Archivbestände des Otto-Stammer-Zentrums
Im Februar 2008 hat das apabiz eine der wohl umfangreichsten Sammlungen
über den zeitgenössischen Rechtsextremismus in Deutschland übernommen.
In rund 250 Kisten lagern bei uns nun über 150 neue laufende Regalmeter
zum Thema. Das Material ist für die antifaschistische Bewegung, für
Wissenschaft und Forschung von unschätzbarem Wert.
Es gehört zu den seltenen Glücksfällen, wenn ein Archiv
wie das apabiz derart viele Materialien übernehmen kann, die fast
ausnahmslos eine Ergänzung zum vorhandenen Bestand darstellen:
rechtsextreme Periodika und andere Primärquellen aus der alten Bundesrepublik
zwischen 1950 und
1990, Presseauswertungen zum Teil bis ins Jahr 1950 zurückgehend,
thematische Auswertungen in
mehr als 200 Ordnern, Interviews mit führenden Personen der NS-Szene
aus den 1970er und 1980er Jahren und anderes mehr.
Ein
erster Einblick
Diese Materialien haben wir im Februar aus dem Otto-Stammer-Zentrum
am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität
Berlin übernommen. Sie sind Altbestände des Sammlungsgebietes
Rechtsextremismus, die noch aus dem ehemaligen Zentralinstitut für
sozialwissenschaftliche Forschung (ZI6) stammen. Unter anderem auf Grundlage
dieser Materialien wurde 1986 vom renommierten Berliner Parteienforscher
und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Richard Stöss, der auch Geschäftsführer
des Otto-Stammer-Zentrums ist, das »Parteienhandbuch« herausgegeben,
welches als eines der Standardwerke der politischen Literatur im Nachkriegsdeutschland
gilt.
Im Grunde sind die nachgelassenen Materialien für die Jahre 1950
bis 1990 die Entsprechung dessen, was das apabiz in der Zeit danach gesammelt
hat und bis heute sammelt: Primär- und Sekundärquellen sowie
inhaltliche Analysen zum Thema. Über viele Jahrzehnte hinweg ist
neben Beständen von und über rechtsextreme Parteien auch vielfältiges
Schriftgut aus dem diffusen rechtsextremen Spektrum zusammen gekommen:
rechtsextreme Vereine, Kulturorganisationen, Zeitschriften und Verlage,
NS-Gruppen. Sie vervollständigen das Bild einer vernetzten rechtsextremen
Subkultur.
Wir werden durch diese Materialien in die Lage versetzt, Bereiche des
bundesdeutschen Rechtsextremismus zu dokumentieren, die bisher einer nicht-universitären
Öffentlichkeit verschlossen waren. Zwar wird vieles bei einer nur
gelegentlichen Suche zum Thema nicht besonders relevant sein. Jedoch bietet
der neue Bestand außergewöhnliche Materialien, um die Organisationsgeschichte
des bundesdeutschen Rechtsextremismus anhand von Originalquellen nachzuzeichnen.
So finden sich dort Publikationen von Organisationen wie der Sozialistischen
Reichs-Partei (SRP), der Deutsch-Sozialen
Bewegung (DSB), der Strasser-Bewegung,
der Deutschen Partei (DP), der Wiking-Jugend
und der NPD in ihrer Frühzeit. Aber auch weitgehend unbekannte Strömungen,
über die sich in dem Archiv Material finden lässt haben ihre
Spuren im heutigen Rechtsextremismus hinterlassen. Schon der flüchtige
Blick durch enthaltene Publikationen verdeutlicht Kontinuitäten,
die in der Debatte um den modernen Rechtsextremismus bedauerlicherweise
kaum mehr eine Rolle spielen. So sind politische Bewegungen wie der NATIONALNEUTRALISMUS
oder die der NATIONALREVOLUTIONÄRE keineswegs einflusslos gewesen,
obschon sie selten massenwirksam waren.
Noch heute aktuell
Der NATIONALNEUTRALISMUS war eine westdeutsche Strömung des Rechtsextremismus.
