juden seien Feinde im nationalen Rahmen - als Zensoren der öffentlichen
Meinung und des Geschichtsbildes. Juden seien Feinde im internationalen
Rahmen - sie beherrschen die Weltfinanzen und streben unter ihrer one-world-Regierung
die verhängnisvolle multikulturelle Gesellschaft an. Judentum sei
eine überstaatliche Macht, der aus nationalen Interesse dringend
das Handwerk gelegt werden muß.
Das Themenspektrum reicht von der Diffamierung prominenter Juden (z.B.
Ignaz Bubis) über die Behauptung eines negativen jüdischen Einfluß
auf Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik bis zur Verbreitung der
rechtsextremen "Wahrheit über Auschwitz". Durchgängig
wird über Juden und jüdische Geschichte in einer hämisch-aggressiven,
feindselig-polemischen und herabsetzenden Weise geschrieben. Macht man
die Gegenprobe, so findet sich nicht ein sachlichinformativer Beitrag.
Auf engste Gesinnungsgenossen mag die stilistische Pose der furiosen Engagiertheit
amüsant und motivierend wirken, zumal ihnen die ideologischen Implikationen
der verwendeten Etikettierungen behagen. Der aussenstehende Leser empfindet
die Sprache dieser Hetzartikel nur als abstoßend, unseriös
und unglaubwürdig.
Der Antisemitismus der BBZ ist kein persönliches Ressentiment, sondern
eine Ideologie. Dieser Antisemitismus ist nicht eine Ansammlung antijüdischer
Vorurteile, denn die antisemitischen Topoi sind zu einem konsistent strukturierten
Weltbild geordnet. Die Parteizeitung strebt nach politischer Macht und
aus ihrer Sicht verstellen ihnen die Juden den beanspruchten Platz in
der Gesellschaft.
Deshalb zielt die BBZ im Denken und Handeln auf deren Ausschaltung. Dieses
Ziel wird nicht immer offen angesprochen - die Furcht vor strafrechtlichen
Konsequenzen sind der Grund für eine verschleiernde, umschreibende,
mit Andeutungen und rhetorischen Fragen spielende Sprache. Aber das antisemitische
Programm muß geäußert werden und so finden sich doch
eine Reihe vehement vorgetragener Vertreibungs- und Vernichtungsforderungen.
An Stelle vieler Einzelbelege sei hier das Wahlprogramm der "Nationalen"
zum Berliner Abgeordnetenhaus vom September 1996 zitiert, das von der
BBZ verbreitet und zustimmend kommentiert wurde. Sie forderten den "Abriß
aller Holocaust-Denkmäler", die "sofortige Kündigung
des Staatsvertrages zwischen dem Berliner Senat und der Jüdischen
Gemeinde" und eine "eingehende Überprüfung aller Entschädigungszahlungen
an jüdische Organisationen und Einzelpersonen" (BBZ, Okt. 1995,
S. 5). Die erste Forderung soll die Erinnerung an jüdisches Sterben
tilgen, die zweite jüdisches Leben in der Bundesrepublik unmöglich
machen.
Im Kern lautet das antisemitische Programm der "Nationalen"
und ihrer Zeitung: Befreit Deutschland von den Juden und befreit Deutschland
von der Schuld am Judenmord im Dritten Reich.
Ein Artikel, der unmißverständlich die antisemitische Weltsicht
seines Autors offen legt, soll hier exemplarisch vorgestellt werden. In
einem Kommentar zum 8. Mai schreibt der leitende Redakteur der Berlin-Brandenburger-Zeitung
(Ausgabe April/Mai 1994, S. 2), Christian Wendt: "Auch in diesem
Jahr wird es zum 8. Mai wieder die üblichen Bußrituale der
Bonner "Volksvertreter" geben. Auch diesmal werden die Herrschaften
der Lizenzparteien Asche über ihr Haupt streuen und in demütiger
Politikerhaltung die "Einzigartigkeit deutscher Verbrechen"
betonen. Dabei wird natürlich auch die ergebene Erklärung nicht
fehlen, welches "unsagbare Leid" wir Deutschen der Welt allein
mit unserer Anwesenheit auf dieser Erde zufügen. Der Zentralrat der
Juden wird einmal mehr unterstreichen, daß sich die "Kollektivschuld"
der Deutschen nicht allein durch die spärliche Zahlung von bisher
80 Milliarden Mark an "Wiedergutmachungsgeldern" abtragen lasse.
Nicht reden werden die "deutschen" Politiker freilich von den
Ursachen und Hintergründen, die zum Zweiten Weltkrieg überhaupt
erst führten. Nicht reden werden sie auch von der Rolle des internationalen
organisierten Judentums während dieses Krieges. Kein Wort werden
sie über die Millionen Opfer des stalinistischen Terrors während
der Vertreibung der Deutschen aus ihrer ostdeutschen Heimat verlieren.
Mit keiner Silbe werden sie die Mordnacht von Dresden erwähnen. Oder
über die Opfer der sowjetischen und amerikanischen Konzentrationslager.
Der 8. Mai brachte für Europa zwar zunächst das Ende der militärischen
Auseinandersetzungen. Einen Friedensvertrag gibt es aber bis heute nicht.
Für uns NATIONALE ist dieser Tag kein "Tag der Befreiung",
sondern ein Tag der weiteren Unterdrückung und Knechtschaft des deutschen
Volkes. Wir fordern einen gerechten Frieden auf der Grundlage des geltenden
Völkerrechts. [...]"
Dieser kurze Text enthält in gedrängter Form das Politik-
und Geschichtsverständnis des militanten Rechtsextremismus. Die deutschen
Politiker sind keine Vertreter der "wahren" Interessen des Volkes
- deshalb können sie nur als Pseudo-Volksvertreter bezeichnet werden
(die Anführungszeichen zeigen diese Distanz an). Der Autor unterstellt,
sie seien nicht demokratisch legitimiert, sondern durch fremde Mächte
lizensiert. Die überflüssigen Bußübungen der Politiker
würden diese Behauptung beweisen. Allein die Existenz der Deutschen
füge der Welt ein Leid zu - diese öffentliche Rede sei absurd,
hingegen würden die zahlreichen Verbrechen an den Deutschen verschwiegen
werden.
In dieser Deutung nehmen Juden an zwei Stellen eine Schlüsselposition
ein. In der Gegenwart betreibe der Zentralrat der Juden mittels erpresserischer
Kollektivschuldvorwürfe die finanzielle Ausbeutung der Deutschen.
In der Vergangenheit sei eine Verschwörung des internationalen Judentums
in Verbindung mit den amerikanischen Demokraten und der stalinistischen
Sowjetunion für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich gewesen. Der
Text vermittelt die Botschaft: die schmutzigen Tricks der Juden ändern
sich, aber ihre aggressive Schädigungsabsicht bleibt gleich.
Der Autor wünscht sich ausschließlich in der Rolle des Angegriffenen
zu sehen, der von seinem legitimen Recht zur Selbstverteidigung Gebrauch
macht. In seiner, die Vergangenheit und Gegenwart umschließenden
Interpretation, bereitet er die Zukunft vor. Bereits im voraus wird alle
Schuld an der kommenden Abrechnung dem jüdischen Feind angelastet.
Dieser Position ist die Neigung zum Extremismus inhärent, hier ist
der Antisemitismus total. Warum? Bei dermaßen radikaler Propaganda
kann die Konsequenz, auf die sie hinführt, ebenfalls nur radikal
sein. Es bedarf eines totalitären Staats zur Realisierung dieser
Ziele, zur Liquidierung der angeprangerten Mißstände. Juden
sind keine Minderheit, mit der die Mehrheit einen partiellen Konflikt
haben kann wie mit anderen Gruppen (Ausländer, Asylbewerber usw.),
sondern Juden sind die Gefahr an sich, das ganz Andere, sie verkörpern
das Gegenprinzip schlechthin. Im Juden sieht dieser fanatische Antisemit
das Ganze: das Ganze aller Schäden, Niederlagen und Kränkungen,
die er sich vorstellt und die er erleidet.