In seiner Dissertation von 1977, »Vom Nationalismus zum Umweltschutz«,
beschreibt Richard Stöss kenntnisreich diese Strömung am Beispiel
der Deutschen Gemeinschaft (DG) und ihrer
Nachfolgerin, der Aktionsgemeinschaft Unabhängiger
Deutscher (AUD).[1] Diese war der »Versuch einer volkskonservativ-populistischen,
basisdemokratischen, antikapitalistischen, antiimperialistischen und neutralistischen
Alternative« zur Bundesrepublik und hatte eine Vielzahl von Facetten.
Das übernommene Archivmaterial belegt die Geschichte dieser Organisation
detailliert. Teile dieser Strömung fanden ihren Weg auch in die neugegründete
Partei »Die Grünen«. So AUGUST HAUßLEITER, der
maßgeblich in der Deutschen Gemeinschaft gewirkt hatte[2]
und 1979 zu einem der Parteisprecher der Grünen gewählt wurde.
Einen noch deutlicheren Einfluss auf die heutigen Formen des Rechtsextremismus
haben die sogenannten NATIONALREVOLUTIONÄRE gehabt. Sie werden heute
vor allem in Stil und Inhalt ihrer Propaganda kopiert, auch wenn die meisten
Kameradschafts-Nazis von ihren eigenen Vorläufern keine Ahnung haben.
In den gesamten 1970er Jahren wurde hier ein antikapitalistischer und
antiimperialistischer Diskurs innerhalb der extremen Rechten etabliert,
der in manchen Teilen eins zu eins von den Vorbildern der linksradikalen
Studentenbewegung kopiert wurde. Weshalb sich manche der damaligen NATIONALREVOLUTIONÄRE
auch als »Neue Rechte« bezeichneten. Ideologiefragmente, Parolen
und historische Vorbilder aus jener Zeit haben es über verschlungene
Wege, über Organisationen wie die 1992 verbotene Nationalistische
Front aber auch die Jungen Nationaldemokraten
bis ins Parteiprogramm der NPD geschafft.
Eine weitere Strömung, zu der sich in dem Bestand einiges findet,
wird alle paar Jahre neu diskutiert: die sogenannten »Freisozialen«,
»Freiwirte« oder auch »Gesell-Anhänger«.
Sie verfügen über eine traditionsreiche Organisationsgeschichte,
die 1946 mit der Gründung der Radikalsozialen Freiheitspartei (RSF)
Einfluss auf die Nachkriegsgeschichte nahm. 1950 entstand die Freisoziale
Union (FSU), deren Nachfolger noch heute aktiv sind. In den Beständen
des Parteienarchivs befindet sich eine der umfassendsten Sammlungen hierzu.
Ausblick
Die Übernahme des Archivs des Otto-Stammer-Zentrums bedeutet eine
großartige Möglichkeit und eine Herausforderung zugleich. Da
der Fachbereich diese Bestände seit langem weder pflegen noch zur
Verfügung stellen konnte, wurden sie an das apabiz mit der Maßgabe
abgegeben, dass die Bestände erfasst und öffentlich zugänglich
gemacht werden. Uns ehrt dieses Vertrauen in das apabiz sehr. Allerdings
ist das Ganze nicht ohne Bürde: Viele Materialien haben schon vierzig
oder fünfzig Jahre auf dem Buckel und brauchen eine angemessene Behandlung
und Lagerung. Das bereit zu stellen, bedeutet für unser notorisch
unterfinanziertes Archiv auch einen Kraftakt. Wir werden einiges anstellen
müssen, um hierfür Mittel und Wege zu finden. Alle unsere FreundInnen
und Fördernden werden wir regelmäßig über die Entwicklung
auf dem Laufenden halten.
Ulli Jentsch
Quelle: monitor
Nr. 34
1) Richard Stöss: »Vom Nationalismus zum Umweltschutz.
Die
Deutsche Gemeinschaft/Aktionsgemeinschaft Unabhängiger
Deutscher im Parteiensystem der Bundesrepublik«. Opladen
1980.