Daran schließt aber auch das Ganze seiner Hoffnungen an, das Wunschbild
seiner Freiheit, Einheit, des Friedens und der Gerechtigkeit. Sein Antisemitismus
hat eine doppelte Qualität und unterscheidet sich vom bloßen
Irrtum (oder Vorurteil) dadurch, daß er unmittelbar an eine Wunschvorstellung
anknüpft. Kognitiv - durch die (irrationale) Fähigkeit, die
deutsche Misere, ja die Schlechtigkeit der Welt zu erklären; emotional
- weil er eine (utopisch-irrationale) Vorstellung von gesellschaftlicher
Ordnung hat, nicht-jüdisch und deshalb sozial gerecht, national geeint,
frei von Widersprüchen und Konflikten.
Während die Konstanz antideutscher Aggression der Juden seinem
manichäischen Weltbild, seinem Unvermögen entspringt, zwischen
Realität und Phantasie zu unterscheiden, knüpft der Antisemit
an eine traditionsreiche Progagandalinie an - dem Nationalsozialismus
und dessen Behauptung, Deutschland sei von Feinden umringt, die das deutsche
Volk und seine ureigene Staatsordnung vernichten wollten.
Statt vieler Zitate sei hier an eine Passage aus Hitlers Aufruf an die
"Soldaten der Ostfront" vom 22. Juni 1941 erinnert, mit der
er die Verantwortung für seine Vernichtungsabsicht auf andere abwälzen
wollte: "Trotzdem [trotz seiner Friedensangebote] setzte die neue
haßerfüllte Einkreisungspolitik gegen Deutschland wieder ein.
Innen und außen kam es zu jenem uns bekannten Komplott zwischen
Juden und Demokraten, Bolschewisten und Reaktionären mit den einzigen
Zielen, die Errichtung des neuen deutschen Volksstaates zu verhindern,
das Reich erneut in Ohnmacht und Elend zu stürzen." Die Position
der BBZ zu Juden ist antisemitisch und sie ist nationalsozialistisch.
Neu an diesen Neonazis ist nur ihre altersmäßige Distanz zum
Nationalsozialismus. Von ihnen geht eine politische Gefahr aus und deshalb
ist die demokratische Gesellschaft aufgefordert, die Juden vor diesen
Antisemiten und sich selbst vor ihren Judenfeinden zu schützen.
Über die Autoren
Dr. Rainer Erb: Soziologe am Moses Mendelssohn Zentrum
für europäisch-jüdische Studien an der Universität
Potsdam; zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen Antisemitismus,
Rechtsextremismus und Jugendgewalt.
Ulli Jentsch: freier Journalist und Autor, Mitarbeiter
des Antifaschistischen Presse-Archivs und Bildungszentrum Berlin e.V.
Dr. Michael Kohlstruck: wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Institut für Politische Wissenschaft der Rheinisch-Westfälischen
Technischen Hochschule Aachen; letzte Veröffentlichungen: Zwischen
Erinnerung und Geschichte. Der Nationalsozialismus und die jungen Deutschen,
Berlin 1997 (Metropol-Verlag); Der Umgang mit dem Nationalsozialismus
- Zu einigen neueren Untersuchungen, in: Politische Vierteljahresschrift
38 (1997), H.2, S. 344-355.
Dr. Richard Stöss: Privatdozent am Fachbereich
Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin und wissenschaftlicher
Angestellter am dortigen Otto-Stammer-Zentrum für Empirische Politische
Soziologie. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Parteien, Wahlen und Rechtsextremismus.
Copyright © 1997 beim Herausgeber,
für namentlich gekennzeichnete Artikel bei den Autoren.
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