2) Vgl. auch »Profil: Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher
(AUD)« unter http://www.apabiz.de/archiv/material/
Profile/AUD.htm.
Das PfiFf-Archiv
Das apabiz verwaltet das Archiv des Projektes für interdisziplinäre
Faschismus-Forschung (PfiFf). Das PfiFf arbeitete vor allem über
das Themenfeld der sogenannten „Neuen Rechte“. Im Archiv finden
sich daher vor allem Schriften von und Analysen über diesen Bereich.
Das PfiFf hat folgende Publikationen veröffentlicht:
| Ändert die Zukunft Deutschlands Vergangenheit?
Eine Kritik an Rainer Zitelmann und Arnulf Baring. Herausgegeben
von der Antirassismusarbeitsgruppe am Fachbereich Geschichtswissenschaften
in Verbindung mit PfiFf. Berlin 1992. 32 Seiten. Vergriffen. |
|
Auschwitz. Dokumentation einer in studentischer Eigeninitiative
entstandenen Exkursion zur Gedenkstätte Auschwitz im Juni 1990. Berlin
1990.36 Seiten. Vergriffen.
Buchenwald. Dokumentation einer in studentischer Eigeninitiative
entstandenen Exkursion zur Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald in der
DDR. 40 Seiten. Vergriffen.
Nachfolgend eine Auswahl der Themenordner des PfiFf-Archivs:
- Neue Anthropologie
- Criticon
- Nation & Europa
- Staatsbriefe
- Deutschland in Geschichte und Gegenwart
- Junges Forum
- Armin Mohler und die Konservative Revolution
- Biopolitik
- Etappe
- Telos
- Europa Vorn / Europa Vorn Spezial
- DESG-Inform
- Wir Selbst
- Elemente
- MUT
- Junge Freiheit
Das DVZ-Archiv
Im März 1999 hat das apabiz das Redaktionsarchiv der Wochenzeitung
„Volkszeitung“ übernommen. Das Archiv enthält die
Redaktionssammlungen sowie ein mehrere tausend Bilder umfassendes Fotoarchiv.
Die Volkszeitung
Die „deutsche volkszeitung/die tat“
war vor allem in den siebziger und achtziger Jahren ein Sprachrohr
verschiedener außerparlamentarischer Bewegungen. Das Engagement
der Friedensbewegung, der Frauenbewegung, der Gewerkschaften, der
Anti-AKW-Bewegung sowie der antifaschistischen Initiativen fanden
hier ihren Platz. Dabei artikulierte die Zeitung vorwiegend Positionen
auch der alten Linken, vor allem der VVN. |
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Die Zeitung war entstanden aus dem Zusammenschluss von „Deutsche
Volkszeitung“ (DVZ) und „die tat“. Die DVZ war
1953 in Düsseldorf von Reichskanzler a.D. Dr. Joseph Wirth
gegründet worden. Sie stand für einen national-neutralistischen
Kurs, der sich vor allem um die Anerkennung der DDR bemühte.
„die tat“ wurde 1950 in Frankfurt/Main als Organ
der VVN – Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes gegründet.
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Anfang der neunziger Jahre fusionierte die Volkszeitung mit dem Sonntag
aus Ostberlin, gegründet 1946 vom Kulturbund zur demokratischen Erneuerung
Deutschlands, zur noch heute in Berlin erscheinenden Wochenzeitung freitag.
Bildbeispiele:
Die Recherche im Archiv der DVZ ist bisher nur in eingeschränktem
Umfang und ausschließlich nach vorheriger Anmeldung möglich.
Nachfolgend die Themen des Redaktionsarchivs:
- Bundeswehr-Skandale, u.a. Rudel-Affäre
- Justiz / Urteile / Vorgehen gg. Nazis & Antifa / Strafvollzug
- Deutsche Aktionsgruppen / Roeder / Lembke
- VSBD
- Neofasch. Grundsatz / Faschismusdiskussion
- Duisburg / Frankfurt
- Wiedergutmachung
- NS-Embleme / Symbole
- WSG Hoffmann
- Neonazis Personen A-Z (4)
- Neonazis Organisationen A-Z (2)
- NPD-Deutschlandtreffen 1979
- NPD Coburg / BPT 1985
- NPD / JN 1969 - (3)
- Nazis öffentlicher Dienst / Schule
- Archiv Militarismus
- Vorgehen gg. Antifa
- Archiv Geschichte 1900-58 (2)
- Antifaschismus
- Antifaschismus
- Neonazis Ideologie (2)
- Antisemitismus
- Neonazis Ausland (2)
- Faschismusbewältigung / Holocaust-Debatte
- Holocaust - Der Film
- Kühnen + FAP
- Neonazis / Verbindungen
- Revanchismus
- Verbotsverfahren gg. VVN
- Gedenktage
- Graue Wölfe
- Rechtsextremistische Aktivitäten
- Umtriebe Frankfurt
- Neonazis allgemein / offiz. Stellen / VS-Berichte
- Konservative / Braunzone / Grauzone / KA / PEU
- NSDAP
- Gewalttaten / Waffenfunde / Umtriebe nach Städten (2)
- Archiv NS / Neonazismus / Center (2)
- Neonazis / Krefeld / Rheinland-Pfalz / Bayern / Hessen
- Karl Carstens
- Kriegsverbrechen
- Kriegsverbrecher (11)
- FAP Dortmund / Bielefeld / Gelsenkirchen
- Fußball-Fan-Clubs / Skinheads
- ANS / Bückeburg-Prozess
- Kiesinger
- Filbinger
- KZ-Prozesse
- Nazi-Richter (2)
- Lammerding-Prozess (2)
- Auschwitz-Prozess 1965
- Archiv NS / Nürnberg / Gestapo
- Geschichte II. WK / Luftkrieg / U-Boot-Krieg / Russlandkrieg
- Kriegsfall / Luftschutz / Katastrophendienst
- Archiv Kriegsverbrecher / Polizei / Kulmhof / Einsatzkommandos
Archiv DDR / Arbeit
- Bildungs- und Erziehungswesen
- Kultur (2)
- Jugend
- OP
- Außenpolitik / R-Z
- G-H
- Anerkennung (2)
- Kirchen
- Außenpolitik (3)
- Landwirtschaft
Archiv Atom
- Raketenbasen
- Kampf dem Atomtod / Organisation
- Wissenschaftler / Namen
- Organisationen / Ständiger Kongress
- Atom-Müll / Atomphysik / Atomgesetz / Atomkrieg
- Wissenschaftler u. Atomwaffen (2)
- Kraftwerke / Atomwirtschaft
- Atomversuche L-Z
- Stellungnahmen
- Pugwash
- Hiroshima u. Nagasaki
- Aktion gg. Atomtod
- Atomschäden
Archiv / Kriegsvorbereitungen
- Politik / Konferenzen / Militärpolitik
- Konferenz Genf 1985
- Moskauer Vertrag (2)
- Krieg / Antikriegstag
- Militarismus / F-L
- Reform des § 218
- Großbritannien / Kolonien / S-Z
- Deutschland / Beziehungen DDR (3)
- Parteien / GVP
- Berlin West / Verhandlungen
- Justiz / Notstandsgesetze (3)
- Messe / Leipziger Messe
- Friedensbewegung / Weltfriedensrat
- Militär / Soldatenverbände
- Friedenskongress / Helsinki
- Friedensbewegung / Strategie
- Exilkroaten / Exilvietnamesen
- Startbahn West
- Umwelt - Ökologie
- Terrorismus
- NATO-Strategie / Naturschutz
- Militärpolitik (2)
- Rüstung / Abrüstung
- VIII. Parteitag
- Internat. Naturwissenschaftler-Kongress Hamburg 1986
- Abrüstung / Aktionen
- Polen
- Militärpolitik / Neutronenbombe / Ausland
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